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Vater und Sohn, ein schwieriges Verhältnis

Drei Jahre und zehn Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erblickte ich im Ostflügel des Schlosses Blumendorf, etwas außerhalb von Bad Oldesloe das Licht der Welt. Der westliche Teil des Gebäudes war bereits in den letzten Kriegsjahren als Krankenhaus eingerichtet worden. Meine Mutter hatte im Januar 1945 zusammen mit ihrer Mutter und meiner, noch in Osterode/Ostpreußen geborenen Schwester Hals über Kopf ihre Heimat verlassen müssen. Mit dem Osteroder Krankenhaus, Patienten und Personal, waren sie wochenlang auf der Flucht vor den Russen und den Polen, die jetzt als die neuen Herren das Land besetzten und die Deutschen erbarmungslos vertrieben und verfolgten.

Meine beiden Großväter habe ich nie kennenlernen dürfen, Mutters Vater hatte ein Fuhrgeschäft und konnte seine Pferde nicht allein lassen. Deshalb wollte er später nachkommen und ließ Frau, Tochter und Enkelin allein auf die Flucht gehen, in dem guten Glauben, dass dem Krankenhaustreck nichts geschehen würde. Am 16. Februar 1946 ist er in Tagewerben an Hunger und Entkräftung gestorben, seine Familie hat er nie mehr wiedergesehen. (siehe »Flucht aus Ostpreußen«) Den anderen Großvater hielt es ebenfalls aus Pflichtbewusstsein dort. Er war Landbriefträger und Beamter und konnte doch seine Post nicht einfach den Russen überlassen, oder sie gar untergehen sehen. Ich hörte von meinen Eltern später einmal, dass er nicht mehr aus der Stadt herausgekommen und dort an Hunger und Krankheit verstorben ist.

Nach Wochen kamen die Flüchtlinge in Schleswig-Holstein an und hatten alles Materielle und auch ihre Heimat verloren. Aus diesem Grund ist in meinen Papieren als Geburtsort Bad Oldesloe angegeben, mehr verbindet mich nicht mit dieser Stadt.

Mein Vater war am 1. April 1939 als Freiwilliger zur Kriegsmarine gegangen und nach seiner Grundausbildung auf Kreuzer Nürnberg als Matrose gefahren. Als am 1. September 1939 das Linienschiff SMS Schleswig-Holstein in Danzig mit Schüssen auf die Westerplatte die Kampfhandlungen eröffnete, befanden sich Deutschland und seine Soldaten am Beginn des Zweiten Weltkrieges. Im Oktober 1941 wechselt er zur U-Boot-Waffe und erlebte den Seekrieg an Bord des Unterseebootes U-466. (siehe »mit U-466 auf Feindfahrt«).
Die 40.000 deutschen U-Boot-Fahrer kämpften 68 Monate lang auf allen Ozeanen der Welt und versenkten dabei über 5100 Schiffe mit rund 21.500.000 Bruttoregistertonnen. Bei diesen Angriffen sind unzählige zivile Besatzungsmitglieder und 30.000 U-Boot-Fahrer ums Leben gekommen. 661 Boote wurden im Fronteinsatz durch Zerstörer und Flugzeuge vernichtet, weitere 496 Boote durch Unfälle oder technisches Versagen.

Mein Vater war einer der wenigen U-Boot-Fahrer, die körperlich unversehrt den Krieg überstanden hatten. Im durch Bomben völlig zerstörten Hamburg fand er nach seiner Entlassung aus dem Kriegsgefangenenlager der Engländer 1946 Unterkunft und eine neue berufliche Aufgabe bei der Polizei. Seine Schwiegermutter, Ehefrau und Tochter waren zu diesem Zeitpunkt noch in Leipzig untergebracht und kamen erst später nach. Da es aber ohne nachgewiesenen Wohnraum keine Zuzugsgenehmigung nach Hamburg gab, blieb die Familie zunächst in Zarpen, bzw. in Reinfeld/Holstein in Notunterkünften. Erst im September 1950 war unsere Familie im neuen Zuhause am Hamburger Stadtrand wieder vereint. Hier wuchs ich auf. Dass wir bettelarm waren, ist mir lange nicht bewusst geworden, denn alle meine Freunde und Schulkameraden lebten in keinen besseren Verhältnissen, am Äußeren konnte man uns nicht unterscheiden, aber darunter habe ich nie gelitten. Wegen der schlechten Ernährung litt ich lange unter Spulwürmern und schmerzhaften Furunkeln, die entweder mit schwarzer, stinkender Ichthyolsalbe behandelt, oder, wenn das nicht half, von unserem Hausarzt aufgeschnitten wurden.

Als Kinder hörten wir von den Eltern und Großmüttern oft die Geschichten, wie sie aus der Heimat flüchteten und welche Gräuel sie dabei durchleiden mussten. Auch unser Vater erzählte knapp von seiner Zeit auf dem U-Boot. Weil ich damals seine Erzählungen nicht verstand, stellte ich Fragen dazu, die er regelmäßig mit den Worten abwürgte, lass mich in Ruhe damit, ich will von diesem Kriegsscheiß nichts mehr hören. Noch ziemlich verschwommen entwickelte sich aber mein Gespür dafür, dass Eltern und Großeltern mit diesem Krieg eine Schuld auf ihre und die Schultern ihrer Kinder und Enkel geladen hatten, die kaum abzutragen ist. Bei meinen späteren Reisen nach Norwegen, Dänemark, Frankreich und Holland bekam ich nicht nur Freundlichkeiten zu spüren, wenn man mich als Deutschen erkannte. In Holland wurde ich in einem Geschäft nicht bedient, in Dänemark in eine Diskussion über die schlimmen Taten der Deutschen verwickelt, die erst mit dem Hinweis darauf endete, dass ich erst nach Kriegsende geboren wurde und meinen Gegenüber nachdenklich machte. Ich kann heute verstehen, was meine Altersgenossen an den Universitäten bewegte, als sie 1968 die APO (die außerparlamentarische Opposition) ins Leben riefen und den Institutionen den Gehorsam verweigerten. Sie lehnten sich auf gegen Altnazis, die wieder zu Amt und Würden kamen, als Ministerpräsidenten gar Regierungsgewalt hatten, wie z.B. Hans Filbinger in Baden-Württemberg, (siehe meine Geschichte Aladin aus der Wunderlampe). Wohin dieser Gehorsam ein ganzes Volk geführt hatte, welche Hypothek auf unseren Schultern lag, wurde mir mit der Zeit immer klarer.

Unsere Erziehung, die meiner Schwester und meine, beruhte im Wesentlichen auf dem, was unsere Eltern in ihrer Jugend in Nazideutschland gelernt hatten: Absolute Gehorsamkeit und Kontrolle. Wir bekamen die wichtigen Grundlagen eingebläut, pünktlich zu sein, niemals zu lügen und vor den Eltern keine Geheimnisse zu haben. Diskutiert wurde darüber nicht, wer diskutierte war schwach und hatte keine feste Meinung. Wer keine feste Meinung hatte, war charakterlos. Ich höre meinen Vater heute noch sagen: Eine Diskussion macht nur Sinn, wenn der andere hinterher auch meiner Meinung ist. Zur Unterstreichung seiner Grundsätze gab es in der Küche einen festen Platz für einen Lederriemen mit Koppelschloss, der bei Nichteinhaltung der eisernen Grundsätze besonders gerne auf meinem Steiß tanzte, wobei das Koppelschloss auch manchmal tiefen Eindruck hinterließ. Das ganze Procedere wurde mit den abschließenden Worten begleitet: Zur rechten Zeit erteilte Hiebe, erwecken Furcht, Vertrau’n und Liebe – reimt sich zwar, aber nicht alles, was sich reimt, stimmt auch. Mit 14 Jahren verließ ich nach einem solchen Vorfall das Elternhaus und wollte nie wieder dahin zurückkommen. Auslöser war einmal wieder das leidige Thema Haare schneiden. Während meine Klassenkameraden mit den damals aufkommenden Langhaarfrisuren herumliefen, hatte ich gefälligst eine militärisch knappe Faconfrisur vorzuweisen, wenn ich vom Frisör zurückkam, was in der Schule zu Hänseleien führte. Leider war mein Fortgehen nicht geplant, daher überstürzt und unüberlegt. Mit meinem Fahrrad, ohne Geld, warmer Kleidung oder etwas zum Essen machte ich mich davon und kam erst nach drei Tagen abends spät, in der Hoffnung, noch einige persönliche Sachen holen zu können, nach Hause zurück und lief dabei meinen Eltern direkt in die Arme. Sie ließen mich nicht wieder gehen, aber der Lederriemen verschwand auf wundersame Weise von seinem Platz in der Küche und ward nicht mehr gesehen. Von da an hat mich mein Vater nie wieder angefasst.

Als pubertierender Jüngling hatte ich jetzt derart Oberwasser und fing an, ihn gründlich und absichtlich zu ärgern. Wann immer ich konnte, fing ich eine Diskussion an und vertrat dabei möglichst völlig unsinnige Positionen mit dem Ziel, den Alten zur Weißglut zu bringen, was mir auch regelmäßig gelang. Fortan knallten die Türen, war Revolution im Hause, aber angefasst hat er mich nicht mehr. Heute bin ich nicht gerade stolz, wenn ich auf diese Zeit zurückblicke. Ein Jahr, nachdem ich meine Lehre beendet hatte und als Geselle eigenes Geld verdiente, wurde ich vom Amtsgericht Hamburg mit 19 Jahren für volljährig erklärt und konnte für mich allein entscheiden. Am 1. Januar 1969 bezog ich mit meiner eigenen kleinen Familie, mein Sohn wurde im Dezember geboren, in eine Wohnung in Glashütte, war also ein Jahr später Norderstedter der ersten Stunde, denn am 1. Januar 1970 wurden die vier Dörfer Garstedt, Harksheide, Glashütte und Friedrichsgabe zu einer Stadt verschmolzen.

Heute erst, im Rentenalter, weiß ich, dass wir von traumatisierten Eltern erzogen wurden, die nichts anderes als unbedingten Gehorsam gelernt hatten. Von Eltern, die in einer Diktatur groß geworden waren und sich weiter unterwürfig gegenüber Ämtern und Institutionen verhielten. Das war ihre Überlebensstrategie und nach ihrem Willen sollte diese auch zu unserer werden. Viele offene Fragen wurden mir während meiner Arbeit für die Erinnerungswerkstatt von den Autorinnen und Autoren beantwortet, die den Krieg miterlebt hatten. Besonders aufschlussreich fand ich dabei Günter Matibas Zeitzeugenbericht, wie er das deutsche Jungvolk erlebte.

Als mein Vater im Dezember 2005 verstarb, konnte ich wenig dabei empfinden, er war mir fremd geblieben, wir haben uns nie wirklich verstanden. Nach dem Tode meiner Mutter zog ich zurück in mein Elternhaus und fand auf dem Dachboden einen Karton mit Fotos, Fotoalben und die Fotokopie des Kriegstagebuches von U-466, den ich schnell wieder verschlossen habe. Irgendwann werde ich mir mal die Zeit nehmen, das ganze Material zu sichten.

Heute, fast ein Jahrzehnt später, nehme ich mir die Zeit dazu und fand den Bericht meines Vaters über die Zeit auf seinem U-Boot. Hier finde ich die Antworten auf meine damals kindlichen Fragen, verstehe, was Krieg eigentlich bedeutet und bin darüber enttäuscht, das er diesen Bericht nicht für mich, sondern anlässlich des Treffens alter U-Boot Veteranen 1983 in Wilhelmshaven geschrieben hat. Ich kann zwar verstehen, dass so eine U-Boot Besatzung ein verschworener Haufen war, die sich bedingungslos auf einander verlassen mussten, um zu überleben und dass sich daraus eine Kameradschaft entwickelte. Ich stelle solche Kameradschaften aber in Frage, weil die jungen Männer der Kriegsmarine schließlich keinen Betriebsausflug gemacht haben, sondern mit ihrem Boot unterwegs waren, anderen Seeleuten das Leben zu nehmen. Höre ich Protest? Klingen meine Worte zu hart? Wir haben doch nur Tonnage versenkt, um den Krieg schnell zu beenden hat mir mal einer der Veteranen gesagt.

Der Befehlshaber der U-Boote, Admiral Karl Dönitz, verbot am 17. September 1942 den U-Boot Kommandanten jeden Versuch, die Schiffbrüchigen versenkter Schiffe zu retten. Vorangegangen war die Versenkung der RMS Laconia vor der Westküste Afrikas durch ein deutsches U-Boot und die anschließende Rettungsaktion durch deutsche und italienische U-Boote, die dabei von Bombern der US Air Force angegriffen wurden. Der Wortlaut des Befehls lautete wie folgt:

  1. Jeglicher Rettungsversuch von Angehörigen versenkter Schiffe, also auch Auffischen von Schwimmenden und Anbordgabe auf Rettungsboote, Aufrichten gekenterter Rettungsboote, Abgabe von Nahrungsmitteln und Wasser, haben zu unterbleiben. Rettung widerspricht den primitivsten Forderungen der Kriegführung nach Vernichtung feindlicher Schiffe und Besatzungen.
  2. Befehle über Mitbringung Kapitäne und Chefingenieure bleiben bestehen.
  3. Schiffbrüchige nur retten, falls Aussagen für Boot von Wichtigkeit.
  4. Hart sein. Daran denken, dass der Feind bei seinen Bombenangriffen auf deutsche Städte auf Frauen und Kinder keine Rücksicht nimmt.

Dieser Befehl ist so eindeutig und widerspricht klar der Auffassung des U-Boot Veteranen, nur Tonnage versenkt zu haben. Verdrängung führt zur Glorifizierung der alten Kameradschaften, weshalb ich mich stets geweigert habe, meinen Vater, auch als er schon gehbehindert war, zu einem Treffen ehemaliger U-Boot-Fahrer zu begleiten oder gar daran teilzunehmen. Haben die Kriegsveteranen denn heute völlig verdrängt, oder vergessen, weshalb sie in der Welt zu Lande, zur See und in der Luft unterwegs waren?

Der Krieg hat einen langen Arm. Noch lange, nachdem er vorbei ist, holt er sich seine Opfer. (Martin Kessel)