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Himmelsschreiber

Ich erinnere mich an einen warmen, windstillen Tag im August 1957. Herrliches Sommerwetter und keine Wolken am Himmel. Ich war mit meinem Freund auf der Schaukel in unserem Garten, als sich am Himmel ein Phänomen zeigte, das ich vorher noch nie gesehen hatte. Wie aus dem Nichts bildete sich am blauen, wolkenlosen Himmel plötzlich ein weißer Strich, der immer länger wurde. Wie von Geisterhand gemalt, stand dieser weiße Strich am Himmel und wir fragten uns, wie der dort wohl hingekommen sei.

Nach einer Weile erschien ein zweiter Strich, der sich aber in einem Bogen krümmte, in der Mitte des langen Striches erschien und nun dahin zurück führte. Es sah aus wie ein Buchstabe, der Buchstabe P. Nun fesselte dieses Ereignis uns so sehr und nahm uns ganz in seinen Bann. Ich entdeckte einen kleinen schwarzen Punkt, von dem diese seltsamen Zeichen an den Himmel geschrieben wurden und hörte jetzt auch einen Flugzeugmotor hoch oben am Himmel. Ich rannte aufgeregt zu meiner Mutter, wollte eine Erklärung dafür von ihr haben. Das sind nur Himmelsschreiber sagte sie und ging wieder ins Haus.

Zwar konnte ich mir darunter nichts vorstellen, ich ging aber wieder in den Garten und beobachtete weiter, was der kleine Punkt dort oben wohl schreiben würde. Ein zweiter, langer Strich bekam nach einer kleinen Pause eine weitere gerade Linie, quer in der Mitte der ersten. Wieder gab es eine kleine Pause und es erschien ein weiterer kurzer Strich, dann noch einer. Das Gebilde sah nun aus wie ein großes E und ich schaute gespannt, wie es wohl weiter gehen würde. Tatsächlich schrieb das kleine Flugzeug, das ich nun mit den Augen verfolgte, weitere Buchstaben an den wolkenlosen Himmel. Sogar ein S schaffte der Himmelsschreiber in einem eleganten Zug.

Am Ende der Vorführung stand das Wort PERSIL an den Himmel geschrieben und war eine ganze Weile noch zu lesen, bis der schwache Wind die Rauchwolken auseinander wehte und die Schrift nicht mehr lesbar war. In den folgenden Jahren habe ich dieses Schauspiel bei klarem Wetter öfters beobachten können. Es wurde für die unterschiedlichsten Marken geworben, meistens für Waschmittel. Auch habe ich kleine Flugzeuge gesehen, die, langsam und niedrig fliegend, ein Werbebanner hinter sich her zogen.

Heute sehe ich immer noch solche weißen Striche am Himmel. Die stammen aber nicht mehr von den Himmelsschreibern wie in den 50er Jahren, sondern von sehr hoch fliegenden Verkehrsmaschinen mit Düsenantrieb. Als ich Kind war, flogen alle Verkehrsmaschinen noch mit Kolbenmotor. Das eleganteste viermotorige Verkehrsflugzeug, an das ich mich erinnern kann, hatte einen langen, leicht geschwungenen Rumpf und ein typisches dreiflügeliges Seitenleitwerk. Wenn so eine Maschine in Richtung des nahegelegenen Flughafens zur Landung einschwebte, hörte man ihr typisches sonores Brummen, lange bevor man sie sehen konnte. Die Super Constellation, so nannte man das Flugzeug, war die Maschine, die bei uns das Fernweh weckte. Meine erste Flugreise habe ich aber erst sehr viel später gemacht, als es nur noch Flugzeuge mit Düsenantrieb gab.