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Coup á Deux

In den 1980er Jahren verbrachte ich meinen Jahresurlaub vorzugsweise in der Schweiz. Hauptsächlich hatten es mir die hohen Berge des Berner Oberlandes und der Walliser Alpen angetan. Je höher es hinauf ging, desto mehr genoss ich die Freiheit und Weite dieser grandiosen Bergwelt, die einen krassen Gegensatz zur Enge und Betriebsamkeit, die in den Tälern wohnt, bildet. Auf einer dieser Urlaubsreisen führte mich eine ausgedehnte Wanderung in das westlichste Hochtal des deutschsprachigen Schweizer Wallis. Das Vallée de Tourtemagne, oder Turtmanntal ist das kürzeste, aber steilste der langen, südwärts gegen den Alpenhauptkamm ziehenden Seitentäler des Rhonetals. Von hier unternahm ich in den folgenden Jahren viele Bergtouren in eine stille, unberührt wirkende Bergwelt.

Fast am Ende des Tales gibt es einen kleinen Ort mit einem dieser romantischen Hotels, die Anfang des 20sten Jahrhunderts für die reichen Touristen gebaut wurden, die nun den Alpenraum als Erholungsgebiet für sich eroberten. Mit seinen Türmchen, Giebeln und verzierten Fassaden strahlte dieses Hotel seinen maroden Charme aus.

Nach einer langen Bergtour war man hier ein gerne gesehener Gast, wurde mit Schweizer Spezialitäten, wie beispielsweise Käsefondue oder Raclette bewirtet und konnte wie auf einer Berghütte preiswert im Massenlager übernachten. Als Nachtisch konnte man verschiedene Süßspeisen, Eis oder Kaffee bestellen. Auf der Eiskarte gab es unter anderem auch ein Coup à Deux , das gerade am Nebentisch bestellt wurde. Eine mächtige Kristallschale, bis über den Rand mit verschiedenen Kugeln Speiseeis wurde serviert, über die sich zwei Personen hermachten. Aha, dachte ich, jetzt wurde es klar – eine Schale für zwei, lautete die korrekte Übersetzung.

Ein paar Jahre später waren meine Frau und ich wieder einmal dort im Turtmanntal. Wir hatten uns mit Freunden, die wir aus dem Alpenverein kannten, zu einer gemeinsamen Bergtour verabredet. Als Treffpunkt wurde das markante Hotel vereinbart. Vorn dort stiegen wir gemeinsam, schnell die Baumgrenze erreichend, stetig steigend gegen die östlichen Gipfel der Schwarzhornregion. Das Schwarzhorn war ein leicht erreichbarer Gipfel, ohne technische Schwierigkeiten, allerdings mit seinen 3200 Metern über dem Meer für uns Flachlandbewohner wegen der fehlenden Höhenanpassung eine ungewohnte konditionelle Herausforderung. Gerne bestiegen wir am Anfang eines Urlaubs mehrere dieser vielen Dreitausender, um uns zu akklimatisieren und eine Höhenanpassung für Touren in höhere Regionen zu erhalten.
Nach mehreren Stunden Aufstieg wurden wir auf dem Gipfel des Schwarzhorns für unsere Anstrengung mit grandiosen Weit- und Tiefblicken belohnt.

Der Abstieg nach Westen, gegen die untergehende Sonne hatte uns hungrig und durstig gemacht. Ich erzähle meinen Berggefährten, dass es im Hotel Schwarzhorn unten im Tal eine Rieseneisportion geben würde, die nur von zwei Leuten bewältigt werden könnte. Die Vorstellung, jetzt gleich eine Riesenportion köstlichen, durstlöschenden Eises bestellen zu können, beflügelte unsere Schritte und unsere Fantasie. Nein, sagte mein Begleiter so eine große Portion Eis kann ich auch ohne Mitesser allein verzehren. Was du kannst, kann ich schon lange! erwiderte seine Freundin. Und ich soll dir etwas von meinem Eis abgeben? fragte mich nun meine Frau.

Das Hotel kam in Sicht und die Sonne berührte gerade noch den Horizont und ließ die westlichen Berggipfel des Kammes aufflammen. Erschöpft von der langen Wanderung, müde und durstig, aber glücklich ließen wir uns im Garten des Hotels auf die Stühle sinken. Rucksäcke wurden an den Zaun gestellt und die Bergstiefel ausgezogen. Eine kleine Kellnerin kam und fragte nach unseren Wünschen. Bevor ich noch etwas sagen konnte, wurden vier Coup à Deux bestellt und die Bedienung verschwand wieder. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis die Kellnerin wieder erschien und an unseren Tisch kam. Coup à Deux bedeutet: eine Schale für Zwei sagte sie und spielte mit ihrem Block und Kugelschreiber. Das wissen wir sagte ich und wir schaffen jeder so viel Eis meinte mein Bergkamerad noch, worauf die Frau wieder verschwand. Eine weitere gefühlte Ewigkeit später erschien nun die Patronin an unserem Tisch. Coup à Deux ist eine große Schale Eis für zwei Leute sagte sie und schaute in die Runde. Meine Frau antwortete Das wissen wir, unsere Bestellung war ernst gemeint. Nein antwortet die Chefin es ist aber wirklich genug Eis in der Schale. Das werden sie mit zwei Leuten kaum schaffen. Mag sein, aber heute will jeder eine doppelte Portion, sagte ich. Die Wirtin schaute nun verlegen von einem zum andern, sagte dann: Einen Moment bitte, und ging. Nach einer Weile kam sie wieder und wiederholte, dass es wirklich genug Eis wäre. Meine Frau wurde jetzt ungeduldig und fragte: Wo liegt denn jetzt das Problem? Haben Sie nicht genug Eis? Doch sagte die Wirtin verlegen aber die Schalen – wir haben nur zwei.

Wie schade, da hatten wir uns den ganzen Weg auf eine Riesenportion Eis gefreut und nun das. Na gut, dann bringen sie uns eben zwei Coup à Deux, wenn Sie wenigstens genug Eis haben, bringen Sie uns danach eben noch zwei, lautete der Kompromiss. Nun dauerte es nicht mehr lange und die kleine Kellnerin erschien mit einem Tablett, auf dem zwei Kristallschalen, bis über den Rand mit Eis gefüllt, zu sehen waren. Die Arme schien fast unter dem Gewicht zusammenzubrechen. Zwei- mal Coup à Deux stöhnte sie, stellte die Schalen vor uns hin und legte die langen Löffel dazu. Mit einem Wohl bekomm's verschwand sie wieder und wir machten uns über das Eis her.

Nur mit Mühe haben wir diese Riesenportion geschafft. Auch für zwei Leute war mehr als genug Eis in der Schale und von einer weiteren Bestellung haben wir dann abgesehen. Zu erwähnen ist nur noch, dass wir auf der nächsten Tour noch mehr Eis gesehen haben. Drei Tage dauerte die Überquerung des großen Aletschgletschers vom Rhonetal zum Jungfraujoch über den Concordiaplatz zur Hollandiahütte und in das Lötschental. In diesem Jahr hatten wir wirklich einmal genug Eis gehabt.