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Höhlenfahrt mit Yeti

Freundschaften beginnen häufig aus einem gemeinsamen Interesse heraus und auch, wenn sich Menschen über gemeinsame Interessen kennenlernen, die aus unterschiedlichen Ländern und Kulturkreisen stammen. Dann können Vorurteile und alte Feindschaften abgebaut werden. Noch 1870/71, während des deutsch-französischen Krieges, und auch während des ersten Weltkrieges bezeichneten die Deutschen ihre Nachbarn als Erb- oder Erzfeinde und die Franzosen verziehen den Deutschen nicht die Wegnahme des Elsass und Lothringen. Wohin das führte, ist hinlänglich bekannt, die Völker führten zwei Weltkriege und zerschlugen dabei ihre Wirtschaft und häuften Schuldenberge an, die bis heute nicht abgetragen sind. Erst als General de Gaulle und Konrad Adenauer am 22. Januar 1963 mit der Unterzeichnung des Deutsch-Französischen Vertrages in der Form einer völkerrechtlich verbindlichen Übereinkunft die Grundlage für Frieden und Verständigung für beide Völker schafften, konnten aus Feinden Freunde werden.

Als ich 1979 das erste Mal nach Frankreich fuhr, wusste ich nicht, wie man mir begegnen würde – freundlich gesinnt oder feindlich ablehnend – ich habe nur gute Erfahrungen gemacht.
Als ich im Mai 1989 wieder einmal in Frankreich war, habe ich ein besonderes Beispiel für Kameradschaft und Verständigungswillen zwischen Franzosen und Deutschen erleben dürfen, dass ohne bedingungsloses Vertrauen zueinander nicht möglich gewesen wäre.

Der Urlaub war geplant und meine Vertretung im Berufsleben organisiert. Ein zusätzlicher freier Tag ergab sich aus meinem Überstundenkonto, so konnten wir, meine Freundin und ich, bereits am Freitagmorgen starten. Über Frankfurt, Karlsruhe, Basel ging es durch die damals noch Vignetten freie Schweiz über Genf nach Frankreich und durch das Nadelöhr Lyon nach Aix-en-Provence. Der gesamte Nord-Süd-Verkehr quälte sich auf dieser Route durch Lyon, für die Bewohner der Stadt und die Autofahrer gewiss eine Nervenprobe. Am späten Abend trafen wir in Nance les Pins ein, einem kleinen Dorf der Provence, mitten in einem kleinen Gebirge gelegen, der Chaine de la Sainte Baume.
Dieses Kalkgebirge ist ungefähr eintausend Meter hoch und 25 Kilometer lang. Es liegt wie ein Riegel 20 Kilometer vor dem Mittelmeer und besteht aus verkarstungsfähigem Gestein, weshalb es dort auch viele Höhlen gibt. Die Höhlenkunde, die Speläologie, ist eine noch junge Wissenschaft, sie entstand aus der Not der Dörfer, die kein gesundes Wasser zur Verfügung hatten. Die ersten Forscher stellten fest, dass die Quellen, die der Wasserversorgung dienten, durch allerlei Abfälle, sogar Tierkadaver verseucht waren. Die Bauern der Gegend hatten ihr Unbrauchbares einfach in die Höhlen auf den Hochflächen geworfen, weil sie nicht wussten, dass diese Höhlen mit den Quellen in Verbindung standen. Erst die Speläologen erkannten die Zusammenhänge und bescherten mit ihren Erkenntnissen den Dörfern sauberes und gesundes Wasser.

Nace les Pins war für unsere geplanten Unternehmungen wie geschaffen, besaß einen Campingplatz inmitten einer Reitbahn, eines Hippodroms, und lag am Fuße der Chaine de la Sainte Baume. Mit den nach und nach eintreffenden Freunden aus dem Alpenverein wollten wir die Höhlen dort befahren. Das ganze Frühjahr hatten wir im Klettergarten trainiert und die Ausrüstung verfeinert und abgestimmt. Neben Zelten, Schlafsäcken und Kochern wurden jetzt auch Gurtzeug, Seile, Karabiner, Schlufanzüge, sogenannte Schlaze, Helme, Stiefel, und noch einiges mehr an Material ausgepackt und im Gemeinschaftszelt verstaut.

Dörthe und ich hatten den Winter dazu benutzt, die uns zur Verfügung stehende französische Höhlenliteratur zu übersetzen und hatten unsere Ausdrucke und Kartenwerke dabei. So war es nicht schwierig, die Höhleneingänge zu finden und einige kleinere Schachthöhlen zu befahren. Da es sich fast ausnahmslos um vertikale Systeme handelte, bauten wir die jeweils mitgebrachten Seile in die Schächte mit Schraubkarabinern ein. Dazu wurden mit Hammer und Schlagbohrer im Gestein Dübel gesetzt, sogenannte Spits, an denen die Seile mithilfe der Schraubkarabiner befestigt wurden. Es gab Systeme, deren Schächte bis zu 50 Meter tief waren. Dann folgte meisten ein Absatz und der nächste Schacht führte tiefer in das Höhlensystem. Die Seile waren den Schachttiefen und der Anzahl der zu befahrenden Schächte in entsprechender Reihenfolge mit dem Befestigungsmaterial in Schleifsäcken verpackt, die bis zu 20 Kilogramm wogen. Bei der Ausfahrt war das Material nass und wog dann entsprechend mehr. Hatten die Höhlenforscher früher Drahtseilleitern, um daran ab- und wieder aufzusteigen, war unsere Ausrüstung dank der modernen Kernmantelseile wesentlich leichter. Wir benutzen nur die Seile zum Abseilen in die Tiefe und auch zum Aufsteigen. Dazu hatten wir Steigklemmen, die an den Seilen aufwärts geschoben wurden und nach unten festklemmten in den Klettergurt gebunden. Die zweite Klemme besaß eine Schlinge für die Füße und wurde mit der Hand aufwärts bewegt. Beim Aufwärtsklettern in der sogenannten Froschmethode klemmten beide Klemmen abwechselnd am Seil fest und boten Halt.

Ich dachte an das Buch, das ich als Kind gelesen hatte – Jules Verne und seine Reise zum Mittelpunkt der Erde – so kam ich mir jetzt auch vor, obwohl wir uns nicht in Island am Snæfellsjökull befanden. Fantastisch, wie das Wasser unter Tage den Kalk formt, ihn auswäscht oder als Tropfstein modelliert. Das kohlendioxidhaltige Regenwasser dringt in die Risse des Kalkgesteins und das Calciumcarbonat wird gelöst (ca. 18mg pro Liter). Es braucht nur noch Zeit, bis auf diese Weise große Hohlräume und Flüsse unter Tage entstehen und die Natur hat Zeit.

Wir waren mittlerweile gut geübt, das Abseilen und Aufsteigen an den Seilen klappte gut, so dass wir uns an ein schwieriges System wagen konnten. Unterhalb der Nordflanke der Sainte Baume befindet sich der Zustieg zur Gouffre du Petit St. Cassien. Dieses Höhlensystem endet in 300 Meter Tiefe in einem Siphon und es wird vermutet, dass es die Region bis ins Mittelmeer entwässert, was eine vermutete Höhlensystemlänge von mehr als 30 Kilometern bedeuten würde. Die französischen Speläos haben die unter Wasser liegenden Höhlenteile ab Siphon bereits vier Kilometer weit tauchend erforscht, ob sie jemals das Ende des Systems erreichen, ist ungewiss.

Wir hatten einen wunderschönen Wandertag in der Encanaux-Schlucht verbracht und auch die Quelle, die Source des Encanaux, besucht. Das Wasser stammt aus der Gouffre des Encanaux, einem unterirdischen Fluss, dem wir in den vergangenen Tagen einen Besuch abgestattet hatten. Ein heißer Tag und ein kühler Ort tief unten in der Schlucht mit leise plätscherndem Wasser und vielen dunkelblau gefärbten Prachtlibellen, die wie Falter am Ufer flatterten. Die Rückfahrt unterbrachen wir auf der Hochfläche der Sainte Baume, stellten die Autos ab und machten uns zu Fuß auf die Suche nach dem Eingangsschacht der Gouffre du Petit St. Cassien. Eine halbe Stunde später standen wir an einem Loch von ungefähr drei Metern Durchmesser, das im Schatten der Baumgruppe nur schwer zu finden war. Der Schacht hatte nur eine Tiefe von sieben Metern, der Grund war aber wegen der abendlichen Schatten nicht zu erkennen. Wir gaben uns damit zufrieden, dass wir den Zustieg gefunden hatten und planten für den nächsten Tag eine gemütliche Höhlenfahrt zu viert. Dabei wollten wir nur die ersten neun Schächte und Absätze bis zum Beginn des kleinen Mäanders befahren, bis an den Ort, der den ersten Forschern 1968 als Camp gedient hatte. Alles andere schien für unsere unerfahrene Gruppe eine Nummer zu groß zu sein und einen Unfall wollten wir nicht riskieren.

Auf dem Weg zurück zu den Fahrzeugen kamen uns drei Franzosen entgegen, wir grüßten sie mit bonne soirée und erhielten einen freundlichen Gegengruß. An der Straße stand ein weißer Peugeot, im Innern lagen Seile und andere typische Ausrüstungsgegenstände. Auf dem Heck klebte eine aus schwarzer Folie geschnittene Fledermaus. Kein Zweifel, die drei waren Speläos und wir würden morgen unsere Seile übereinander hängen. Unbedingt mussten wir miteinander sprechen und klären, was die drei vorhatten. Also gingen wir zurück und sprachen sie an. Robert, Jean-Marc und Roland waren hocherfreut, als sie hörten, dass wir in dieses Loch wollten. Robert und Jean-Marc waren bei der Spéléo Secours Français, der Höhlenrettung in Marseille und wollten Roland, der extra aus Paris angereist war, die Gouffre des Encanaux zeigen, die wir heute gerade besucht hatten.

Robert war etliche Male in der Petit St. Cassien gewesen und rechnete im Kopf die erforderlichen Seillängen aus. Ob wir so viel Seil dabei hätten, wollte er wissen. Wir machen die Tour gemeinsam lautete der spontane Beschluss, Roland schaute unglücklich.
Auf dem Campingplatz schnitten Robert und Jean-Marc unsere neuen Seile klein und packten Karabiner, Schraubglieder und Seilstücke in vier große Schleifsäcke, die mit laufender Nummer eins bis vier wasserfest beschriftet wurden. Dann verschwanden sie in ihr Nachtlager oben im Wald, neben dem Eingangsschacht.

Als Wilfried, Karl-Friedrich, Dörthe und ich dort in aller Frühe mit dem schweren Gepäck ankamen, saßen die drei bereits beim Frühstück und lachten uns an. Während die drei sich die Schlufanzüge, die Schlaze, überstreiften, baute ich das erste Seil in den Eingangsschacht ein. Einmal um einen Baum, die zweite Sicherung an einem Spit, den Knoten am Ende des Seils nicht vergessend, der ist als Absturzsicherung lebenswichtig. Robert zog sich gerade um und grinste breit, als wir ihn halbnackt sahen. Er hatte eine äußerst starke, schwarze Körperbehaarung, deshalb würden ihn alle Yeti nennen, sagte er lachend. Ich ging mit Yeti und nahm den Sack mit der Nummer eins, sicher konnte ich bei ihm noch etwas lernen. Die anderen folgten und seilten zu uns ab. Immer, wenn einer der Franzosen unten angekommen war, rief er Seil frei!, unsere deutschen Höhlis riefen Corde libre!, so drückten wir unsere gegenseitige Anerkennung und den Respekt voreinander aus. Bis zum Camp ging es schnell voran, dort warteten wir auf den Letzten und machten eine gemeinsame Pause. Robert erklärte uns, dass jetzt eine lange, enge Schlufstrecke folgen würde, die das kleine MäanderPetit Meandre genannt wird. Jean-Marc grinste und meinte, es würde eher Petit Merde heißen, auf die Übersetzung verzichte ich hier. Danach käme dann noch ein Schacht und dann folgt das Große Mäander, Grand Meandre oder Grand Merde, wie Jean-Marc es nannte.

Es handelte sich um eine ausgewaschene Kluft, die so eng war, dass man wie ein Wurm auf dem Bauch liegend, den Schleifsack hinter sich her schleifend diese Strecke bewältigen musste. Die Kluft verengte sich nach unten, weil hier immer neuer Kalk ausgewaschen wird und bildet so im Profil die Form eines Schlüssellochs, weshalb man so etwas auch Schlüssellochmäander nennt. Ein Ruck und nichts geht mehr! Ich bin gefangen. Der Schleifsack, den ich mit einem Karabiner an meinem Gurt befestigt hatte, war nach unten in ein Loch gefallen und hatte sich verklemmt. Einen Arm hatte ich nach vorn ausgestreckt, den anderen nach hinten, keine Chance an den Karabiner zu kommen, um den Sack auszuklinken. Ich fühlte Panik und wuchs, bis ich den Mäander völlig ausfüllte, so jedenfalls fühlte es sich an. Ganz ruhig! sagte ich zu mir und wurde wieder kleiner. Es gelang mir tatsächlich, den Sack zu mir herauf zu ziehen, indem ich mich um die eigene Achse drehte. Plötzlich war ich wieder frei. Als wir nach dem großen Mäander alle zusammen eine Pause machten, sahen alle erschöpft aus und Roland weinte.
Warum weinst du?sollen wir dich hier zurücklassenkannst du nicht mehr? Er gab keine Antwort. Stattdessen klärte Jean-Marc uns auf. Roland war über das Wochenende aus Paris gekommen, musste aber am Montag unbedingt wieder dort sein, um sich für das nächste Semester an der Universität einschreiben zu können. Nun hatte er eine Uhr dabei und gesehen, dass ihm nicht genug Zeit bleiben würde, um den weiten Weg nach Paris rechtzeitig zu schaffen und nun steckte er weit unter der Erde mitten in der Provence mit ein paar Verrückten, die nicht eher zufrieden waren, bis sie den Siphon auf minus dreihundert Metern gesehen hätten. Siebzehn Stunden, nachdem wir eingefahren waren, sahen wir das fahle Licht des Mondes zwischen den Bäumen, rochen die würzige Waldluft und verabschiedeten uns überglücklich voneinander. Jean-Marc, der Bär, stieg mit zwei Schleifsäcken am Gürtel, ein Liedchen pfeifend, als letzter aus dem Schacht und Robert ermahnte ihn, nicht übermütig zu werden. Roland, der Arme, ob er es noch bis Paris geschafft hat, um sich rechtzeitig einschreiben zu können? Ich weiß es nicht.