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Frankreichs Unterwelt

Mai 1993, wieder einmal geht es nach Frankreich in den Urlaub. Mit im Gepäck haben wir jede Menge Seil, Karabiner, Lampen und was sonst noch alles an Ausrüstung gebraucht wird, wenn man auf Höhlenfahrt gehen will. In unserer Hamburger Sektion des Deutschen Alpenvereins haben wir vor zwei Jahren eine Höhlengruppe oder genauer eine SpeläogruppeSpeläologie oder Höhlenkunde. Höhlenforschung ist in Deutschland eine ehrenamtliche Tätigkeit, die Wissenschaft und Abenteuer zugleich ist. Der Begriff stammt vom lateinischen spelaeum bzw. spelunca – die HöhleVdHK gegründet, hier haben sich die Bergsteiger und Kletterer zusammengefunden, die, vom Höhlenvirus infiziert, jedes Jahr in die für uns erreichbaren Karstgebiete fahren, um ihrer Leidenschaft zu frönen.

Eine kleine Gruppe Gleichgesinnter aus der Hamburger Sektion fährt also im Mai 1993 in das Kalkgebirge westlich von Grenoble, das Vercors heißt. Hier trennt die Isère dieses Kalkgebirge von den Granitbergen der Dauphiné mit dem westlichsten Viertausender der Westalpen, Barre des Écrins, 4102 m, und seinen Dreitausendern wie La Meije mit 3894 m. Während des Zweiten Weltkrieges verschanzte sich die Résistance, die jungen Männer des französischen Widerstandes, in diesem schroffen Gebirge, in seinen vielen Höhlen vor dem Zugriff Deutscher Soldaten. Zahlreiche Gedenkstätten und Friedhöfe zeugen noch heute von den Kriegshandlungen und  ihren vielen Opfern. Wir sind deshalb auch darauf vorbereitet, als Deutsche von der Bevölkerung nicht gerade freundlich aufgenommen zu werden.[1]Siehe Fußnote 1 – Résistance und Zweiter Weltkrieg

Der kürzeste Weg dorthin führt über die Schweiz, entlang des Genfer Sees über Annecy und Chambéry nach Grenoble und von dort weiter in Richtung Chorance im Tal der Bourne. An der Strecke nach Lans en Vercors hinter dem kleinen Ort Rencurel biegen wir von der Straße auf das Privatgrundstück vom Madame Latard ab. Madame ist zwar schon hoch betagt, hat aber immer noch Freude daran, auf ihrem malerisch am Fluss gelegenen Grundstück einen kleinen Campingplatz für Höhlenforscher zu betreiben. Dusche und WC sind im Haus, sehr einfach, aber sauber, und unsere Ansprüche sind nicht hoch. Madame Latard nimmt uns sehr freundlich auf und weist uns unsere Plätze für die Zelte zu. Als wir auspacken, schauen ihre flinken Augen unsere Ausrüstung an und sie bemerkt leise ganz nebenbei Ah ‒ Corde nouveau. Ich habe eine Seiltrommel mit zweihundert Meter neuem, unbenutzten Speläoseil ausgepackt und Madame hält uns wegen des neuen Seils für Anfänger. Sie klärt uns sogleich über die Gefährlichkeit der Höhlen des Vercors auf, über die gewaltigen Wassermengen, die jedes Jahr unerfahrene Höhlenforscher einschließen und das Ausrücken der Höhlenrettung erforderlich machen. Im Laufe des Urlaubs bemerke ich, dass ihr Licht im Schlafzimmer erst dann gelöscht wird, wenn wir alle wieder in ihrem Garten und an den Zelten sind. Sie wacht gut über uns und das Verhältnis zu ihr ist vom ersten Tag an ein sehr herzliches. Kein Ressentiment, kein Groll gegen uns Deutsche.

Zur Eingewöhnung wird in den nächsten Tagen eine große Wanderung gemacht. Dazu fahren wir mit zwei Autos auf die Hochebene nach St. Martin en Vercors. An der Kirche lassen wir unsere Fahrzeuge stehen und gehen an einem mächtigen Stalagmiten vorbei, der mit einem Kreuz geschmückt am Eingang zur Kapelle steht. Auch auf dem Friedhof stehen etliche Tropfsteine anstatt eines Grabsteines, sie wurden in früheren Zeiten aus den Höhlen geborgen  und zu Ehren eines Höhlenforschers dort aufgestellt. Von der Kapelle geht ein Weg durch ein kleines Waldstück, in dem es herrlich nach blühendem Buchsbaum duftet, bis an die steil abfallende Kante der Hochebene. Von hier  fällt der Weg fünfhundert Meter senkrecht nach unten zum Flüsschen Bourne ab, das diese gewaltige Schlucht in Jahrmillionen gegraben hat. Bis hierher begleitet uns ein Hund aus dem Dorf, der nichts gegen etwas Abwechslung hat. Ein mit Drahtseilen gesicherter Klettersteig erleichtert unsere Wanderung in der Senkrechten nach unten in das Tal und zurück zum Grundstück von Madame Latard. Kurz vor dem Erreichen des Grundes sehen wir flussab ein gewaltiges Höhlenportal, den Eingang zur Grotte de Bournillon. Mit achtzig Metern Höhe ist es das größte Höhlenportal Frankreichs und wahrscheinlich auch ganz Europas. Der See im Eingangsbereich ist fast das ganze Jahr mit Wasser gefüllt und speist die Turbinen eines im Tal liegenden Kraftwerks. Bei Hochwasser entströmen der Höhle bis zu achtzig Kubikmeter Wasser, in trockeneren Zeiten immerhin noch zehn Kubikmeter in jeder Sekunde.[2]Siehe Fußnote: Hydrologie der Grotte de Bournillon

An einem der nächsten Tage geht ein mächtiger Gewitterregen auf der Hochfläche d'Herbouilly, dem Wassereinzugsgebiet der Grotte de Bournillon, nieder. Da wir heute nur einen Ausruhtag machen, komme ich auf die Idee, zur Grotte zu fahren, um ein Naturschauspiel zu erleben. Wir wollen die mächtigen Wassermassen erleben, die bei Hochwasser aus dem Eingangsbereich unter gewaltigem Rauschen und Donnern in den See strömen. Mit kleiner Ausrüstung, Lampen, SchlazDer Schlaz, der Schlufanzug, ist ein wasserabweisender Overall für Höhlentouren aus sehr strapazierfähigem Material, Gummistiefeln und einigen Metern Seil zum Sichern machen wir uns auf den Weg und sind enttäuscht. Nur ein kleines Rinnsal läuft aus dem Höhlenportal, nicht gerade spektakulär. Da wir unsere Ausrüstung dabei haben, steigen wir neben dem Rinnsal in die Grotte ein und folgen der fossilen Galerie mit ihren gewaltigen Versturzblöcken, die ein Fortkommen erschweren, Galerie Prinipale genannt, zunächst bis zur Village Nègre, der schwarzen Stadt. Ab hier wird die Höhle syphonantAbwärts ziehende Höhlensysteme die unter dem Karstwasserspiegel liegen. – Aus dem französischen: Passage syphonant; von Syphon, zieht abwärts, bei Hochwasser wird man ab hier gnadenlos ersäuft, wenn man nicht rechtzeitig aus diesem Bereich herauskommt. Schwarze Stadt, Village Nègre heißt es wegen seiner schwarzen Manganablagerungen auf den sonst hellen Tropfsteinen. Wenig später durchqueren wir einen weiteren unterirdischen Flusslauf, der schon mächtig strömt. Zur Sicherheit baue ich hier ein paar Sicherungsseile ein, wir wollen ja noch weiter und der Rückweg muss sicher sein. Dann umgibt uns eine märchenhafte Stille und wir stehen am Ufer eines Sees, in dem sich das Licht unserer Lampen spiegelt. Hier, in der Metro, ist das Ende unserer Exkursion erreicht, viel Zeit haben wir nicht, denn es ist viel Wasser nach unten in die Höhle unterwegs und wir müssen vorher den tieferen Teil verlassen haben, um nicht darin zu ertrinken.

Als wir den kleinen Fluss wieder erreichen, sind wir froh, ein Sicherungsseil eingebaut zu haben, denn aus dem kleinen Fluss ist ein mächtig tosender und reißender Strom geworden. Das Wasser geht uns nun schon fast bis zur Brust und ohne Seil wären wir weggerissen worden. Zurück in der Village Nègre haben wir wieder Zeit, ab hier ist es nicht mehr gefährlich und ich führe die Gruppe nach links in einen Seitenarm der Höhle. Nicht mehr so hoch, eher kriechend, manchmal auch auf dem Bauch liegend, winden wir uns um die Versturzblöcke dem Ausgang zu und gelangen so in eine große Halle, die sich nach rechts öffnet und den Blick auf den türkisfarbenen See des Eingangsbereiches freigibt.

Wir schauen uns in die Augen und sehen gegenseitig die Forscherfreude darin. Ja ‒ wir wollen noch einmal in die Höhle hinein. Das große Eingangsportal ist wegen des anschwellenden Wassers nicht mehr passierbar, aber spektakulär ist es immer noch nicht. Doch es gibt noch einen weiteren Zugang, der Klettererfahrung braucht. An einem kleinen Absatz, einem Felsband, finden die Füße Halt und wir gelangen wieder in die große Eingangshalle. Von hoch oben kann man auf den unterirdischen Fluss und das Eingangsportal schauen und es rauscht so laut, dass eine Verständigung unmöglich wird. Ich positioniere meine Mitstreiter mit den TochterblitzenMit entfesseltem Blitz, oder Tochterblitz bezeichnet man in der Fotografie den Einsatz eines Blitzgerätes, das räumlich von der Kamera getrennt ist. Die Auslösung meiner Tochterblitzgeräte erfolgte durch das Blitzlicht des Kamera-Blitzes. rund herum auf den Felsbändern der Halle und mache ein paar Fotos. Als wir wieder an der Village Nègre angekommen sind, kommen uns zwei völlig durchnässte Franzosen entgegen. Ihre Ausrüstung ist verloren gegangen und sie haben nur noch ein Notlicht. Einer der beiden versucht, uns vom Weitergehen abzuhalten, uns zu warnen. Er ist völlig fertig und spricht stockend und kaum verständlich. Die beiden waren nach uns in der Metro und sind nur noch mit äußerster Anstrengung dem inzwischen weiter angeschwollenen unterirdischen Fluss entkommen. Rucksäcke mit der Ausrüstung und ihre Lampen wären fortgespült worden, berichtet er. Sein Kollege ist ganz still, hat nicht mehr die Kraft zum Sprechen. Ob wir helfen sollen, sie zum Ausgang begleiten, frage ich, aber er winkt ab und die beiden gehen allein.

In den ganzen Jahren in Frankreich sind wir immer freundlich aufgenommen worden. Man hat uns gerade dort, wo auch die Franzosen ihren Nationalsport Höhlenforschung betreiben, wie Kollegen und Gleichgesinnte behandelt. Gleiche Interessen und gemeinsames Erleben können Brücken schlagen, hier zwischen Franzosen und Deutschen, die doch über Jahrzehnte als Erz- oder Erbfeinde galten.

[1] Die Partisanenrepublik République du Vercors während des Zweiten Weltkrieges

Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg war Vercors ein wichtiges Zentrum der Résistance, als Rückzugs-, Ausbildungs-, Lazarett- (Grotte de la Luire) und Versorgungsgebiet einer aktiven Gruppe von Maquisards, die vom Vercors aus Partisanenüberfälle vor allem im Rhônetal und in den Alpen organisierten. Am 1. Februar 1944 wurden unter anderem die Vercors-Kämpfer zu den Forces françaises de l’intérieur (FFI) vereinigt; nach einer (rückblickend: stark übertriebenen) Einschätzung Eisenhowers hatten sie einen Kampfwert von 15 Divisionen. Die Alliierten und General de Gaulle sicherten dem Vercors zu, Luftlandetruppen hier abzusetzen und die Kämpfer über eine Luftbrücke mit Waffen, Munition und wichtigen Gütern zu versorgen. Diese Zusage war nur sehr unbestimmt gegeben worden, dennoch vertrauten die Widerstandskämpfer auf diese Unterstützung und riefen nach dem 6. Juni 1944 die République du Vercors aus. Über 4000 Kämpfer sammelten sich; der Partisanenkampf sollte zu einem offenen, bewaffneten Aufstand werden.

Die alliierte Zusage wurde aber nicht eingehalten: Es wurden keine zusätzlichen Truppen gesandt, die Versorgung über eine Luftbrücke blieb aus, die Vercors-Kämpfer waren isoliert und auf sich gestellt. Schwere Waffen fehlten völlig.

Die Bedrohung der Etappe durch einen offenen, bewaffneten Aufstand vom Vercors aus war für die Wehrmacht nicht tragbar; noch im Juli 1944, einen Monat vor der Befreiung Grenobles durch die Alliierten, griffen am 21. Juli zwei aus Gebirgsjägern bestehende Kampfgruppen der 157. Reserve-Division (Gruppe Schwehr und Gruppe Seeger) die Felspässe an, von Süden drang eine gepanzerte Kampfgruppe der 9. Panzer-Division (Gruppe Zabel) vor. Im Herzen des Plateaus landeten zwei Kompanien Fallschirmjäger (Gruppe Schäfer) mit Lastenseglern (DFS 230). Es waren keine Truppen der Waffen-SS (wie man lange Zeit annahm). Besonders die Fallschirmjäger, die ab 23. Juli noch von rund 50 Soldaten eines Ostbataillons verstärkt wurden, begingen unter SS-Obersturmbannführer Werner Knab mehrere Kriegsverbrechen. Die Dörfer Vassieux-en-Vercors und La Chapelle-en-Vercors sowie zahlreiche Einzelgehöfte wurden fast vollständig niedergebrannt, in Vassieux über 70 Zivilisten als Repressalie hingerichtet. Gefangene Widerstandskämpfer wurden als Freischärler erschossen. Insgesamt starben so 639 Widerstandskämpfer und 201 Zivilisten. Die deutschen Verluste betrugen etwa 100 Mann. Bei der Eroberung des Höhlenlazaretts Saint-Martin (Grotte de la Luire) am 27. Juli wurden 19 verwundete Widerstandskämpfer ermordet, zwei Ärzte und ein Priester in Grenoble exekutiert und zwei Krankenschwestern in das KZ Ravensbrück deportiert (eine der beiden, Rosine Cremieux, erlebte das Kriegsende und die Befreiung, da sie floh und von einem ehemaligen Kommunisten in Hainsberg bei Freital versteckt gehalten wurde). Ein ebenfalls gefangener US-amerikanischer Kommandosoldat wurde verschont, obwohl er laut dem Kommandobefehl hinzurichten gewesen wäre. Die meisten Widerstandskämpfer konnten sich in den unzugänglichen Wald von Lente zurückziehen. Im Musée de la Résistance in Vassieux-en-Vercors mit dem Ehrenfriedhof Cimetière National du Vercors für 186 Gefallene der Résistance werden die Geschehnisse dieses Widerstandes dokumentiert, ebenso im Résistance-Museum von Grenoble.

Quelle: Wikipedia.org

[2] Hydrologie: Die Grotte de Bournillon hat einen mittleren Wasserausstoß von 3,5 m³ / sec, kann aber bei Hochwasser 80 m³/sec erreichen. Sie ist also in jedem Fall sehenswert.
Ausrüstung und wichtige Empfehlungen:
Zur Erforschung dieser Höhle wird kein Material benötigt. Diese Höhle ist zwar leicht, jedoch sehr gefährlich. Im Frühjahr und im Sommer, bei Schneeschmelze und Gewittern, die extrem schnell aufsteigendes Hochwasser verursachen, können sonst auch sichere Teile des Réseaus überflutet werden. Zur Erforschung des neuen Réseaus 85 ist größtmögliche Vorsicht notwendig. Die nur schwachen Kenntnisse der hydrologischen Tätigkeit erfordern, falls Besucher Zugang haben, beständiges Wetter. Man hat in 15 Jahren nicht mehr als 4 Entleerungen des rechten Armes der Aiguilles de métro gezählt.
Jedes Hochwasser, von bergwärts des Labyrinthes an gerechnet, ist ohne Zweifel tödlich.

HöhlenplanCoupe de la Galerie Principale. Topo: GSV & GSC SGPCAF 1985

Quellen: Grottes et Scialets du Vercors – Inventaire de Cavités du Massif du Vercors. Deutsche Übersetzung Juni 1993 von Dörthe Rohlf, Pläne und Satz von Hartmut Kennhöfer, Speläogruppe des DAV Sektion Hamburg. Band Spéléo Sportive: Seite 108, Cavites Vercors Nord: Seite 40.