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Der Krämerladen oder Tante Emma Laden

Mein Großvater Gustav Rehders hat 1894 mit seiner Frau Emma geborene Timm (Strassen-Timm) einen Krämerladen in der Alten Dorfstrasse in Garstedt gebaut und eröffnet. Und dann hatten sie später noch die Gemeinde-, Kirchen- und die Sparkasse.

Der Laden mit den großen Schubladen unter der Tonbank für Mehl und Zucker, Salz und Grieß, Buchweizenmehl und Graupen und die kleineren Schubladen für Erbsen und Bohnen, Pflaumen und Backobst, Makkaroni und Suppennudeln kennt gewiss noch manch ehemaliger Kunde. Sukkade gab es in Stücken aus einem Bonbonhafen und auch die Vanillestange. Auf der Tonbank stand die Waage mit den beiden Waagschalen aus Messing, die immer blank geputzt sein mussten und daneben die Gewichte fein aufgereiht. Damals musste ja noch alles abgewogen werden. Nichts war abgepackt, wie das heute Mode ist. Bonbons gab es in einer spitzen Tüte mit blauen Sternen0 darauf- wisst ihr das noch? Für fünf Pfennig konntest du eine ganze Tüte voll kriegen- aber wer hatte denn fünf Pfennig?

Unter der Tonbank stand die Tonne mit Essig und ein großer Topf mit Senf. Wenn Essig-Kühne mit Pferd und Wagen kam, um die Essigtonne auszutauschen und frischen Senf zu bringen, dann durfte ich manchmal mitfahren bis an die Ecke, wo der Kutscher umdrehen konnte. Das war was!!

Über der Essigtonne war die Kasse. Das war eine Schublade mit Tasten, die unterwärts angebracht waren. Das waren ca. acht bis zehn Stück, so lang wie ein Messerheft. Zwei davon musste man anheben- sonst war die Schublade nicht auf zu ziehen. Aber welche der zehn Tasten man anheben musste, das wussten nur die Leute, die hinter der Tonbank ihren Platz hatten.

Dann kam auch noch der Kaffee Onkel. Der brachte nicht bloß Kaffee und Tee, nein- auch Bilderbogen für die Kinder. Das waren Geschichten von der Kaffeebohne Darbohne - eine von den ersten Comics.

Der Reepsläger auf Hochdeutsch Seiler kam mit dem Motorrad aus Süllfeld. Der brachte Hinter- und Vorderseile für den Windelbaum auf Heu- und Strohwagen, Stränge zum Pferde anschirren, Pferde- und Wäscheleinen.
Der Pantoffelmacher kam aus Pinneberg. Er brachte Holzpantoffeln mit Leder obenauf und ganze Lederpantoffeln und auch welche aus Plüsch. Alle hingen sie paarweise an der Decke im Laden. Da hingen aber auch der magere und der fette Speck nebeneinander an Speckhaken zum Abschneiden parat.

Petroleum konnte man bei meinen Großeltern auch kaufen. Eine große Tonne stand hinter der Ladentür. Da musste man pumpen bis ein Liter oben in einer Glasröhre zu sehen war, dann erst konnte man das Petroleum in eine Flasche abfüllen. Vom Laden aus ging eine Treppe in den Keller hinunter. Gleich rechts an der Wand hing die Pfeffermühle. Man bekam immer frisch gemahlenen Pfeffer, wer hatte denn zu Haus eine Pfeffermühle? Im Keller stand das Butterfass. Die Butter wurde mit hölzernen Buttersteckern abgesteckt und geformt. Diese waren aus ganz besonderem Holz, daran blieb die Butter nicht kleben. Dann lagerten dort noch die Käseköpfe. Bevor der Tilsiter verkauft werden konnte, musste er in Wasser eingeweicht werden und wurde dann mit harten Bürsten abgeschrubbt. Die anderen hatten eine Wachshaut, die konnte man leicht abziehen. Vom Laden ging auch die Treppe hinauf zum Boden. Das Geländer hatte von Hand gedrehte Sprossen. Oben auf dem Boden war das Warenlager. Dort standen große Säcke mit Mehl, Zucker und Salz. In großen Kisten befanden sich Hühnerfutter, Schrot und Kleie für die Schweine. Eine Dezimalwaage stand bereit zum Abwiegen.

Dann gab es dort Sensen und Sicheln mit einem Strich zum Schärfen dazu, Harken und Forken und Schaufeln, Besen und Bürsten, Handeulen und Schaufeln, Schüssel, Töpfe und Pfannen, Kaffeekannen, Tassen und Teller, Becher — alles konntest du dort finden. Wenn mich jemand fragt, was es in der Krämerei alles zu kaufen gibt, dann sage ich immer: Alles vom Bohnenkaffee bis zur Mistforke.

Vom Laden gingen noch zwei Türen ab, eine in die Küche und eine in die Kasse. In der Küche war Oma Rehders am Wirken. Zwischendurch kochte sie etwas zum Mittagessen und backte auch noch Kuchen für die Kunden- sonst stand sie im Laden.

In der Kasse saß Opa Rehders über den Kassenbüchern am Schreibtisch vor dem Fenster. In dieser kleinen Stube von zwölf Quadratmetern standen noch ein großer und ein kleiner Geldschrank, ein Sofa und ein ovaler Tisch, zwei Stühle und ein Kachelofen. Man könnte annehmen, da wäre kein Platz mehr für Leute oder Kunden, aber dort wurden Sitzungen abgehalten von der Kirchen-, Gemeinde- und der Sparkasse. Das muss aber sehr eng gewesen sein, wenn so ein Vorstand zusammen kam.

Ach, da stand noch etwas, was es heute — glaube ich - nicht mehr gibt: ein Spucknapf aus Emaille. Mein Großvater kaute nämlich Kautabak und dafür brauchte er das Dings. In die untere Schale kam Wasser und die obere hatte ein Loch, damit die braune Spucke ablaufen konnte. Brrrrr- ! Gibt es eigentlich noch Leute, die Kautabak kauen?- Ich kenne keinen. Aber zu kaufen gibt es welchen. Ich habe mich erkundigt. Ich habe auch gefragt, ob es noch Spucknäpfe gibt, aber das wurde verneint. Ich bekam auch die Antwort: Die spucken das anderen Leuten vor die Füße. So geht es auch!!-

Der Krämerladen war, wie wir heute sagen, ein Tante Emma Laden. Da wurde nicht bloß eingekauft- nein- da wurde auch mit den Kunden über alles gesprochen, denn jeder kannte jeden. Ganz nebenbei haben meine Großeltern acht Töchter groß gezogen, die tüchtig helfen mussten. Meine Großmutter, die Emma hieß, konnte mit allen Leuten gut klar kommen. Sie war eine freundliche Frau und ihre Tochter, die die den Laden noch viele Jahre gehabt hat, war das auch. Bloß die Zeit änderte sich, die Menschen wollten lieber im Supermarkt einkaufen, und darum musste sie ihren Laden schließen.