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(M)eine Weihnachtsgeschichte

Noch heute erinnere ich mich deutlich an Weihnachten, wie ich es als Fünfjähriger erlebt habe. Schon im November gingen merkwürdige Dinge im Hause vor, die Eltern hatten Heimlichkeiten und ich wurde öfter früher als sonst zu Bett gebracht. Mein Kinderzimmer lag im ersten Stock unseres Hauses direkt über der Küche, und ich hörte von dort merkwürdige Geräusche. Es klang wie Sägen und Hämmern.
In der Küche stand ein Kohlebeistellherd, auch Küchenhexe genannt, unmittelbar neben dem Gasherd und diente im Winter als Kochstelle, vor allem aber als Heizung. Des Morgens machte meine Mutter mit Papier und dünnen Hölzern im Herd Feuer an und legte, wenn es lustig prasselte, gleich ein Brikett nach. Auf der Herdplatte stand dann der Wasserkessel mit Pfeife und es wurde auf der gusseisernen Herdplatte auch gekocht. Dazu konnte man mit einem Schürhaken in der Mitte der Platte einen Deckel und mehrere gusseiserne Ringe entfernen, um den Topf direkt auf das Feuer zu setzen. Auf dem Gasherd wurde im Winter nur selten gekocht, jedoch war dafür der Backofen öfter in Betrieb.

Das Wohnzimmer war mit einem Ofen ausgestattet, aber die gute Stube wurde nur am Sonntag oder wenn Besuch kam geheizt. Das Leben spielte sich in der Küche ab, hier war mein Spielzimmer und Jahre später machte ich am Küchentisch meine Schularbeiten. Mein Vater bastelte nach Feierabend hier für uns Kinder das schönste Spielzeug, das er mit der Laubsäge aus Sperrholz ausschnitt. In der Waschküche stand ein Waschkessel, der ebenfalls mit Holz und Kohlen beheizt wurde und der Warmwasserversorgung diente. Nur an Bade- oder Waschtagen, meistens Sonnabend, wurde der Kessel angeheizt.

Ein kleiner Kanonenofen stand noch im Elternschlafzimmer. Diesen habe ich aber nicht ein einziges Mal warm erlebt, das obere Stockwerk wurde im Winter nicht geheizt. Bei strengem Frost waren die Fenster am Morgen mit herrlichen Eisblumen verziert und die Bettdecke im Bereich der Nase durch die Feuchtigkeit der Atemluft hart gefroren.

Die Heimlichkeiten der Eltern waren ab Dezember besonders zu spüren. Plötzlich verschwanden die Schlüssel vom Wohnzimmerschrank und seine Türen waren verschlossen. Eines Abends sollten meine Schwester und ich vor dem Zubettgehen noch die Schuhe putzen und richtig blank wienern. Meine Mutter erzählte mir dabei, dass in der Nacht der Nikolaus käme und etwas Schönes in die Schuhe stecken würde. Allerdings nur bei den Kindern, die immer schön artig gewesen wären und ihre Schuhe ordentlich geputzt hätten. Da ich ein Paar Schuhe geputzt hatte, wollte ich auch beide vor die Türe stellen, aber Mutti hielt mich davon ab, Dann gibt es gar nichts sagte sie. Vor lauter Aufregung konnte ich kaum einschlafen. Am Morgen war wirklich etwas im Schuh, einige Süßigkeiten und ein rotbackiger Apfel.

In dieser Vorweihnachtszeit wurden in der Küche auch Lebkuchen und Kekse gebacken. Ich durfte helfen und mit den Formen aus Blech Sterne aus dem Teig stechen. Den übrig gebliebenen Teig knetete Mutter wieder zusammen und rollte ihn erneut aus, dann konnte ich die zweite Partie ausstechen. Es roch herrlich, wenn die Kekse im Backofen bräunten und ich durfte schon mal einen probieren. Beim Backen erzählte sie mir vom Christkind und dass es ein Geschenk für die ganze Christenheit wäre. Deshalb würden sich die Menschen zu Weihnachten gegenseitig beschenken. In den nächsten Tagen erhielt ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Taschengeld. Meine Eltern waren nicht gerade reich und als Taschengeld gab es einen Groschen.

Auch ich wollte nun zu Weihnachten Geschenke verteilen. Zu bedenken waren meine beiden Großmütter, die Eltern und meine Schwester. So kam ich auf die Idee, allen das zu schenken, was ich selbst am liebsten hatte. Die Beschenkten sollten sich schließlich ordentlich freuen. Im ersten Haus unserer Straße wohnte eine Frau, die in ihrer Wohnstube einen kleinen Verkauf eingerichtet hatte, um sich damit ein Zubrot zu verdienen. Dort gab es Sahnebonbon, Lakritzschnecken und dreieckige, rot-weiße Pfefferminzbonbons. Die Süßigkeiten wurden in Gläsern aufbewahrt, die mit einem Glasdeckel verschlossen wurden. Mit meiner Barschaft ging ich nun hier einkaufen ‒ Weihnachtsgeschenke für die ganze Familie. Ich gab mein ganzes Geld für Lakritzschnecken, Sahnebonbons und die geliebten rot-weißen Pfefferminzbonbons aus. Die beiden Omas sollten die Lakritzschnecken bekommen, weil sie keine Sahnebonbons mochten. Die blieben nämlich an ihren herausnehmbaren Zähnen kleben. Ich packte kleine Päckchen und hatte nun meine eigenen Heimlichkeiten, als ich sie in meinem Zimmer versteckte.

Die Zeit bis Weihnachten kam mir unendlich lang vor. Ich sehnte das große Fest herbei. Als ich wieder einmal meine Päckchen zählte und kontrollierte, kam mir der Gedanke, dass die Lakritzschnecken möglicherweise auch an den Zähnen kleben und meine Großmütter dann keine rechte Freude daran haben würden. Um das auszuprobieren, wickelte ich ein wenig von der Schnecke ab und steckte das Lakritz in den Mund. Es schmeckte so herrlich, dass ich noch einmal ein wenig davon naschte. Nun waren die beiden Schnecken aber nicht mehr gleich groß und eine der beiden Omas würde benachteiligt werden. Das konnte ich nicht zulassen und wickelte von der zweiten Schnecke etwa die gleiche Menge ab. Auf diese Weise wurden meine Weihnachtsgeschenke bis zum Fest arg dezimiert und waren so dürftig, dass ich mich entschloss alles aufzuessen. Im nächsten Jahr wollte ich aber wirklich Geschenke an die Familie verteilen, das habe ich mir dabei ganz fest vorgenommen.

So kam dann das Fest, mein Vater verschwand im Wohnzimmer, das zur Feier des Tages ordentlich eingeheizt war. Meine Mutter bereitete in der Küche das Festmahl für die ganze Familie. Es gab Wiener Würstchen mit Kartoffelsalat, dazu wurde Rotweingrog gereicht. Selbst ich bekam zur Feier des Tages ein Schlückchen davon ab. Nach dem gemeinsamen Festessen verschwand mein Vater wieder im Wohnzimmer und wir Kinder wurden ganz aufgeregt. Dann klingelte ein Glöckchen und die Türe ging auf. Ein Tannenbaum stand im Wohnzimmer, mit brennenden Kerzen geschmückt. Am Baum hingen Lametta, silberne Kugeln, Engelshaar, und einige Wunderkerzen versprühten leuchtende Sterne. Nacheinander sagten zuerst meine Schwester und ich das auswendig gelernte Weihnachtsgedicht auf. Lieber guter Weihnachtsmann, schau mich nicht so böse an…. Dann wurden die Geschenke verteilt. Mein Vater hatte in den Wochen vor dem Fest aus Sperrholz eine Autorennbahn für mich gebastelt. Die bestand aus zwei Häuschen und einer meterlangen Bahn, in der Mitte mit einer Leiste als Mittelleitplanke der Länge nach getrennt. Auf der Bahn konnte ich zwei Blechautos fahren lassen, die, wenn sie am Häuschen angekommen, an die Rückwand stießen und ihre Fahrtrichtung änderten. Dazu gab es einen Schlüssel zum Aufziehen des Federmotors. Meine Schwester bekam eine Puppe mit einem Kopf aus Porzellan. Die trug über dem rosa Kleidchen eine weiße Schürze mit Spitzenbesatz. Dazu gab es für jedes Familienmitglied einen Bunten Teller mit Süßigkeiten, Marzipan, Nüssen und Äpfeln aus dem eigenen Garten.

Alle freuten sich, nur ich schämte mich furchtbar, weil ich das gesamte Taschengeld, zehn Pfennige, für Schnobkram ausgegeben hatte und nun ohne Weihnachtsgeschenke für die Familie dastand. Mein Vater holte seine Geige, Mutter die Mandoline und wir sangen gemeinsam zur musikalischen Begleitung der Instrumente alle Weihnachtslieder, die wir kannten. Im Wohnzimmer war so eingeheizt worden, dass sich die Kerzen bogen. Sie wurden von den Erwachsenen immer wieder aufgerichtet, bis sie ganz abgebrannt waren und mit einem letzten Flackern erloschen. Dann saßen wir im Dunkeln, es wurde Licht gemacht und wir Kinder ins Bett geschickt.

Am ersten Weihnachtstag waren auch die Großmütter zu Besuch. Meine Mutter erzählte ihnen von meinen Weihnachtsgeschenken und wie sie bis Weihnachten allmählich den Weg aller Süßigkeiten genommen hatten. Nun schämte ich mich auch vor den Großmüttern. Meine Mutter tröstete mich zwar, aber sagte zu mir: Du kannst eben nicht mit Geld umgehen. Das kränkte mich sehr und dieses Stigma ist mir bis zum seligen Ende meiner Eltern erhalten geblieben.