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Alles Bio ‒ oder was?

Fünf Jahre nach Kriegsende lag Hamburg zum größten Teil in Schutt und Asche, es gab für die vielen Menschen keine Wohnungen und der Zuzug nach Hamburg wurde von der britischen Besatzungsmacht streng geregelt. Ausgebombte hatten sich in den Ruinen notdürftig eingerichtet, andere ihre Schrebergartenlauben mit dem noch brauchbaren Material, das sie aus den Ruinen gesammelt hatten, zu Behelfsheimen ausgebaut, die noch bis weit in die 70er Jahre in Hamburg existierten. Die Engländer hatten auf geräumten Trümmergrundstücken Nissenhütten als Notunterkünfte für die vielen Obdachlosen aufgebaut, doch die Wohnungsnot blieb groß. Mein Vater hatte eine Anstellung bei der Hamburger Polizei erhalten und wohnte in der Polizeikaserne in Alsterdorf. Meine Mutter war mit uns Kindern zunächst in Zarpen, später in Reinfeld in Holstein untergebracht worden und bekam keine Zuzugsgenehmigung, da kein Wohnraum nachgewiesen werden konnte. Durch Zufall hörte Vater von einer großen Neubaumaßnahme auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz weit draußen am nördlichen Stadtrand. Er war einer der Glücklichen, die per Losentscheid eine dieser neu geschaffenen Siedlerstellen zugesprochen bekam. Damit war der Nachweis geführt, dass ausreichender Wohnraum für die Familie vorhanden war, und eine Zuzugsgenehmigung wurde von der Britischen Verwaltung erteilt. Im September 1950 war die Familie dann wieder vereint und hatte eine neue Heimat im Norden Hamburgs gefunden.

Ich kann mich an diese Zeit nicht erinnern, da ich beim Einzug in das neue Haus erst ein Jahr alt war, die folgenden Jahre und die weitere Entwicklung habe ich aber bewusst miterlebt und davon will ich erzählen.

Das Haus hatte gerade die allernotwendigste Ausstattung, es gab elektrischen Strom, fließend Wasser und eine Versorgungsleitung für Stadtgas. Die Hamburger Elektrizitätswerke (HEW) hatten Leitungsmasten aus teerölgetränkten Baumstämmen aufgestellt und an Porzellan-Isolatoren Blankdrahtleitungen von Mast zu Mast geführt. Ich erinnere mich an regelmäßige Wartungsarbeiten, wenn Männer im Blaumann mit Stahlzangen an den Füßen und einem Klettergurt um den Bauch auf die Masten stiegen, um daran zu arbeiten. Am Giebel des Hauses waren ebenfalls Isolatoren im Mauerwerk eingelassen, von dort führte dann ein Kabel in das Haus. Die Wasserleitung endete an einem Ventil in der Waschküche. Dort stand auch ein großer Waschkessel, der mit Kohle und Holz beheizt werden konnte. Dieser Waschkessel diente auch zur Warmwasserbereitung und wurde regelmäßig am Samstag, dem wöchentlichen Familienbadetag, angeheizt. Gebadet wurde aber in einer Zinkwanne, einem Badezuber. Das Wasser wurde per Eimer in den Zuber geschöpft und unter Zugabe von Kaltwasser angenehm temperiert. Eine Waschkesselfüllung musste für die ganze Familie, vier Personen reichen.

In der Küche gab es einen Gasherd, daneben stand auch ein sogenannter Kohlebeistellherd oder auch Kochmaschine genannt. Dieser wurde ebenfalls mit Kohle und Holz befeuert und diente im Winter als Heizung für die Küche, die dann zum wärmsten und gemütlichsten Raum des ganzen Hauses wurde. Wasser wurde aus der Waschküche geholt, eine Abwasserleitung gab es nicht. Anfangs wurde das Abwasser im Garten vergossen, später baute Vater eine Grube, als Sammelbecken für Abwasser und Fäkalien. War sie voll, wurde ein Unternehmen namens FAEKAL mit dem Leerpumpen und Abfahren beauftragt. Um die hohen Kosten für das Leerpumpen der Grube zu sparen, brachte mein Vater eines Tages eine gusseiserne Handpumpe und einen ausgedienten Feuerwehrschlauch mit nach Hause. Regelmäßig wurde die Gülle nun per Pumpe als guter Dünger auf das Land ausgebracht. Ich erinnere mich, dass bei so einer Gelegenheit, als die Erdbeeren per Gülleschlauch bewässert wurden, der Nachbar im Garten nebenan ein Liedchen anstimmte. Er ging durch seinen Garten und sang: Die werden schmecken, die werden schmecken. Die Stadt baute erst Mitte der 1980er Jahre ein Schmutzwassersiel, danach verschwanden nach und nach die vielen Abwassergruben der Siedler, wurden zugeschüttet oder als Regenwassersammler weiter verwendet.

Im Sanitärbereich gab es ein Sitzbrett mit Loch und Deckel, Stücke von Zeitungspapier dienten der Toilettenhygiene. Unter dem Brett stand zur Aufnahme der Fäkalien ein Goldeimer. Torf zum Nachwerfen sollte gegen Gerüche helfen. War der Eimer voll, wurde der Inhalt als Dünger im Garten vergraben. Denn zu dem Haus gehörte auch ein großer Garten, etwa eintausend Quadratmeter, aus dem sich die Familien weitgehend selbst versorgen sollten. Das war für die Vergabe dieser Siedlerstellen eine der Bedingungen und das Land gab es für neunundneunzig Jahre zur Pacht. Wer so eine Stelle erhielt, verpflichtete sich, Obst, Gemüse und Beerenfrüchte zur Selbstversorgung anzubauen, außerdem sollte Kleinvieh zur Fleischversorgung gehalten werden. Als Grundausstattung für jeden Siedler gab es beim Einzug mehrere verschiedene Sorten von Apfel- und Pflaumenbäumen, weiße und rote Johannisbeersträucher und sogar ein paar Hühner. Nach Süden war ein Teil des Daches etwas weiter herausgebaut, der dabei entstandene Raum konnte aber nur von außen durch eine Holztür betreten werden, er besaß auch ein kleines Fenster. Eine Stellage darin wurde mit Stroh ausgelegt und diente den Hühnern fortan als Quartier, wo sie vor Raubtieren wie Fuchs und Marder geschützt die Nacht verbrachten und auch ihre Eier legten. Am Tage konnten sie durch das kleine Fenster über ein schräg gestelltes Brett, auf dem kleine Hölzer quer aufgenagelt waren, in ihr mit Maschendraht eingezäuntes Areal gelangen und dort gackern, herumkratzen und Regenwürmer aus dem Boden ziehen. Abends wurden die Hühner in ihren Stall getrieben und das Fenster verschlossen. Solange unsere Hühner Eier legten, wurden sie gefüttert, gepflegt und gehegt. Mit zunehmendem Alter legten sie erst weniger und irgendwann überhaupt keine Eier mehr. Dann war der Zeitpunkt gekommen, dass mein Vater es unter den Arm nahm, ein kleines Beil holte und mit dem Huhn zum Hauklotz ging. In den nächsten Tagen gab es dann zuerst leckere Hühnersuppe mit Fleischeinlage und danach manchmal auch ein Hühnerfrikassee. Das war dann einer der seltenen Festtage für die ganze Familie. Das Gemüse zur Suppe kam aus dem eigenen Garten.

Unser Garten ‒ ich wurde bereits recht früh mit zur Gartenarbeit eingespannt, durfte Beeren pflücken und was sonst noch alles so zu machen war. Der Boden war recht mager, er hatte einen großen Sandanteil. Zur Verbesserung der Erträge wurde nicht nur der Inhalt des besagten Goldeimers untergegraben, sondern auch Stallmist, der von Bauer Kummerfeld in Glashütte gekauft wurde. Der Mist wurde dann abends mit Pferd und Wagen vor dem Haus an der Straße abgeladen und lag dort dampfend und stinkend. Die ganze Familie lud den Mist auf die Schubkarre, die Vater dann auf das Land beförderte, dort wurde die Ladung gleichmäßig verteilt und später untergegraben. Im nächsten Jahr waren die Erträge schon wesentlich besser. Allerdings kamen auch ungebetene Gäste mit so einer Fuhre in den Garten. Die Möhren waren zwar im nächsten Jahr größer und dicker, dafür waren jetzt aber Drahtwürmer darin, sodass viel weggeschnitten werden musste. Auch andere unangenehme Begleiterscheinungen machten mir und meiner Schwester zu schaffen, wir hatten Spulwürmer. Kleine weiße eklige Würmer kamen mit dem Goldeimer wieder aufs Land, womit der Kreislauf der Parasiten geschlossen war. Es hat einiger Wurmkuren bedurft, bis wir Kinder diese unangenehmen Gäste endlich los waren.

Gegen die Würmer in den Mohrrüben hatte Vater ein blaues Pulver mitgebracht. Wenn er im Frühjahr in eine Rille des vorbereiteten Gartenbodens die Mohrrübensaat ausbrachte, streute er aus dieser Dose etwas von dem blauen Pulver (E605)Parathion (Synonym E 605) ist ein Ester der Thiophosphorsäure (siehe auch Phosphorsäureester) und wird daher auch Thiophos genannt. Im Volksmund wird auch der Begriff Schwiegermuttergift verwendet, da es für viele bekannt gewordene Suizide und Morde missbraucht wurde. Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Parathion auf die Saat. War Erntezeit, gab es jetzt schöne große Wurzeln, ohne die Fraßstellen der Drahtwürmer. Dieses leckere Gemüse konnte man direkt aus dem Garten ernten und essen. Man musste nur das blaue Pulver, das teilweise noch an den Mohrrüben haftete, abwaschen. Über die Giftigkeit dieser Substanz, die inzwischen verboten wurde, wussten wir damals nichts.

Nach dem Erfolg mit dem blauen Pulver wurde nun gegen Alles und Jedes gespritzt. Es gab Mittel gegen die weiße Fliege, die den Kohl abfraß, gegen Würmer, gegen Raupen und vieles mehr. Als im Frühjahr unsere Obstbäume zu blühen begannen, kam der Siedlungsvorsteher mit zwei Helfern in alle Gärten, um die erste Austriebsspritzung mit Folidol-Öl zu bewerkstelligen. Siedler sein hieß auch sich an Gemeinschaftsarbeiten zu beteiligen und es wurden Gerätschaften für die Gemeinschaft angeschafft. Dazu gehörte beispielsweise auch die große Gartenspritze, ein Holzfass, das liegend auf einem Handwagen montiert und mit einer Pumpe ausgestattet war. Zwei Helfer mussten die Pumpe bedienen, während der dritte das fein zerstäubte Spritzmittel in die Bäume brachte. Es wurde im Jahr mehrfach gespritzt, ich weiß heute aber nicht mehr genau, gegen was alles wann gespritzt wurde. Die letzte Spritzung war jedenfalls kurz vor der Ernte und wir wurden ermahnt, die reifen Kirschen vor dem Verzehr abzuwaschen. Unser Kirschbaum hatte in den Jahren aber eine beachtliche Größe erreicht, wir Kinder kletterten bis in die höchsten Zweige, um an die süßen Früchte zu kommen, das Abwaschen war viel zu umständlich und wir haben nie daran gedacht.

Im Herbst machte mein Vater die Meisenkästen sauber, holte die alten Nester heraus, damit die Kästen im Frühjahr wieder neu bewohnt werden konnten. Einmal zeigte er mir etwas, was mich sehr traurig machte. Eine Brut war nicht ausgeschlüpft, alle kleinen Meisen lagen tot in dem Nest des Meisenkastens. Vater meinte, die Altvögel hätten wohl nach der Spritzung vergiftete Raupen gesammelt und an die Jungen verfüttert.

Erst ganz allmählich hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Gifte im Garten nichts zu suchen haben. Weil der Mensch am Ende einer Nahrungskette steht, vergiftet er sich mit jedem Giftaustrag am Ende selbst. Meine Eltern waren damals davon überzeugt, dass sie das gesündeste Obst und Gemüse erzeugten, das bedenkenlos direkt aus dem Garten gegessen werden kann. Hätte es den Begriff damals schon gegeben, wären wohl unsere Gartenerzeugnisse von ihnen als Bio-Obst und -Gemüse bezeichnet worden, so natürlich, wie es gedüngt wurde…