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Hängepartie

Anfang der 1990er Jahre habe ich fast meine gesamte Freizeit mit Sportklettern und Bergsteigen verbracht. Das mag ungewöhnlich klingen, doch in Hamburg gab es gleich zwei Sektionen des Deutschen Alpenvereins mit mehr als tausend gleichgesinnten Mitgliedern.
So lohnte sich für die Hamburger Sektion auch die Unterhaltung zweier Hütten in den schönsten nördlichen Klettergebieten Harz und Weserbergland.

Im Laufe meiner Bergsteigerkarriere habe ich auch an verschiedenen Höhlenbefahrungen teilgenommen und mich mit dem Höhlenvirus infiziert, was mich veranlasste, innerhalb unserer Sektion eine Höhlengruppe zu gründen, die Späläogruppe des Deutschen Alpenvereins, Sektion Hamburg. Soweit zum besseren Verständnis die Vorgeschichte.

Eines Tages rief in der Geschäftsstelle ein Fotograf an und erkundigte sich, ob es beim Alpenverein auch Kletterer geben würde, die gegen Bezahlung als Stuntman an einer Werbekampagne teilnehmen würden. Erst in den folgenden Jahren entwickelte sich aus dem offenbar bestehenden Bedarf der Beruf des Industrie- und Baumkletterers in unserem Land, so erhielt der Alpenverein viele solcher Anfragen.

Die Geschäftsstellenleiterin gab ihm die gewünschte Auskunft, dass es in Hamburg eine Höhlengruppe geben würde, deren Mitglieder nichts lieber täten, als an irgendwelchen Seilen in irgendwelchen Höhlen herumzuhängen. Sie gab dem Fotografen meine Rufnummer, er sollte mich doch einmal persönlich fragen.

Sein Anruf erreichte mich prompt und er erklärte mir seine Idee: Haben Sie denn schon im Werbefernsehen unseren Pilotfilm zu diesem Projekt gesehen? Wo eine Reihe Manager geohrfeigt werden, die waren schlecht informiert, weil sie nicht die richtige Zeitung gelesen haben? Ja, diese Werbung hatte ich gesehen, den tieferen Sinn aber nicht ganz verstanden. Wir machen Werbung für eine große Tageszeitung, fuhr er fort, die Hintergrundidee ist, das die Führungskräfte abgewatscht und bestraft werden, weil sie das Blatt nicht gekauft und gelesen haben. Nun wollen wir das Projekt mit einer Fotokampagne weiterführen, dazu brauchen wir zwei Stuntman, die an den Socken aufgehängt, aus dem zweiten Stock eines Bürohauses baumeln. Er entwickelte seine Idee weiter, als Bürohaus kam für ihn nur das ehrwürdige Chilehaus in Frage, das, in den 1920er Jahren erbaut, eins der Wahrzeichen der Stadt ist.

Es schien mir möglich, die Idee mit unserem Equipment zu verwirklichen und die Herausforderung war verlockend. Meine Frau, auch eine begeisterte Höhlengeherin, war ebenfalls von einer Realisierung überzeugt, sie wollte die Sicherung der Aktion übernehmen. Es fanden sich noch weitere Personen aus unser Späläogruppe, die an dem Event teilnehmen wollten. So sagten wir dem Fotografen nach erfolgreicher Verhandlung um die Bezahlung der Teilnehmenden zu.

An einem Wochenende war der Termin verabredet, die Materialien zur Sicherung der beiden Stunt-Männer wurden in einem Baumarkt besorgt und vor Ort eingebaut. Wir hatten Zugang zu einem Büro im zweiten Stock des Chilehauses, in einem Fensterausschnitt wurden passend gesägte Kanthölzer eingebaut, um die Seile sicher zu befestigen. Während meine Frau mit den Seilen, Abseilgeräten und Karabiner hantierte, legten mein Kamerad und ich den Brust- und Sitzgurt an und knoteten das Sicherungsseil, das uns vor einem Absturz bewahren sollte, in die Gurte.

Der Fotograf hatte für uns passende Kleidung mitgebracht, wir zogen das weiße Hemd, Krawatte und Anzug über unser Gurtzeug, fädelten das Seil durch das Hosenbein und durch eine Socke, verknoteten das ganze um die Socken herum und stiegen aus dem Fenster.
Da es meiner Frau unmöglich war, uns von unten heraufzuziehen, mussten wir uns von ihr abseilen lassen, unser Leben und unsere Gesundheit lagen dabei in ihrer Hand, sie durfte keine Fehler machen! Voller Vertrauen stieg ich als erster aus dem Fenster und ließ mich kopfüber in das Seil fallen. Der Fotograf war begeistert, so genau hatte er sich das vorgestellt, so sollte es aussehen! Als wir beide aus dem Fenster hingen, wurde die erste Serie Fotos geschossen. Allerdings hatten ein paar Wolken die Sonne verdunkelt und in dem nicht sehr hellen Innenhof des Chilehauses war das Licht nicht mehr ausreichend zum fotografieren. Da uns das Blut schon zu Kopfe gestiegen war, wurden wir nun ganz auf die Straße heruntergelassen und durften eine Erholungspause machen.

Dann schien die Sonne nach einer Weile wieder und es konnte die zweite Serie Fotos geschossen werden. Mit Aufhellschirmen und Reflektoren sorgten die Kameraassistenten für das richtige Licht, Passanten blieben stehen, um nach den beiden Anzugträgern zu schauen, die aus einem Fenster im zweiten Stock des Chilehauses hingen.

Zu meinem Bedauern wurde diese Fotoserie nie veröffentlicht, der Pressekonzern hatte sich für eine andere Werbekampagne entschieden, die Bilder lagern im Archiv des Fotografen. So konnte ich nie voller Stolz auf ein Plakat zeigen und sagen Das waren wir, die Jungs und Deerns von der Späläogruppe Hamburg!