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Heimweh

Sechs Jahre war ich alt, als ich zum ersten Mal am eigenen Leibe spürte, was Heimweh bedeutet.

Angefangen hatte es, als ich am ganzen Körper einen juckenden Ausschlag bekam, der sich vom Steißbein ausgehend über den ganzen Körper verbreitete. Zuerst nur kleine, rote Pusteln, vergrößerten sich diese in kurzer Zeit zu roten Kringelringen. Meine Eltern waren sehr in Sorge und rätselten, was für eine seltsame Krankheit ich mir da eingefangen hatte. Die Röteln waren es nicht, das medizinische Lexikon beschrieb ganz andere Symptome und mein Ausschlag sah auch ganz anders aus, auch fehlte das typische Fieber. Meine Eltern tippten daher auf Windpocken und meldeten mich beim Hausarzt an. Dazu eilte meine Mutter zu Fuß in die etwa zwei Kilometer entfernte Praxis am Stockflethweg, und bekam einen Termin für den nächsten Tag. Einen eigenen Telefonanschluss besaßen wir damals noch nicht, der wurde erst sehr viel später gelegt. Am nächsten Morgen ging ich dann an der Hand meiner Mutter zur Untersuchung zum Hausarzt Dr. P. Mit diesem Arzt hatte ich schon unangenehme Erfahrungen gemacht, er hatte mir in seiner Praxis eine Warze an der Hand entfernt, die Operation hatte ich noch in schmerzhafter Erinnerung.

Er schaute sich meinen Ausschlag lange an und schüttelte den Kopf, so etwas hatte er noch nicht gesehen. Auch das Studium eines Fachbuches, das er zu Rate zog, brachte keine wesentlichen Erkenntnisse über die Art meiner Erkrankung. So zückte er seinen Tintenfüller und schrieb eine Überweisung ins Krankenhaus. Da aber das in der Nähe befindliche Allgemeine Krankenhaus Heidberg keine Kinderabteilung besaß, wurde ich zur Universitätsklinik nach Eppendorf überwiesen.

Wieder machte sich meine Mutter mit mir an der Hand auf den Weg, diesmal zur Bushaltestelle an der Tangstedter Landstraße. Dort fuhr ein zweifarbig beige-braun lackierter Bus alle zwei Stunden ab und brachte die Fahrgäste zu den Hochbahnstationen Langenhorn-Nord und Langenhorn-Mitte, die heute Langenhorn Markt heißt. Wir stiegen bereits Langenhorn-Nord aus. Dort hatte sich ein älterer Herr namens Buddelmann eine kleine Existenz aufgebaut. Er bewachte an seinem Stand die Fahrräder der Pendler, die nicht den Bus benutzten und hier in die Hochbahn stiegen, um in die Stadt zu fahren. Mein Vater war ein regelmäßiger Kunde bei ihm.

Meine Mutter stieg mit mir die vielen Treppenstufen zum Bahnsteig hinauf und als der Zug eingefahren war, durfte ich mich ganz vorne im ersten Wagen auf den Klappsitz neben der Fahrerkabine setzen. Das war der interessanteste Platz im ganzen Abteil, konnte man sich doch wie ein Hochbahnzugführer fühlen und vorne auf die Gleise schauen. Die Fahrt ging bis zur Kellinghusenstraße, dort mussten wir in eine andere Linie umsteigen. Leider war der Platz ganz vorne nicht frei, denn dieser Klappsitz war bei den Fahrgästen wegen seiner guten Aussicht immer sehr begehrt. Von der Hochbahnstation Hoheluftbrücke ging es jetzt ein ganzes Stück zu Fuß bis zur Universitätsklinik in der Martinistraße. Den ganzen Vormittag wurde ich nun von mehreren Ärzten begutachtet und untersucht. Fragen nach der Ernährung und den Lebensumständen des kindlichen Patienten musste meine Mutter beantworten. Am Ende der Untersuchung waren auch diese Götter in Weiß völlig ratlos, vermuteten aber eine Lebensmittel- oder Salzallergie bei mir und schlugen vor, mich zur Beobachtung dort auf der Kinderstation zu behalten.

Meine Mutter ging also auf Anraten der Ärzte allein nach Hause, nahm von mir Abschied, versprach mir aber, mich jeden Mittwoch und Sonntag besuchen zu kommen. Sie gab sich alle Mühe, mir die Gründe für mein Hierbleiben zu erklären und mich zu trösten, aber meine Tränen liefen. Eine der Krankenschwestern nahm mich nun fest an die Hand und mir blieb nichts anderes übrig, als ihr in ein Zimmer zu folgen, wo fünf andere kleine Patienten in weißbezogenen Betten lagen. Ein Bett war noch frei, hier sollte ich in der nächsten Zeit schlafen. Da ich mich aber, absehen vom Juckreiz, völlig gesund fühlte, war mir schwer klarzumachen, warum ich jetzt hier und im Bett bleiben sollte. Die nächsten langen Wochen, die ich im Krankenhaus zubrachte, erinnere ich als die langweiligsten und ödesten meines ganzen Lebens. Unterbrochen nur von neuerlichen Untersuchungen und der herbeigesehnten Besuchszeit. Jeden Mittwoch kam meine Mutter pünktlich um drei Uhr am Nachmittag und blieb, bis eine Schwester hereinkam, um zu verkünden: Die Besuchszeit ist zu Ende. Die Besuchzeiten wurden damals strikt eingehalten, das Krankenhauspersonal achtete sehr auf die Zeit, ließ die Besucher nicht vor fünfzehn Uhr auf die Station und schickte sie eine Stunde später nach Hause. Darum ging meine Mutter wieder und ließ mich weinendes, kleines Bündel dort zurück.

Nach so einem Besuchstag fühlte ich mich elend und krank und hatte fürchterliches Heimweh. An einem Sonntag kam sogar mein Vater mit, um mich im Krankenhaus zu besuchen. Als die Schwester nach einer Stunde das Ende der Besuchszeit verkündete und sich die Eltern von mir wieder einmal verabschiedeten, ohne Anstalten zu machen, mich wieder mit nach Hause zu nehmen, war meine Geduld zu Ende. Kaum waren die Eltern aus der Tür, zog ich Hemd und Hose über das Flügelhemd, zwängte meine Füße ich die Schuhe und ging nach Hause.

Ohne dass mich eine Schwester aufhielt oder gar mein Verschwinden bemerkte, gelangte ich durch die langen Flure ins Treppenhaus und nach unten in den Park. Von dort aus machte ich mich mit tränenblinden Augen eilig in Richtung Ausgang Martinistraße davon. Ich glaubte, weit vor mir meine Eltern gehen zu sehen, rannte hinterher und schräg über die Straße. So machte ich es zu Hause auch, denn der Autoverkehr war damals, 1955, selbst auf Hauptstraßen nur sehr spärlich. Hier aber, in der Martinistraße, herrschte Verkehr und ein aufmerksamer Autofahrer bremste mit quietschenden Reifen auf dem Blaubasalt gerade noch rechtzeitig, um mich nicht zu überfahren. Meine Eltern drehten sich um und sahen mich laufen, sie waren es aber nicht, hinter denen ich her lief.

Nach diesem Vorfall durfte ich mit den Eltern nach Hause fahren. Sie wollten mich nicht länger dort lassen, zumal mein Ausschlag bereits fast völlig verblasst war und die zahlreichen Untersuchungen keinen eindeutigen Befund erbracht hatten. Es gab also keinen Grund mehr, noch länger im Krankenhaus zu bleiben. Überglücklich kamen wir zu Hause an, meine Eltern versprachen mir, mich nie wieder so lange in einem Krankenhaus allein zu lassen.

Als ich etwa vierzehn Jahre alt war, bekam ich einen Ausschlag, der ganz ähnlich dem war, der mich als Sechsjährigen so lange in ein Krankenhaus gebracht hatte. In Fuhlsbüttel praktizierte ein griechischer Hautarzt, Dr. G., der sich meine Kringel anschaute, aufstand und mit einem dicken Wälzer zurückkam. Er schlug eine bestimmte Seite auf und erklärte: Es handelt sich hier um eine allergische Reaktion auf das Sekret der Zecke. Da kann man leider nichts machen, das verschwindet aber in wenigen Wochen ganz von allein.

Auch die Medizin hat seither Fortschritte gemacht. Heute gibt es Ärzte, die schon von den Mikroorganismen, spiralförmigen Borrelien gehört haben, die eine Borreliose auslösen können, wenn die Zecke damit infiziert war. Wenn diese Krankheit nicht sofort behandelt wird, kann sie sogar bleibende Schäden zur Folge haben. Erst 1982 wurden die Erreger der Lyme-Borreliose entdeckt, die sehr unklare, multiple Beschwerden verursachen und häufig als Rheuma missdeutet werden. Zahlreiche Borreliose-Selbsthilfegruppen sind deshalb in den letzten Jahren gegründet worden und haben immerhin erreicht, dass die Medizin diese Erkrankung heute zumindest zur Kenntnis genommen hat, denn bei sofortiger richtiger Behandlung ist sie heilbar.

Besuchszeiten wie damals gehören inzwischen der Vergangenheit an, kleine Kinder werden zusammen mit ihren Müttern in Krankenhäusern aufgenommen, um Trennungstraumata zu vermeiden und meine Erinnerungen an diesen Krankenhausaufenthalt werden sechzig Jahre alt.