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Halloween

In Hamburg-Langenhorn, einem der ältesten Stadtteile Hamburgs, der bereits um 1300 erstmals urkundlich erwähnt wurde, bin ich aufgewachsen und zur Schule gegangen.

Die Heidberg-Schule an der Tangstedter Landstraße, Ecke Hohe Lied wurde erst 1953 neu errichtet, weil der Schulweg bis zur Schumacher-Schule in Langenhorn-Mitte mit sechs Kilometer Länge für die Schüler als unzumutbar erachtet wurde.

Ich wurde also in der Heidberg-Schule eingeschult, der tägliche Schulweg von insgesamt drei Kilometern half beim Muskelaufbau und Bewegung ist ja bekanntlich sehr gesund.

Mitte der 1950er Jahre konnte man die motorisierten Fahrzeuge, die sich auf der gepflasterten Hauptverkehrsstraße bewegten, noch an einer Hand abzählen.

Manchmal vertrödelte ich die Zeit auf dem Nachhauseweg mit dem Sammeln von Bucheckern, die ausgezeichnet schmeckten, und dem Fangen von Eidechsen, die sich gegenüber dem Krankenhaus Heidberg in der Sand- und Heidelandschaft in der Sonne aalten.

Das Gebiet wurde erst ab 1965 urbanisiert und der Name Heidberg war bis dahin für diese Landschaft wirklich sehr zutreffend. Ab dann wurden dort zweistöckige Wohnblocks, Reihen- und Einzelhäuser errichtet. Es wurden Straßen angelegt und die wilde Heide- und Moorlandschaft verschwand Stück für Stück und mit ihr die Eidechsen.

Aber 1958 führte mein Schulweg noch am Krankenhaus und am Heidberg vorbei.

Nach den Sommerferien kam der Schulbetrieb schnell wieder in Gang. Die sechs Wochen Ferien waren sofort vergessen und es wurde wieder gelernt und Hausaufgaben gemacht. Ich war wieder im normalen Trott und sehnte die Herbstferien herbei. Über jeden freien Tag freute ich mich jetzt besonders, weil es für uns Kinder auf den Feldern rings um unsere Siedlung jede Menge zu Ernten gab. Da wurden einen Tag Steckrüben geklaut, mit dem Taschenmesser in mundgerechte Schnitzel verarbeitet und sofort roh verspeist, bis uns der Magen weh tat. Am schönsten war es, wenn im Herbst die Kartoffeln gerodet wurden.Dann durften wir mit bäuerlicher Genehmigung die in der Erde verbliebenen Knollen heraus sammeln. Ein Teil wurde beim Bauern abgeliefert, den anderen durften wir behalten, so ernteten mein Vater und ich auf dem Feld Kartoffeln für die eigene Küche.

Ein paar Kartoffeln bunkerte ich am Feldrand in einem Versteck, die wurden von uns Kindern am späten Nachmittag, als wieder Ruhe einkehrte, in einem Lagerfeuer geröstet. Herrlich schmeckten sie, wenn man die verbrannte, schwarze Schale entfernte und das dampfende gelbe Innere mit etwas Salz verzehrte. Wir sahen nach solchen Genüssen wie die Kartoffeln aus und mussten mit Seife und Bürste schrubben, um den Dreck wieder los zu werden.

Im Garten wurde jetzt der Kürbis geerntet, der es über den Sommer zu beachtlicher Größe gebracht hatte. Die Kerne kamen auf Zeitungspapier und wurden in der Herbstsonne getrocknet, als Saat für das nächste Jahr, der Rest wurde im Brot verbacken. Niemand kam auf die Idee, diesen Kürbis auszuhöhlen und mit einer Kerze zu beleuchten. Meine Mutter verarbeitet das Kürbisinnere zu einem herrlichen süß-sauren Kompott.

Nach den Herbstferien gab es dann am letzten Tag des Oktobers noch einen freien Tag, auf den wir uns freuen konnten. Nicht Halloween, das Wort war unbekannt. Der Tag hieß einfach Reformationstag und war ein gesetzlicher Feiertag. Martin Luther schlug am 31. Oktober 1517 fünfundneunzig Thesen, in denen er u. a. den Ablasshandel kritisierte, an das Hauptportal der Schlosskirche zu Wittenberg an und leitete die Reformation der Kirche ein, was zur Gründung der Evangelisch-Lutherischen Kirche führte.

Für uns Kinder war es in erster Linie ein freier Tag, an dem man alles Mögliche unternehmen konnte. Außerdem war es ein Freitag, sodass drei freie Tage ohne Schule und Aufgaben fast wie Ferien waren. Da hatten wir Schüler aber die Rechnung ohne unsere Lehrerin gemacht, die mit uns an diesem Tag einen besonderen Religionsunterricht abhalten wollte. Zur zweiten Stunde durften wir in der Schule erscheinen und gingen dann gemeinsam die Tangstedter Landstraße bis zur Broder-Hinrik-Kirche, um dort an einem Gottesdienst teilzunehmen. Der Altar war bereits mit allerlei Früchten, Getreide und Gemüse geschmückt, weil am Sonntag Erntedank gefeiert werden sollte. Auch zwei stattliche Kürbisse lagen zwischen den Körben und Blumen.

Die nächsten zwei Stunden waren ebenso hart wie die Bank, auf der ich saß. Mir ging dabei durch den Kopf, was ich mit dieser freien Zeit alles hätte anfangen können. Erst am Nachmittag war ich wieder zu Hause, zu spät, um mich mit meinen Freunden zu treffen oder noch etwas zu unternehmen, denn es wurde schon merklich früher dunkel und dann durfte ich nicht mehr draußen unterwegs sein.

Auch der Sonntag war so ein toller Tag, ich durfte meine Eltern in die Kirche begleiten, zu einem besonderen Erntedank-Gottesdienst – ich hatte das am Freitag schon befürchtet.

Seit damals hat sich einiges getan, aus den Vereinigten Staaten wurde ein Brauch importiert, der einst mit Auswanderern aus Irland nach Amerika kam, der Tag vor Allerheiligenabend – All Hollows' Eve, oder kurz Halloween. In der Nacht vom 31. Oktober zum 1. November wird dabei allerlei Schabernack getrieben und Leute mit gruseligen Verkleidungen erschreckt. Mit Süßigkeiten kann man die kleinen Quälgeister besänftigen, die in dieser Nacht an den Türen klingeln und klopfen.

Ich suche gerade die dicke, fette, batteriebetriebene Halloween-Spinne und die falschen hervorstehenden Zähne heraus, mit denen ich die um Süßigkeiten bettelnden Kinder in der Halloween-Nacht erschrecken will. Auch in diesem Jahr werden wir dabei alle zusammen, Kinder und Erwachsenen unseren Spaß haben und Halloween feiern, dabei natürlich den Reformationstag nicht vergessend.