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Meine Konfirmation 1964

In der Schule gab es ein Fach, das nicht mit Noten bewertet wurde, im Jahreszeugnis stand regelmäßig: Religion ‒ teilgenommen. Das begleitende Schulbuch mit dem Titel Schild des Glaubens habe ich beim Aufräumen nach dem Tod meiner Eltern auf dem Dachboden wiedergefunden. Es erinnert mich an meine Konfirmation[1] vor 52 Jahren.

Neben dem Religionsunterricht fand etwa ein Jahr vor dem Konfirmationstermin zusätzlich der Konfirmandenunterricht in der nahe gelegenen Broder-Hinrick-Kirche in Hamburg-Langenhorn bei Pastor Schlicke statt, bei uns Jugendlichen kurz Konfer genannt. Also ging ich einmal in der Woche nach der Schule zum Konfer ins Gemeindehaus der Broder-Hinrick-Kirche, das waren etwa drei Kilometer die ich zu Fuß laufen musste. Ziel des Unterrichts sollte es sein, die Gemeinde und den christlichen Glauben besser kennen zu lernen. Durch die Konfirmation wurde man dann in die Gemeinde aufgenommen, ein weiterer Schritt zum Erwachsenwerden. Unter anderem erfuhr ich im Unterricht, dass die KonfirmationSie ist im Prinzip nichts Neues und so alt wie das Christentum. In der römisch-katholischen Kirche und in den Ostkirchen heißt der Ritus Firmung, gilt als Sakrament und wird als Vollendung der Taufe aufgefasst. Die Reformatoren haben das Sakramentale dieses Ritus' abgeschafft, weil nicht von Jesus selber eingesetztAnmerkung der Redaktion (GM) eine lange Geschichte hat, sie ist fast 500 Jahre alt. Vorausgegangen war ein Streit verschiedener reformatorischer Strömungen um die Taufe. Eine Frage war, ob zur Taufe eine eigene Entscheidung gehört. Damit nun ein Täufling diese Entscheidung auch selber treffen kann, wurde schließlich als Kompromiss die Konfirmation erfunden.

Während ich nun einmal die Woche im Konfirmationsunterricht zu erscheinen hatte, es wurde penibel über die Anwesenheit Buch geführt, konnte mein Schulfreund Holger nur darüber lachen. Er hatte die Sommerferien im Jugendlager der Falken, eines der SPD nahestehenden Jugendverbandes, verbracht und berichtete begeistert vom Zelten am See mit Lagerfeuer und Geländespielen. Auch über meine angestrebte Konfirmation lachte er, seine Eltern hatten ihn für die Jugendweihe angemeldet. Als ich zu Hause die Frage nach der JugendweiheDie Nazis hatten sie bereits im tausendjährigen Reich als Begleitung zum germanischen Führerkult eingeführt. Dass die Sozis nach dem Krieg diesen Kult ihrer Erzfeinde übernommen haben, erregte damals ungläubiges Kopfschütteln. Im Ruhrgebiet war sie selbst für Kommunisten keiner Rede wert.Anmerkung der Redaktion (GM) als Alternative zur Konfirmation stellte, gab es eine lange und laute Diskussion mit meinem Vater, der eine Jugendweihe als atheistischen DDR-Quatsch abtat, der für uns überhaupt nicht in Frage kommt. Auch die Falken und die SPD waren ihm nicht geheuer, ihr Tun erinnerte ihn zu sehr an die Jugendarbeit der NSDAP. Dass der Vater meines Schulfreundes in dieser Zeit sehr gelitten hatte, weil er mit Flugblattaktionen gegen die Nazis opponierte, dabei aber erwischt und eingesperrt wurde, dafür hatte mein Vater nur ein Achselzucken übrig. Ende der Diskussion, ich hatte mich den abendländisch-christlichen Werten zu beugen – Basta.

So rückte der Termin der Feier immer näher und meine Mutter unternahm mit mir Ende Februar einen Ausflug in die Stadt. In der Nähe des Hauptbahnhofs gab es einen Herrenausstatter, Ziel unserer Reise. Hatte ich bis dahin immer praktische Kleidung bekommen, die nicht zu teuer sein durfte, sah ich das erste Mal in meinem Leben ein mehrstöckiges Haus voller Sonntagskleidung. Beim Herrenausstatter PolickeEin echter Kultladen... und es gibt ihn immer noch unverändert. Jetzt bei den jungen Leuten stark angesagt. Er gilt als heißer Tipp in der Klasse meines Enkels für den Abiball! Mein Mann kauft seit Jahren ausschließlich dort, weil er da nur maximal 2 x anprobiern muss, geht dann mit vollen Taschen raus und hat für die nächsten Jahre Ruhe.Anmerkung der Redaktion (MB) in der Steinstraße gab es einfach alles für den eleganten Herrn. Wir suchten zusammen einen dunklen Anzug aus. Dazu ein weißes Hemd mit der aufgestickten kleinen schwarzen Rose als Markenzeichen, aus reiner Baumwolle und nicht aus dem damals üblichen ungeliebten Nyltest. Komplettiert wurde die Ausstattung durch ein Einstecktuch und eine Art Fliege, die unter dem Hemdkragen getragen wurde und gerade der letzte modische Schrei war. Natürlich kaufte meine Mutter auch noch einen Mantel für mich, denn im März ist die Luft noch kühl und es kann auch mal schneien. Der Mantel war hell, aus reiner Schurwolle, hatte innen auch ein entsprechendes Wollsiegel eingenäht, es war ein sogenannter Pfeffer-und-Salz-Mantel. Für das noch notwendige Paar schwarzer Schuhe machten wir beide mit den schweren Einkaufstüten einen langen Spaziergang bis zum Jungfernstieg, denn dort gab es ein Salamander-Schuhgeschäft. Vielleicht erinnern Sie sich, liebe Leserinnen und Leser noch an die biegsamen Lurchi-Figuren und die Lurchi-Hefte mit den Abenteuern der Galionsfigur dieser Marke, die es nur dort im SalamanderschuhgeschäftJaa, aber auch an den großen Holzkasten, wo man wunderbar sehen konnte, wie gut die Schuhe saßen. Man stellten den Fuß mit dem neuen Schuh hinein und konnte wie durch Zauberei (Röntgenstrahlen !!!) das Skelett des Fußes in dem Schuh sehen.Anmerkung der Redaktion (MB)

Und zwanzig Jahre später wunderte man sich über die eigene Leukämie.Anmerkung der Redaktion (GM)
gab? Jedenfalls bekam ich dort auch noch ein paar elegante schwarze Schuhe, passend zum Anzug. Mit der U-Bahn ging’s zurück nach Hause und abends gab es eine Modenschau, denn mein Vater wollte sehen, ob wir auch vernünftig eingekauft hatten.

Am 15. März 1964 war es dann so weit. Wir Konfirmanden zogen während des Gottesdienstes in die Kirche ein, geschmückt mit Sträußchen von Maiglöckchen am Revers. Segenssprüche, Abendmahl, Empfangen des Segens durch unseren Pastor Karl Schlicke und jeder bekam seinen Konfirmationsspruch auf einer Ansichtskarte der Broder-Hinrick-Kirche. Für mich hatte er Matthäus 10,32 ausgesucht: Wer nun mich bekennet vor den Menschen, den will ich bekennen vor meinem himmlischen Vater.

Dann noch Fotos vor der Kirche und zurück nach Hause zur Familienfeier. Wegen der schönen neuen Sonntagskleidung und der Schuhe wurde die Familie vom Nachbarssohn gefahren. Peter war ein paar Jahre älter als ich und besaß schon ein eigenes Auto, einen VW-Käfer. Zu Hause angekommen standen im Wohnzimmer so viele Azaleen, dass ein ahnungsloser Betrachter hätte annehmen können, wir besäßen eine Gärtnerei. Meine Mutter war entzückt von dieser Blumenpracht, war doch die Azalee ihre Lieblingsblume. Alle Töpfe hatten eine Manschette aus rosa oder grünem Krepppapier mit einem kunstvoll gerollten Rand und entstammten allesamt der nahegelegenen Gärtnerei Sitzlaff, Hauptlieferant aller Blumengebinde für Familien- und Siedlerfeste.

Am nächsten Tag wurde ich auf Danksagungstour zu den Azaleenspendern in der Nachbarschaft geschickt. Ich war darüber keineswegs erfreut, ein Scheinchen für einen persönlichen Wunsch hätte mich gefreut, aber was sollte ich mit diesen vielen Azaleen anfangen? Nun lief fast immer die gleiche Prozedur ab. Ich hatte die Glückwunschkarten mit den Adressen eingesteckt und klapperte die Nachbarschaft ab. Klingeln an der Tür, wenn aufgemacht wurde, für die wunderschöne Azalee danken. Meist wurde ich hereingebeten und musste nun eine Flut von Fragen beantworten: Was machst Du nach der Schule, hast Du Dich schon für einen Beruf entschieden?, oder: Hast Du schon eine Lehrstelle? und so weiter. Fast überall die gleichen Fragen, aber niemand fragte danach, was ich wohl mit diesen vielen Azaleen machen würde.

Mein Schulfreund berichtete von seiner Jugendweihe und den vielen Geldgeschenken aus der Nachbarschaft…

[1]Konfirmation (lat. confirmatio Befestigung, Bekräftigung) ist eine feierliche Segenshandlung in den meisten evangelischen Kirchen, in der Neuapostolischen Kirche, der Apostolischen Gemeinschaft und in der Christengemeinschaft. Die Segnung markiert den Übertritt ins kirchliche Erwachsenenalter.

Den Grundstein für die Konfirmation legte ein in Straßburg wirkender evangelischer Theologe namens Martin Bucer (1491-1551). Bucer lebte zur Zeit der sogenannten Täuferbewegung: Ihre Anhänger fanden Taufe einerseits gut, weil sie ein persönliches Bekenntnis zum Gottesglauben darstellte, andererseits lehnten sie Kindertaufe aber ab, weil ihnen die zu "unbiblisch" war.

Um einen Kompromiss zu finden, entwickelte Martin Bucer das Modell der Konfirmation, durch die sich ein Jugendlicher an seine Taufe in der Vergangenheit, als er noch ein Kind war, erinnert fühlen sollte und sich parallel in der Gegenwart zu Gott und seiner Zugehörigkeit zur christlichen Lehre bekennen sollte. So wurde die Kindertaufe, die die Täuferbewegung ja eigentlich ablehnte zwar beibehalten, dafür aber das persönliche Bekenntnis, für das die Bewegung so engagiert eintrat, einmal mehr bekräftigt.

HK