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Kindheitstrauma Nyltesthemd

Gelegentlich, besonders an den Wochenenden, feiertags und natürlich zu besonderen Anlässen wurde die Sonntagskleidung aus dem Schrank geholt und getragen. Einmal im Jahr fuhr ich an der Hand meiner Mutter in die Stadt und bekam an neuer Kleidung das, was ersetzt werden musste, weil die Kleidung aufgebraucht, ich unachtsam damit umgegangen oder wieder ein Stück gewachsen war (siehe auch meine Geschichte Tomatensuppe mit Sternchennudeln, warum ich nicht gerne Einkaufen gehe). Unter anderem lag auch immer ein weißes Hemd für mich bereit, das ich bei passenden Anlässen und auch in der Schule trug.

Meine Eltern legten größten Wert darauf, dass wir Kinder sauber und ordentlich zur Schule gingen. Es blieb aber leider nicht aus, dass ich mich beim Herumtoben auf dem Pausenhof der Schule schmutzig machte. Für mich war es mit dem Abklopfen von Hemd und Hose getan, ich war wieder sauber. Meine Mutter sah das leider ganz anders, mit den Worten wie siehst du schon wieder aus spuckte sie in ihr Taschentuch und versuchte, wenn ich nicht rechtzeitig entkam, mir damit über das Gesicht zu wischen, wenn nicht gerade ein Wasserhahn in der Nähe war. Unter Vorwürfen wie du könntest dich ja auch mal vorsehen oder glaubst du, mir macht das ständige Waschen Spaß oder schlimmer du siehst aus wie ein Schwein, musste ich mich dann umziehen. Ich empfand das als reine Schikane, so schmutzig war ich doch gar nicht.

Wir hatten im Hause eine Waschküche mit einem großen Waschkessel aus rötlichem Feuerbeton. Unter dem verzinkten Metalldeckel war eine Balge mit ungefähr hundert Liter Fassungsvermögen, die direkt von dem darunter liegenden Brennraum mit Holz und Kohle beheizt werden konnte. Wenn wieder einmal Waschtag war, wurde mit einem Eimer die Balge mit Wasser aufgefüllt und darunter mit Papier, kleinen Holzstücken und später mit Braunkohlebrikett ordentlich angefeuert. Meine Mutter schüttete dann Seifenpulver in das Wasser und kochte die Wäsche bei neunzig Grad. Dann wurde sie mit einem gewaltigen Holzlöffel herausgenommen und die heiße Wäsche auf dem Ruffelbrett rauf- und runter geruffelt, bis sie restlos sauber war. Das machte meistens meine Oma, die auch mit bei uns im Hause wohnte.
Dann wurde die Wäsche mehrfach in klarem Wasser gespült und auf einer langen Leine, die durch den ganzen Garten gespannt wurde, zum Trocknen aufgehängt.

Danach waren die Hemden zwar sauber, mussten aber noch gebügelt werden. Während ich ins Bett geschickt wurde, bügelte meine Mutter den ganzen Abend noch die Hemden für den Vater und die Kinder, damit wir am anderen Tag wieder sauber und ordentlich ins Büro und in die Schule gehen konnten. Als Mitte der 50er Jahre die ersten bügelfreien Hemden in den Handel kamen, dankte meine Mutter der expandierenden Plastikindustrie für die vermeintlich großartige Erfindung der Nyltesthemden, -blusen und –kittel, die plötzlich überall auftauchten. Die Hemden waren nicht nur billiger als die ewig verknitterten Baumwollhemden, die Hersteller versprachen auch völlige Bügelfreiheit, hohen Tragekomfort und dass die Hemden immer weiß bleiben würden, was für meine Mutter und Großmutter eine enorme Arbeitserleichterung bedeuten würde.

Fortan wurden nur noch Nyltesthemden gekauft und getragen. Gemocht habe ich diese Hemden nie, beim Anziehen fühlte sich der Stoff kalt und knisterig an, beim Ausziehen sah man blaue Lichtblitze elektrischer Entladung und die Haare standen zu Berge. Ein weiterer großer Nachteil dieser ungeliebten weißen Pelle bestand darin, dass man, sobald man sich ein wenig bewegte, nach Schweiß roch. Das hatte wiederum zur Folge, dass dies Hemd abends gewaschen werden musste. Zwar musste es nicht mehr gekocht, sondern nur noch mit etwas Waschmittel durch warmes Wasser gezogen werden, weniger Arbeit ist es aber nicht geworden. Fast gleichzeitig mit der Einführung der Hemden, wurden jetzt auch Kleiderbügel aus Kunststoff verkauft, auf denen die noch nassen Hemden nach der allabendlichen Wäsche tropfnass aufgehängt wurden, um am anderen Morgen trocken, und wie frisch gebügelt angezogen werden zu können. Konnte ich in der Woche mit allerlei Vorwänden dem weißen Hemd entgehen, wurde der Sonntag zum schlimmsten Tag der Woche, weißes Hemd war Pflicht und spätestens Mittag hätte jedes Iltisweibchen vor Wonne die Augen verdreht, denn was stinkt schlimmer als ein Iltis? Na ja – ein Hemd aus Nyltest!, so spotteten wir damals.

Auch mit der Farbtreue war es nicht so weit her und schon gar nicht so, wie der Hersteller es versprochen hatte, die Hemden vergilbten mit der Zeit und sahen dann ziemlich unansehnlich aus. Irgendwann entwickelte sich dann auf dem Pausenhof der Schule ein neuer Sport. Ein Streichholz wurde mit dem Kopf hochkant auf die Reibefläche der Streichholzschachtel gestellt und mit dem Daumen festgehalten. Man zielte auf das Nylonhemd des Gegenübers und schnippte mit Zeigefinger und Daumen der anderen Hand das Streichholz gegen das ungeliebte Hemd. Beim Gleiten über die Reibefläche wurde es entzündet und traf brennend auf den Stoff. Sofort brannte es ein Loch mit schwarzen, verschweißten Rändern in den Stoff. Wer ausgesprochenes Pech hatte, stand danach im Freien, ohne Hemd, aber mit schweren Verbrennungen da.

Die vielen Nachteile des Nylteststoffes ließen diese Hemden in kürzester Zeit wieder aus den Geschäften verschwinden. Der Glaube an den Fortschritt und die damit verbundene Lösung aller Probleme in der Zukunft hatte einen gehörigen Knacks erlitten. Zu meiner Hochzeit 1968 trug ich ein bügelfreies Hemd mit der schwarzen Rose, das in dem Jahr von der Firma Seidensticker auf den Markt gebracht wurde. Die Nyltesthemden waren alle zu Putzlappen verarbeitet worden, aber auch dazu taugten sie nicht.