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Silberhochzeit,
oder:
Ein Tritt ins Kreuz

Anfang der 70er-Jahre feierte ein befreundetes Ehepaar sein fünfundzwanzigstes Ehejubiläum und ich war dazu eingeladen. Mein Freund, der Silberbräutigam, litt zwar darunter, dass er in den vielen Jahren, in denen er schon in seinem Dorfe lebte, sich doch nicht als dazugehörig fühlte oder gar als Einheimischer anerkannt wurde. Er blieb der Zugereiste, auch wenn er lange das öffentliche Amt eines Schiedsmannes bekleidete, um dafür zu sorgen, dass Streitigkeiten zwischen den Nachbarn ohne teure aufwendige Gerichtsverfahren bereinigt werden konnten. Seine Frau hingegen war dort aufgewachsen und als Einheimische anerkannt. Ihn ließen die Bauern bei jeder Gelegenheit spüren, dass er nicht wirklich dazu gehörte. Das kleine Dorf im Kreis Pinneberg aber hatte sich nach dem Krieg stark verändert. Ausgebombte und Flüchtlinge hatten hier Wohnung und neue Heimat gefunden. Und aus dem alten Dorfkrug war ein Chinarestaurant geworden, aber immer noch mit großem Saal, in dem Familienfeste gefeiert werden konnten.

Gerd hatte sich damals in Ursel verguckt und war von Altona die wenigen Kilometer an die Stadtgrenze gezogen, um sie zu heiraten und bei ihr im Hause der Schwiegereltern zu wohnen. Die Ortschaften am Rande Hamburgs waren von den Luftangriffen und den damit verbundenen Zerstörungen weitgehend verschont geblieben. Altona lag dagegen in Trümmern und Wohnraum für eine ganze Familie gab es nicht. In den kommenden Jahren hatte er das alte Haus der Schwiegereltern saniert und dahinter auf dem Grundstück ein neues Wohnhaus für seine Familie errichtet. Und das alles in Eigenhilfe und aus eigener Kraft und manchmal auch unter Mithilfe seiner Freunde.

Ich kannte ihn eigentlich nur im Blaumann und mit einer Maurerkelle auf seinem Gerüst stehend, wenn er Stein für Stein das Mauerwerk seines neuen Hauses errichtete. Zu der Zeit habe ich viele erlebt, die ihren Keller selbst und von Hand ausgeschachtet haben, weil ein Bagger zu der Zeit entweder nicht zu bezahlen oder nicht verfügbar war.

Nun stand ein großes Fest an, 25 Jahre Ehe, eine Silberne Hochzeit. Die Tochter der beiden war gerade in dem Alter zwischen noch Kind und schon junger Erwachsenen und schwärmte für Pferde, wie es auch heute viele junge Mädchen tun. Sie hatte auf dem Pferdehof beim Ausmisten und Füttern geholfen und ganz nebenbei eine Ausbildung im Führen einer Pferdekutsche erhalten. Ihre besondere Überraschung für die Eltern sollte nun eine Kutschfahrt mit dem Silberpaar zum Chinarestaurant quer über die Straße werden. Es machte ihr dabei nichts aus, dass die Strecke vom elterlichen Haus nur knapp fünfhundert Meter bis zum Ziel betrug. Sie hatte zwei Zugpferde und die Kutsche organisiert und wollte die Eltern mit dem geschmückten Gefährt kutschieren.

Gerd hatte sich zu diesem besonderen Anlass einen hellgrauen Anzug gekauft, der Blaumann hing heute im Keller und er schmiss sich in Schale. Die Tochter hatte in der Zwischenzeit mit einigem Geschick die Pferdekutsche rückwärts in die elterliche Einfahrt eingeparkt, was ihr bewundernden Respekt von den Zuschauenden einbrachte. Dann erschien das Silberpaar und mein Freund ging einmal inspizierend um den Wagen herum, als einer der Gäule sich bedrängt fühlte und nach hinten austrat. Unglücklicherweise stand Gerd gerade mit dem Rücken zum Pferd, sodass ihn der Tritt unerwartet mitten ins Kreuz traf. Um Haltung bemüht, machte er ein paar Schritte nach vorn, ruderte heftig mit den Armen, verlor dann aber doch das Gleichgewicht und fiel auf die Knie. Dabei riss er sich die neue Hose auf. Als er aufstand, humpelte er ein wenig, ging um die Kutsche herum und knallte dem Gaul mit der Faust so auf die Stirnblässe, dass dieser nun ebenfalls in die Knie ging.

Danach war es ihm sichtlich wohler und er ging sich umziehen. Man trägt heute wieder Kombination war sein Kommentar als er mit schwarzer Hose zum hellgrauen Jackett wieder erschien. Mit der Kutsche wollte er nun nicht mehr fahren, mit Frau und Gästen ging es jetzt zu Fuß zum Festsaal, während das Töchterchen schluchzend die Kutsche zum Pferdehof zurück fuhr.

Es wurde ein fröhliches Fest, den ganzen Abend wurde noch darüber gelacht, wie sich Gerd bei dem Zossen für den Tritt ins Kreuz bedankt hat.