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Lasterhaft

Wir hatten Sommerferien und mein Cousin aus Wuppertal war zu Besuch. So konnten wir gemeinsam die Ferien in Hamburg verbringen, mit den Fahrrädern die Gegend unsicher machen und uns jede Menge dummes Zeug ausdenken.

Meine Mutter versuchte unser Tun in geordnete Bahnen zu lenken und brachte uns von ihrem Einkauf zwei weiße Tonpfeifen mit. Zum Rauchen völlig ungeeignet, sollten mit ihnen Seifenblasen erzeugt werden. Wir probierten mit etwas Seifenlauge, tauchten die Pfeifen darin ein und versuchten durch vorsichtiges Pusten einige schön schillernde Seifenblasen zu erzeugen, was auch gelang. Das neue Spiel wurde uns aber schnell langweilig, und wir zogen wieder mit den Fahrrädern los.

Die Pfeifen brachten uns aber auf die Idee, sie ihrem eigentlichen Zweck zuzuführen. Mein Vater war Raucher, ließ seine Zigaretten aber nie offen herumliegen und unser Taschengeld reichte nicht für Tabak. Aber Not macht bekanntlich erfinderisch. So wurde bei Abwesenheit meiner Mutter die Küche auf verwendbares Material untersucht. In der Teedose wurde ich fündig, Pfefferminztee war nicht gerade das Lieblingsgetränk in unserer Familie, dafür aber reichlich vorhanden. Eine Reduzierung der getrockneten Blätter um mehrere Ladungen für die Pfeifen würde daher nicht sonderlich auffallen.

Gedacht – getan, wir verzogen uns mit unserer Beute, den Tonpfeifen und einer Schachtel Streichhölzer in unser Versteck. Wie wir es bei unseren Vätern gesehen hatten, stopften wir fachmännisch unsere Pfeifen mit dem Tee-Tabak und ließen ein Streichholz aufflammen, um sie zu entzünden. Wie die Großen zogen wir kräftig und stießen den Rauch durch den Mund wieder aus. Der Versuch, den Rauch nun auch durch die Nase zu entlassen, ging furchtbar schief und endete mit einem heftigen Hustenanfall.

Beim Abendbrot schaute uns meine Mutter so merkwürdig an, zog die Luft bedeutsam und auffällig durch die Nase, sagte aber nichts. Mir wurde klar, dass uns wohl ein merkwürdiger Geruch anhaftete. Am nächsten Tag machten wir wieder Seifenblasen aber diesmal, um das Innere der schwarz gebrannten Pfeifen zu reinigen. In Vaters Werkstatt fand ich feines Schleifpapier, damit wurden die Pfeifen fast wieder wie neu.

Richtig geschmeckt hatte uns dieser Tabak nicht, wie die Erwachsenen von Genuss reden konnten, war uns schleierhaft. Es konnte nur am Tabak liegen, wir hatten noch nicht die richtige Sorte geraucht. Mit einem Mal betrachteten wir das Blattwerk an den Bäumen und Büschen mit ganz anderen Augen, zupften hier und da ein paar Blätter ab und legten sie in die Sonne zum Trocknen.

Nach ein paar Tagen unternahmen wir mit der neuen Mischung einen zweiten Rauchversuch. Widerlicher Rauch quoll aus den Pfeifen und aus Mund und Nase, ließ uns husten und die Augen tränen. Beim Ausklopfen der glimmenden Blätter brach mir der Pfeifenkopf entzwei, damit war ein dritter Rauchversuch ausgeschlossen.

Dass wir Besuch hatten, war ein Glücksfall, denn dann waren meine Eltern etwas großzügiger und spendierten uns Jungen auch mal ein Eis außer der Reihe. Mit dem Geld für das Eis zogen wir los in eine kleine Ladenzeile, ganz in der Nähe. Zwei altjüngferliche Schwestern betrieben dort einen Kurzwarenladen und verkauften Nähgarn, Knöpfe, Süßigkeiten, Tabak und nahmen die Lottoscheine an. Uns würden sie höchstens Süßigkeiten verkauft haben. Wenn sie aber abends ihren Laden schlossen, wurde eine zweite Tür aus einem starken Drahtgeflecht vor den Eingang geklappt und verschlossen. Daran hing ein Zigarettenautomat, der nicht nach unserem Alter fragte, als wir die billigste Packung Tabak zogen. Eine Mark steckte ich in den Schlitz, hörte das Geld fallen und zog kräftig an einer Schublade, die das Gewünschte enthielt. So hatten wir jetzt eine Packung Handelsgold - schwarze Zigarillos, mit denen wir jetzt den dritten Rauchversuch starten wollten.

Am anderen Tag holten wir die Zigarillos und die Streichhölzer aus dem Versteck und zogen los. In der Nähe des Elternhauses standen im Knick, direkt an der Stadtgrenze einige Eichen, die wir als Kletterbäume nutzten. In luftiger Höhe entzündeten wir nun unsere Glimmstengel und nahmen ein paar vorsichtige Züge. Das war schon bedeutend besser als das Zeugs, das wir vorher geraucht hatten. Wie die Großen pafften wir die Zigarillos bis zu Ende. Kannst du auch auf Lunge? fragte mein Cousin. Er hatte offenbar ein paar vorsichtige Lungenzüge genommen und entsprechend gehustet. Na klar, antwortete ich und zog den Qualm ein. Ich musste mich bei dem folgenden Hustenanfall fest an den Baum klammern, sonst wäre ich wohl heruntergefallen. Ein vorbeikommender Radfahrer rief uns zu Na – habt ihr euch auch die Hosen fest zugebunden? Wir verstanden aber beide nicht, was er damit sagen wollte. Beim Hinabsteigen vom Baum merkte ich, dass mir irgendwie - nicht so gut wie sonst – etwas schwummerig war, die Beine waren weicher als sonst und mein Gang torkelig.

Die Ferien gingen zu Ende und mein Cousin fuhr wieder nach Hause. Einige Tage später stellte mein Vater mich zur Rede: Ihr habt doch geraucht, sagte er. Mein Abstreiten half mir nichts, der Radfahrer hatte gepetzt und meiner Mutter waren unsere merkwürdigen Gerüche aufgefallen. Komm mal mit, jetzt rauchen wir mal eine ordentliche Zigarre zusammen. Mit diesen Worten schob er mich vor sich her ins Wohnzimmer und gab mir eine richtig große Zigarre, die ich jetzt in seinem Beisein rauchen sollte. Ich tat ihm den Gefallen, rauchte die ganze Zigarre bis zum Rest wie er. Dabei bemerkte ich schon seine skeptischen Blicke, aber mir wurde nicht schlecht, wie er wohl gehofft hat. Das war die einzige Zigarre, die wir je zusammen geraucht haben.

Am 9. April 1986 musste ich mich für ein paar Tage in ein Krankenhaus begeben. Nach der Operation fiel mir das Aufstehen wegen der starken Schmerzen sehr schwer, daher hatte ich nur die Alternative, mit Schmerzen aufstehen und mich in das schmierige, nikotinverseuchte Raucherzimmer zu schleppen, oder liegen zu bleiben und nicht zu rauchen. Nach neun rauchfreien Tagen war ich sehr stolz auf meine Leistung, dem Nikotinteufel erfolgreich getrotzt zu haben.

Das Rauchen habe ich nie wieder angefangen.