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Nach meinen mündlichen Berichten wurde dieser Text niedergeschrieben und mehrfach korrigiert, die endgültige Fassung wurde am 18. Februar 2015 von Prof. Dr. Friedhelm Thiedig aus Norderstedt formuliert.

Von Panzern überrollt, nach Sibirien verschleppt
Ein Ostdeutsches Schicksal

Am 30. Juli 1928 wurde ich in Lobeofsund südlich Fehrbellin im Havelland geboren, wohnte als Kind in Osterwalde östlich von Königswalde bei Schwerin an der Warthe, Kreis Ost-Sternberg (ehemalige Neumark, östliche Mark Brandenburg zwischen Pommern und Schlesien). Unsere Familie, meine Eltern und sechs Kinder, lebten als Landarbeiter auf dem Gut der Familie von Waldow in Osterwalde (heute: Pniewo), einem Vorwerk östlich von Königswalde (heute: Lubniewice) im Kreis Schwerin an der Warthe. Meine Brüder wurden teilweise schon vor dem Kriegsbeginn zur Wehrmacht einberufen, die älteren Schwestern arbeiteten schon an anderen Orten im Haushalt und in der Landwirtschaft. Wir besaßen eine eigene Kuh und hatten Schweine und Hühner. Der Lübben-See, an dem Königswalde lag, gehörte zum Gut, es gab einmal im Jahr einen großen Fischfang, an dem auch die Gutsarbeiter Anteil hatten.

Zu Jahresbeginn 1945 waren die Straßen in den östlichen deutschen Landesteilen bereits chaotisch mit Flüchtlingstrecks überfüllt. Am 31. Januar trafen in Osterwalde die letzten deutschen Soldaten zu Fuß in Schneehemden ein, die übermüdet und hungrig bei uns übernachteten, aber am nächsten Tag gen Westen weiterliefen. Wir selbst wussten nicht, wohin wir flüchten sollten, wir hatten keine Verwandten weiter westlich im Deutschen Reich und blieben so in unserem Dorf. Es gab keine Aufklärung über die Kriegssituation und keinerlei Anweisungen. Ein Tag später, am 1. Februar 1945, erreichten russische Panzereinheiten unser Dorf. Alle Häuser wurden von Soldaten und ehemaligen russischen Zwangsarbeitern, die auf dem Gut gearbeitet hatten, durchkämmt und durchsucht. Viele wertvolle Dinge wurden uns sofort abgenommen, wie die für unsere mögliche Flucht vorbereiteten Koffer mit Kleidung usw., mein neues Fahrrad, das Grammophon und anderes mehr, meinem Vater wurde die Uhr abgenommen.

Es blieb dann etwa 14 Tage ruhig, plötzlich kamen Russen mit festgenommenen Deutschen, die das letzte Vieh aus den Ställen holten und in östliche Nachbardörfer treiben mussten. Dann kamen sie ein weiteres Mal, als alle, die als arbeitsfähig eingestuft wurden, täglich in das etwa drei km südlich gelegene Dorf Oscht (heute: Osiecko) laufen mussten, um dort die zahlreichen gestohlenen Pferde zu versorgen. Rinder und Schweine waren schon verschwunden. Vor allem mussten wir dann aus dem Bindegarn, mit dem sonst die Garben gebunden wurden, gedrehte Stricke zum Festbinden der Pferde herstellen. In dem Nachbardorf Oscht gab es eine Bäckerei, wo wir gelegentlich ein Brot erwerben konnten. Aus Oscht kamen auch Leute nach Osterwalde, die ihr Dorf verließen, weil es dort eine Kartoffelschnaps-Brennerei gab, in der sich zahlreiche Russen zu oft betranken und dann die Einwohner belästigten. Öfter saßen Russen abends im Haus und lauerten uns auf. Wir haben nicht mehr im Bett geschlafen, sondern immer im Heu oder Stroh, manchmal auch bei den Schweinen oder wir haben uns im Wald gut versteckt. Dadurch sind wir den Nachstellungen immer entkommen.

Am 8. März 1945 wurde mein Vater abgeholt, er sollte angeblich den Russen die Försterei zeigen. Er ist von dieser Kutschfahrt nie wiedergekommen und ist bis heute verschollen. Wir waren dann immer mit landwirtschaftlichen Arbeiten und dem Versorgen der Pferde beschäftigt. Wir haben in der Scheune gerade Getreide gedroschen, als wir alle am 28. März 1945 in Oscht von Russen zum ehemaligen Kriegerdenkmal, das heute nicht mehr existiert, getrieben wurden. Wir wurden nach dem Alter sortiert, Mütter mit Kindern durften wieder nach Hause. Eine Cousine holte noch rasch Mäntel für uns, und wir ahnten, dass wir abtransportiert werden sollten. Als mehrere Lastwagen kamen, wurden wir auf die Ladefläche der Lastwagen hinaufgeschoben und in nächtlichen Fahrten auf Umwegen zuerst nach Sternberg und dann bei Sonnenburg in einen Bunker gebracht, bis wir nach mehreren Tagen in die etwa 60 km entfernte Stadt Schwiebus (heute polnisch Swiebodzin) transportiert wurden, die an der Hauptstrecke der Eisenbahn Berlin — Posen — Warschau liegt. Am 6. April wurden wir dann in Schwiebus in einen kleineren Viehwaggon eines langen Güterzuges verladen. Die Waggons hatten eine Zwischenlage aus Brettern, damit mehr Personen, oben und unten etwa 40 Frauen je Waggon, hineinpassten. In der Mitte, zwischen den beiden Blöcken mit Pritschen links und rechts, gab es einen schmalen Mittelgang mit einem kleinen Bollerofen , für den gelegentlich ein paar Stücke Holz in den Waggon geworfen wurden und eine aus zwei Brettern zusammengenagelte Rinne, in der die Notdurft nach außen geleitet wurde. Auf der nicht enden wollenden Reise konnten wir nicht viel von der Landschaft sehen, nur durch die wenigen sehr schmalen Ritzen sah man meist Wälder, selten Häuser oder Orte, einmal goldene Zwiebeltürme (da dachte jemand an die Gegend von Moskau?). Ab und zu wurden ein paar Brote in den Waggon geschmissen, die wir mit einer dünnen Schnur zerteilten, selten gab es grobe Grütze, Kascha-Brei oder es war etwas Unbekanntes dabei. Nach rund zwei Wochen Fahrt kamen wir am 20. April irgendwo im Norden an. Eine Frau wollte unterwegs den Namen Archangelsk an einem Bahnhof gelesen haben, also sind wir vermutlich hoch im Norden in der Taiga, westlich des Urals nahe dem Polarkreis in der Kälte angekommen.

Die meisten von uns konnten zuerst nicht mehr laufen, sie wurden in Panje-Schlitten transportiert. Wir kamen in ein Lager mit zahlreichen Baracken. Diese waren jeweils mit 60 bis 80 Frauen belegt, Männer gab es nur wenige im Lager. Drei Frauen lagen auf der Pritsche oben, drei unten, jede hatte zwei Bretter zum Liegen. Mit geschärften großen Blattsägen und Äxten marschierten wir dann täglich in die Wälder. Wir bildeten zu dritt immer eine kleine Waldarbeiter-Brigade. Zwei von uns sägten die Bäume ab und teilten sie in ein bis drei Meter große Stücke, die Dritte entästete die Stammstücke. Es gab ein tägliches aufzustapelndes Pflichtsoll, das eine gewisse Höhe haben musste. Meist stand der Mond schon am nächtlichen Himmel, bis wir unser Soll erfüllt hatten. Die Bäume, die wir schlagen mussten, waren Kiefern und Tannen, die Birken ließen wir stehen. Zufällig war ich dort eine Zeitlang mit meiner Schwester zusammen. Im Sommer erfreuten uns manchmal Beeren im Wald. Einmal mussten wir auch eine größere Menge von Pilzen pflücken, die in zwei großen Fässern transportiert wurden. Dabei hat sich unser Wachposten im Wald verirrt, wir mussten ein Feuer machen und im Wald übernachten. Außer ein paar Beeren hatten wir nichts zum Essen. Erst am nächsten Tag fanden wir zum Lager zurück. Es gab im Sommer auch gelegentlich Einsätze auf Kolchosen und schwere Arbeit beim Bau von neuen Eisenbahndämmen, wo wir den Sand mit Schubkarren verteilen, die Böschungen abschrägen und Rasensoden mit großen Holznägeln befestigen mussten. Im Winter 1946 musste ich eine Zeitlang das große Magazin bewachen, in dem auch die Lebensmittel aufbewahrt wurden. Dazu bekam ich erstmals auch einen mit Fell gefütterten Mantel, eine wattierte Hose, Pelzmütze und Fußlappen, später auch einmal Gummigaloschen. Bei dem Magazin stand auch ein Kälberstall, in dem die jungen Kälber vor Wölfen geschützt werden sollten. Wir wussten aber nicht, wie wir das eigentlich machen sollten, da wir nicht einmal Stöcke oder Knüppel zur eigenen Verteidigung gegen die Wölfe haben durften. Zum Glück haben wir nie Wölfe gesehen, ihr Heulen hörten wir aber oft. Die Kälber wurden mit gefrorenen Steckrüben gefüttert, die wir mit dem Beil zerschlugen. Wir wurden auch alle paar Monate in andere Lager verlegt, die etwa 20 km bis 30 km voneinander entfernt waren. Dann wurden wir manchmal nachts aus dem Schlaf geholt, weil Sand für den Bau von neuen Bahndämmen gekommen war und die Waggons sofort entladen werden mussten. In einem dieser Lager gab es erstmals sogar richtige Unterwäsche. Wenn irgendwo Läuse auftauchten, wurde uns sofort eine Glatze geschnitten. Es gab sogar eine Impfung, aber alle wurden mit derselben Nadel in die Brust gestochen, da habe ich mich möglichst unauffällig wieder angezogen, ohne geimpft zu sein. Viele erkrankten nach der Impfung. In einem Lager gab es auch ungarische Frauen, die offensichtlich besser als wir mit den Russen zurechtkamen.

Dann wurden wir plötzlich erneut in drei Kategorien eingeteilt: Gruppe 1, das waren die großen, starken und kräftigen Frauen, Gruppe 2 die mittleren und Gruppe 3 die schwachen slabe Frauen, zu denen ich gehörte. Im Januar 1947 ging es dann wieder auf Reisen, diesmal südöstlicher in die Sibirische Kohle. Wir waren zehn Tage unterwegs, bis wir vermutlich ins Kusnezk-Becken kamen, ich erinnere mich an den Namen Krasnojarsk [?], da war es dann auch nicht mehr so kalt wie im Norden. Unterwegs gab es sprottenähnliche gesalzene Fische, das war schrecklich, weil wir nichts zu Trinken bekamen. Nach einer zehntägigen Schulung über die Arbeit und die Gefahren im Kohlebergbau gelangten wir zuerst in ein Barackenlager, in dem es endlich mit Holz beheizbare Wasserbecken gab, sogenannte Banja-Kessel (Kohle durften wir nicht verfeuern), wo wir uns mit warmen Wasser waschen konnten, was ja bei dem Kohlenstaub auch unerlässlich war. Selten gab es mehr als eine, oft zu dünne Decke für die Nacht. Die weißen Laken, die jeder bekam, durften wir nicht benutzen, sie wurden nur ausgebreitet, wenn die Kommission zur Überprüfung unserer Lebensbedingungen in das Lager kam. Daneben plagten uns in einem Lager die Wanzen leider sehr unangenehm, ich schlief dann lieber draußen.

Die Stollen gingen schräg in den Berg hinein, wir mussten ca. 800 bis 1000 Meter hinab und nach der Arbeit wieder hinauf marschieren. Unsere Arbeit war vor allem, die frisch gebrochene Kohle auf die Förderbänder mit einer kurzstieligen Schippe zu schaufeln. Es gab zwei Schichten früh und spät im Wechsel. Oben im Bergwerk wurden die beladenen Loren gekippt und die Kohle fiel in große Eisenbahnwaggons.

Einmal bekam ich sogar Geld für meine Arbeit und konnte für 400 Rubel im Basar Tomaten, Brot, braunen Zucker, einen silbernen Löffel und Hausschuhe aus Pappe (für 30 Rubel) kaufen. Ab und zu gab es Tabak für jeden, den haben wir aber gleich an die Männer weitergegeben, die starken Raucher hatten davon meist zu wenig. In diesem Lager gab es dann auch feste massive Häuser, in denen jeweils zwölf Personen auf Doppelpritschen schliefen, wir bildeten zwei Kolonnen mit dreißig Personen. Es gab auch eine große Baracke, die mit Tischen und Bänken ausgestattet war. Dort nahmen wir morgens und abends in einer Blechschüssel und mit einem Holzlöffel eine dünne Gemüsesuppe zu uns. Das zugehörige Brot mussten wir genau einteilen, pro Tag gab es nur achthundert Gramm. Das Gemüse wurde auf Schlitten in die Küche gebracht. Insgesamt war das Essen schlecht, wenig gehaltvoll und außerdem immer zu wenig bei der schweren Arbeit. Hier sind die Männer schneller gestorben als die Frauen, obwohl bei uns einmal auch drei Frauen fast gleichzeitig starben.

Überraschend wurden wir dann am 23. September 1947 entlassen. Ein Waggon mit uns Frauen wurde an einen Zug angehängt, in dem Kriegsgefangene Heimkehrer in Güterzügen in die DDR entlassen wurden. Wir fuhren durch Polen, wo unsere Waggons mit Steinen beworfen wurden. Am 27. September erreichten wir in Frankfurt an der Oder wieder deutschen Boden. Als Heimatlose, unsere Heimat gehörte ja nun zu Polen, wurde ich in ein Quarantänelager im Landkreis Pirna gebracht und hielt Ausschau nach einer neuen Arbeitsstelle. Eines Tages kam eine Frau ins Lager, die eine landwirtschaftliche Arbeitskraft suchte. Sie nahm mich mit zur Bauernfamilie Rudi Fleischer nach Amtshainersdorf bei Sebnitz am Rande der Sächsischen Schweiz. Nun suchte ich meine Familie. Die Adresse eines Onkels (Bruder meiner Mutter) in Berlin hatte ich noch in Erinnerung. Von dort habe ich sofort an meinen Onkel geschrieben, der zu meiner Mutter Verbindung hatte. Ich bekam ein Telegramm von ihr am 22. Oktober 1947 und machte mich dann sofort auf den Weg zu meiner Mutter, die in Buckow in der Märkischen Schweiz lebte.

Ich bin dann ungefähr ein Jahr lang bis Februar 1949 bei den Bauern in Buckow geblieben, habe dort in der Landwirtschaft zuerst Kühe gemolken und später auch im Gaststättengewerbe gearbeitet, wo ich für Berliner Kinder gekocht habe. Dort bekam ich Lebensmittelkarten und war nun nicht mehr ganz auf die Almosen der Neubauern-Familie angewiesen. Ich erfuhr auch, dass meine ältere Schwester schon im Juli 1947 zurückgekehrt war und ein Bruder schon früher aus der Kriegsgefangenschaft von Italien heimkehrte, ein anderer Bruder lebte in der Lüneburger Heide, mein jüngster Bruder wohnte in Hamburg-Altona. Im Februar 1949 versuchte ich dann über Stendal nach Westen in die Britische BesatzungszoneDie Geschichte der Bundesrepublik Deutschland begann erst mit dem Inkrafttreten des Grundgesetzes am 23. Mai 1949, vier Jahre nach Kriegende zu meinem Bruder in die Lüneburger Heide zu fliehen, wurde dabei aber von der Volkspolizei an der Grenze geschnappt. Nach erneutem Aufenthalt in einem Keller mit Verhören konnte ich erklären, dass meine Geschwister alle in Westdeutschland leben und ich zu ihnen wollte. Nach Bezahlung einer Strafe von 50 Mark wegen des Versuchs eines unerlaubten Grenzübertritts und Beschlagnahme meines Ausweises ließen sie mich dann laufen. Eine Familie, die Felder an der Grenze hatte, half mir während eines Wolkenbruchs, den Weg in die freie Welt zu finden. So kam ich zuerst zu meinem Bruder in die Lüneburger Heide. Im Mai 1953 heiratete ich und zog 1963 nach Harksheide.

Zoombild, Karte des Landkreises Schwerin an der Warthe vor 1945