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Tomatensuppe mit Sternchennudeln
oder:
warum ich nicht gerne einkaufen gehe

Wenn ich die heutige Diskussion über Kinderarmut in den Medien verfolge, erinnert es mich an meine eigene Kindheit in der Nachkriegszeit. Ich will aber nicht behaupten, ich hätte unter unserer Armut gelitten oder darunter, dass unser Familieneinkommen so niedrig gewesen ist, wahrscheinlich war es noch niedriger als das Einkommen unserer heutigen Armen. In den Urlaub fliegen oder fahren, essen gehen und sonstige heutige Vergnügungen kannten wir nicht. Da ich aber nichts anderes kennengelernt habe und meine Freunde und Schulkameraden im Vergleich auch nicht mehr hatten oder konnten, empfand ich meine Situation im damaligen Nachkriegsdeutschland als völlig normal.

Das einzige Einkommen war das Gehalt meines Vaters, davon wurden alle Ausgaben bestritten und meine Mutter kümmerte sich um Haus, Garten und uns Kinder. Die Selbstversorgung aus dem eigenen Garten spielte eine wichtige Rolle. Wir hatten eigene Hühner zur Versorgung mit Eiern und Fleisch. Obst wuchs an den Bäumen und Sträuchern, Kartoffeln, Mohrrüben, Spinat, Erbsen und Bohnen kamen aus dem eigenen Garten, der mit fast 1000qm dafür groß genug war. Ein Auto besaßen wir nicht, auch kein Fernsehgerät, dafür aber ein Radio mit magischem Auge. Mein Vater war während des Krieges als Funkmaat auf einem U-Boot gefahren und hatte durch seine Ausbildung Kenntnisse im Aufbau und Umgang mit Funkgeräten. So war er in der Lage, aus allerlei Materialien einen Radioapparat zu basteln, nur die passenden Röhren musste er dafür kaufen.

Wir Kinder wurden gescholten, wenn wir mit unserer Kleidung und den Schuhen nicht sorgsam umgingen. Immer wieder wurde ich zum lästigen Schuhe putzen angehalten. Hatte ich mir an einem Stacheldrahtzaun einmal die Hose zerrissen, gab es eine Standpauke und die Socken wurden so lange gestopft, bis sie von selbst auseinanderfielen. Hin und wieder brauchte ich also neue Kleidung und neue Schuhe. Ich hatte dabei das große Glück, dass ich nicht die Sachen meiner vier Jahre älteren Schwester auftragen musste, sehr zum Leidwesen meiner Eltern.

Irgendwann war es wieder einmal so weit, dass ich an der Hand meiner Mutter sie zum Einkaufen begleiten musste. Wir wohnten im Norden der Stadt, dicht an der Stadtgrenze und in der Nähe der Tangstedter Landstraße, in einer ländlichen Umgebung zwischen Getreidefeldern, Bauernhöfen und Siedlungshäusern. Den Hamburger Verkehrsverbund gab es damals noch nicht, aber den Reisedienst Schmidt. Ein beige-brauner Bus fuhr alle Stunde von Glashütte zum Bahnhof Langenhorn-Nord und in der Gegenrichtung zurück. Mein Vater fuhr diese Strecke morgens zum Dienst bis zur Hochbahnhaltestelle Langenhorn-Nord mit dem Fahrrad. Dort gab es den bewachten Fahrradunterstand des Herrn Buddelmann. Er nahm die Fahrräder in Empfang, verstaute sie platzsparend in den Ständern unter dem Wellblechdach und gab dem Besitzer für ein paar Pfennige seine Abholmarke.

Mit der Hochbahn in die Stadt zu fahren, war für mich immer ein aufregendes Erlebnis und besonders viel Spaß hatte ich, wenn der Klappsitz neben der Fahrerkabine frei war. Damals waren die Wagen der Hamburger Hochbahn noch mit Holzsitzen ausgestattet, die Kabine des Fahrers war rechts angeordnet und nur halb so breit wie der Wagen. Im linken freien Raum befanden sich ein hölzerner Klappsitz und je ein Fenster nach vorn und zur Fahrerkabine. Hatte man diesen begehrten Platz ergattert, konnte man nach vorne hinausschauen oder den Fahrer beobachten. An jeder Station war auf den Bahnsteigen ein Häuschen mit Podest und eine Frau in Hochbahnuniform steckte einen Schlüssel in das Bedienpult und rief dann zurückbleiben bitte in ihr Mikrofon. Daraufhin schlossen sich die durch Pressluft angetriebenen Türen mit einem Zischen und die Fahrt ging weiter. Die größte Station auf der Strecke war der Bahnhof Kellinghusenstraße, von wo man auf das altehrwürdige Hallenbad hinunterschauen konnte. Ab dort wurde aus der Hochbahn eine Untergrundbahn und wir fuhren in dunklen Tunneln weiter.

Manchmal stieg meine Mutter mit mir dort auch in eine andere Linie um, dann mussten wir eine lange Treppe abwärts gehen, um gleich wieder eine Treppe aufzusteigen, bis wir den anderen Bahnsteig erreichten. Auf dieser Strecke blieb die Bahn oberirdisch und fuhr in Richtung Hamburg-Barmbek. Der Stadtteil war im Krieg sehr zerstört worden und ich erinnere mich noch an die großen, leeren, abgeräumten Flächen, in der Ferne Ruinen ohne Fenster und Dächer. Über den Krieg und seine Zerstörungen habe ich aber erst sehr viel später etwas erfahren, für meine Eltern war dieses Thema tabu. Entlang der Hamburger Straße stand kaum noch ein Haus, erst in den 1970er Jahren wurden an der Mundsburg zwei Hochhäuser und ein großes Einkaufszentrum gebaut.

Die Fahrt endete meistens am Jungfernstieg, wo wir unseren Einkaufsbummel begannen. Nach einem prüfenden Blick auf meine äußere Erscheinung, irgendetwas hatte wieder ihr Missfallen erregt, zog sie mit den Worten wie siehst du schon wieder aus, ihr Taschentuch heraus, spuckte hinein und wischte mir damit über das Gesicht, was bei mir heftige Gegenwehr erzeugte, solche Aktionen habe ich gehasst!

Das Schuhgeschäft, das sie mit mir ansteuerte, am Jungfernstieg, neben dem Alsterhaus, hieß Salamander und hatte einen Feuersalamander im Firmenlogo. Dort gab es auch die Lurchi-Hefte mit den Abenteuern vom Feuersalamander Lurchi und seinem grünen Salamanderfreund. Das Wort Comic, benutzte damals kaum einer, ich habe es jedenfalls nicht gehört und kannte es nicht. Die Geschichten waren aber sehr fesselnd und handelten immer vom Schuhwerk, das die beiden Protagonisten trugen. Die Hefte waren dazu gedacht, unruhige Kinder der Kunden zu beruhigen, damit ein entspanntes Beratungsgespräch geführt werden konnte. Meine Mutter kaufte nämlich auch für sich selbst ein paar neue Schuhe.

Nun sollte auch noch nebenan im Alsterhaus Kleidung gekauft werden. Ausziehen, anprobieren, ausziehen, anprobieren, bis endlich etwas passte und der Preis akzeptabel war – eine gefühlt endlose Prozedur. Vom Alsterhaus noch zu Karstadt in die Mönckebergstraße, dort das gleiche Procedere. Mir taten schon die Füße weh, doch meine Mutter war gnadenlos Wir kommen doch nicht jeden Tag in die Stadt war ihr Argument. Weiter ging es in Richtung Rathausmarkt zum Kaufhaus Woolworth, aber diesmal war es erfreulicher für mich. Es war in der Zwischenzeit früher Nachmittag geworden und mein Magen hing mir in der Kniekehle, ich hatte Hunger. Im ersten Stock des Woolworth Kaufhauses gab es ein Restaurant, das aber eher den Charme einer Kantine hatte, in der es sehr appetitanregend roch. Meine Mutter und ich setzten uns auf die hohen Stühle am Tresen und beobachteten die weißbekittelten Frauen mit dem Schiffchen auf dem Kopf, das mit Haarklammern festgesteckt war, bei der Essenausgabe. Meine Mutter bestellte für uns eine Tomatensuppe, die es bereits für 40 PfennigeDas entspricht heute ca. 20 Euro-Cent (Umrechnungsfaktor = 1,95583) pro Teller gab, das passte noch ins Budget.

Nach dieser Einkaufstortur war die Pause für mich eine himmlische Erholung und diese Tomatensuppe eine göttliche Speise, ich fühlte mich wie im Paradies! Die Krönung des Glücks aber waren die Sternchennudeln, die in dieser köstlichen Suppe schwammen.

Bis heute gehe ich nur sehr ungern einkaufen. Komm mir bloß nicht mit gemütlichem Einkaufsbummel sage ich zu meiner Frau, wenn sie mich durchs Einkaufszentrum schleifen will. Wenn die zweite Hose, die ich anprobiere, nicht passt, gebe ich regelmäßig auf und bekomme schlechte Laune. Ich glaube, ich weiß woher das kommt.