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Das erste Weihnachtsfest nach dem 2. Weltkrieg

Die Familie war klein geworden. Fast alle, die das 1000-jährige Reich überlebt hatten, waren da. Nur der jüngste Bruder meines Vaters war noch in französischer Gefangenschaft. Aber er war gesund und durfte regelmäßig schreiben. Er konnte sogar in seinem Beruf arbeiten und musste nur abends ins Lager zurück. Alle waren beruhigt und hofften, er würde mit seinen 23 Jahren schon das Beste aus dieser Situation machen können.

Wir saßen auf engstem Raum bei meinen Großeltern zusammen. Es hatte nicht jeder einen eigenen Stuhl zum Sitzen und so wurde auf zwei Stühle das Plättbrett oder ein anderes Brett gelegt, damit in der Mitte noch ein Fliegengewicht Platz hatte. Aber wer hatte in diesen Zeiten schon Übergewicht.

Was haben wir gegessen? Ich weiß es nicht mehr. War auch nicht wichtig. Es wurde geredet von den Zeiten die nun hinter uns lagen. Von der Hoffnung, dass es irgendwann wieder aufwärts gehen würde, von dem Traum, wieder eine eigene Wohnung zu haben, und mein Großvater freute sich auf ein Schwein, welches er irgendwann wieder — legal - mästen würde.

Dann kam: Wisst ihr noch - damals?  Gespannt hörte ich zu. Ich war das erste Enkelkind und weil meine Eltern sehr jung waren, war ich eigentlich immer und überall dabei.

Aber was da Heiligabend gegessen wurde, hab ich nie abbekommen! Und ich durfte doch Heiligabend auch immer lange aufleiben?

Als ich dann fragte: Wieso, wir haben doch Heiligabend meistens nur Kochfisch gegessen?     Kooochfisch??? Das war Kaaarpfen! — Was ganz was Feines, wurde ich dann noch belehrt!

Da saß ich nun mit meinen 19 Jahren und dem kulinarischen Wissensstand einer 13-jährigen.