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Jahreswechsel 1961

Der Anbau zur Vergrößerung des Hauses war rechtzeitig zu Winteranfang fertig geworden, zu Weihnachten stand der Tannenbaum bereits in der neuen guten Stube und auch ein Hamburger Kachelofen war als Heizung installiert worden und verbreitete nun wohlige Wärme. Silvester stand vor der Tür und das erfolgreiche Jahr sollte gebührend verabschiedet werden. Meine Mutter kaufte für die bevorstehende Silvesterfeier ein paar bunte Hüte, Luftschlangen und Girlanden und für uns Kinder etwas Wasserglas in der nahe gelegenen Drogerie. Mein Vater hatte am Freitag auf seinem Heimweg vom Dienst für die Silvesternacht bereits Spirituosen, ein paar Raketen, Kanonenschläge und das unvermeidliche Tischfeuerwerk besorgt.

Am frühen Nachmittag durfte ich meiner Mutter beim Schmücken des Wohnzimmers helfen. Ein paar bunte Girlanden wurden quer durch den Raum über die Lampe gespannt, die Wandlampen mit dem Charme der 50er Jahre in Tütenform wurden mit Luftschlangen verschönert. Der ganze Raum bekam ein neues Flair, bunt, fröhlich und selbst der Tannenbaum wurde mit Luftschlangen umdekoriert. Während mein Vater die Bowle ansetzte, backte meine Mutter Berliner. Die Schüssel mit dem Hefeteig war zum Gehen schon in die warme Stube gestellt und mit einem Geschirrtuch abgedeckt worden. Das Tuch hatte sich deutlich angehoben und der Teig wurde jetzt in der Küche noch einmal tüchtig geknetet und flach ausgerollt, dann mit einem Glas runde Scheiben ausgestochen. Zwischen die beiden Teigstücke kam ein Löffel voll Marmelade als leckere Füllung, dann wurden die beiden Hälften an den Rändern zusammengedrückt und in heißem Fett schwimmend gebacken. War die eine Hälfte braun, wurde der Berliner gewendet und in Zucker gewälzt. Vier Berliner erhielten dabei eine andere Füllung mit Düsseldorfer Löwensenf – extrascharf, wurden aber wie die anderen im Zucker gewälzt, bis kein Unterschied erkennbar war.

Am frühen Abend fand sich die ganze Familie im Wohnzimmer ein und mein Onkel, Vaters Bruder, meine Tante und Cousine klingelten an der Haustür. Es sollte eine gemeinsame Familienfeier werden. Alle hatten sich ein albernes Hütchen aufgesetzt und mein Vater legte letzte Hand an die Bowle, indem er sie mit einer halben Flasche Korn auffüllte und mit Schaumwein abschmeckte. Die Früchte, ich glaube es waren Ananasstücke, hatten zuvor in der anderen Hälfte der Schnapsflasche gebadet und wurden nun der Bowle zugesetzt. Wir besaßen bereits eine Musiktruhe mit Zehnerwechsler und magischem Auge. Der Plattenspieler war hinter einer Klappe unterhalb des Radios eingebaut und es wurden jetzt Platten von Rudolf Schock aufgelegt, dem Lieblingssänger meiner Eltern. So plärrten durch den Lautsprecher von der Langspielplatte aus der Operette Land des Lächelns die Arien des Tenors zu unserer Erbauung durch den Raum. In einem großen Glasgefäß wurde nun die Bowle aufgetragen und mit dem Schöpflöffel in die Gläser gefüllt. Die Gläser waren bauchig, mit einem Henkel und eingeschliffenen Weinreben verziert, passend zur Bowlenschüssel, die einen Deckel aus Glas besaß. Zur Feier des Tages bekam ich auch ein halbes Glas Bowle ab. Auf der Treppe stand Vaters Aktentasche, aus der verdächtige vierkantige Holzstiele ragten.

Dank der gehaltvollen Bowle stieg die Stimmung, die letzte Arie von der Schallplatte war verklungen, meine Mutter holte ihre Mandoline, sie spielte darauf und alle mussten mitsingen. Mein Vater holte aus seiner Aktentasche ein paar zylinderförmige Knallkörper, die nun auf den Tisch kamen. Angezündet machte es unspektakulär Plopp und mit dem Deckel flogen Glücksbringer, rosa Schweinchen, Schornsteinfeger und Kleeblätter aus Plastik durch den Raum. In einem Tischfeuerwerk war Konfetti, da der Bowlendeckel nebenbei lag, schwammen die Papierschnitzel anschließend auch in der Bowle. Die Zündschnur einer Papppyramide mit der verdächtigen Aufschrift Vesuv wurde nun entzündet, der Erfolg war durchschlagend, es sprühte bis an die Zimmerdecke und alle sprangen entsetzt auf, liefen durcheinander und versuchten den drohenden Zimmerbrand zu verhindern. Nach einigen Sekunden war der Spuk vorbei, es war nichts passiert, nur musste dringend gelüftet werden, denn der Raum hatte sich mit stinkendem Qualm gefüllt.

Allmählich legte sich die Aufregung, vom Tischfeuerwerk hatten alle die Nase voll. Die Papierschnitzel wurden mit einem Sieb aus der Bowle gefischt und mein Vater klopfte sich die schwarzen Rußpartikel von seinem Nyltesthemd. Die schwarzen Partikel fielen einfach heraus, er hatte nun ein Hemd mit Durchzug, voller Brandlöcher und ging sich umziehen. Dann gab es Berliner und Kaffee. Meine Mutter schaute gespannt von einem zum anderen und wartete den ganzen Abend vergeblich auf verzogene Mundwinkel. Angeblich hatte niemand einen Berliner mit Senf erwischt. Onkel Ullrich beichtete später einmal, er hätte sogar alle vier Senfberliner erwischt, wollte uns aber die Schadenfreude nicht gönnen, deshalb habe er sie alle tapfer verspeist, ohne das Gesicht zu verziehen.

Um Mitternacht wurde das neue Jahr begrüßt, Raketen in den Himmel geschossen und den Nachbarn ein frohes Neues Jahr über die Straße gewünscht. Wir Kinder durften Wunderkerzen und bengalisches Feuer abbrennen. Wieder in der warmen Stube, mussten nun unbedingt die Verwandten angerufen werden, was sich als nicht einfach erwies. Bereits nach dem Wählen der Null erhielt meine Mutter ein Besetzt, tüüt – tüüt – tüüt erklang aus dem Hörer. Auch weitere Versuche blieben erfolglos, denn ganz Deutschland telefonierte und das Telefonnetz war hoffnungslos überlastet. Dann musste ich ins Bett, denn nur ausnahmsweise und zur Feier des Tages durfte ich so lange aufbleiben. Außerdem hatte die Bowle mich zuerst sehr albern, dann aber sehr müde gemacht. Die Erwachsenen gingen noch zu den Nachbarn über die Straße auf ein Glas und im Hause wurde es still.

Am anderen Morgen durften meine Schwester und ich die Silvesterdekoration entfernen. Die Papierschlangen wickelten wir so auf, dass runde Gebilde mit immer größeren Durchmessern entstanden. Wir ließen Untersetzer in allen Größen entstehen und waren so geschickt, dass wir den Boden etwas eindrückten und langsam verschoben, bis sogar eine flache Schale oder eine Schüssel aus den Luftschlangen geformt war. Diese Teile wurden dann mit Wasserglas bestrichen, einer leicht trüben, flüssigen Substanz, die ganz hart wurde, wie ein Lacküberzug unsere Kunstwerke schützte und sogar wasserdicht machte. Ich glaube nicht, dass man Wasserglas heute noch irgendwo kaufen kann, was das aber genau ist, erfahren Sie, liebe Leserinnen und Leser aus unserem kleinen Lexikon der alten Wörter und Begriffe.

Übrigens habe ich nie wieder Tischfeuerwerk im Hause meiner Eltern erlebt.