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Ein altes Garstedter Wahrzeichen

Garstedt - heute ein Teil Norderstedts - gibt es oder gab es 600 Jahre lang. Ein altes Bauerndorf mit gutem Ackerboden ließ die Menschen hier siedeln und Ackerbau und Viehzucht betreiben. Es war ein Dorf, das sich nicht an einer Straße sondern zu einer geschlossenen Ortschaft entwickelte.

Die Häuser waren sicherlich alle mit Stroh oder Reet gedeckt. Ein paar sind nur übrig geblieben und sind teilweise über 200 Jahre alt. Sie sind die einzigen Zeitzeugen, die wir heute noch haben. Historische Bauten gibt es hier nicht, auch keine größeren Gutsanlagen. Es gab dafür freie Bauern, die hier gewirkt haben. Vergebens sucht man nach alten Wahrzeichen.

Und doch gab es etwas, was nicht jeder Ort hatte: Ein Windrad, das vor der Elektrifizierung des Ortes im Jahre 1920 gebaut oder aufgestellt wurde. Im Jahre 1913 ließ sich Otto Kühl an der Niendorfer Straße vor seinem Wohnhaus ein Windrad installieren. Er glaubte, mit der Elektrifizierung sich bäuerliche Arbeitsvorgänge zu erleichtern. Das Fundament für das Windrad gibt es immer noch, liegt aber unter dem heutigen Autohaus Kühl. Es ist gemauert und noch in bestem Zustand.

Der Turmbau aus Eisen trug das eigentliche Windrad mit einem 12 m großen Durchmesser. Es war in den Schleswig-Holsteiner Farben blau-weiß-rot angestrichen. Der gesamte Bau überragte mit einer Höhe von 36 Metern alle Häuser rund um und war von weit her sichtbar.

Das Windrad trieb über ein Riemensystem und ineinander greifende Holzzahnräder einen Stromgenerator, mehrere Pumpen, einen Häcksler für Viehfutter, eine Kornmühle mit Mühlrädern von 1,5 m Durchmesser und einen Rübenschneider an.

Das Windrad brauchte weniger Windstärken als die heutigen modernen Wind­räder, um Strom erzeugen zu können. Es gab auf der Hofanlage einen Raum, der voll gestellt war mit Batterien und Akkus zur Überbrückung bei Flaute oder absoluter Windstille. Die Batterien trieben dann einen Elektromotor an, der den Strom an die Aggregate abgab. Dieser Motor steht heute noch an seinem alten Platz. Die Kornmühle wurde erst kürzlich abgebaut. Die Regleranlage der Elektrik ist auch noch im Besitz der Familie Kühl. Die Anlage ist etwas lädiert - aber gerettet vor abrissbegeisterten Handwerkern.

Die Kosten für das Windrad waren schon immer immens hoch, denn es musste regelmäßig alle 4 Wochen gewartet werden. Da kamen Spezialisten, die die Schrauben jedesmal nach- bzw. anziehen mussten oder, wenn nötig, Ersatzteile einbauten. Außerdem wurde die ganze Anlage von unten bis oben geschmiert und geölt. Das war eine aufwendige Pflege, die man sicherlich nie allein bewerkstelligen konnte.

Der Turm wurde auch mal von der Garstedter Feuerwehr als Trockenturm für die Feuerwehrschläuche genutzt. Die Feuerwehr hatte ihren Sitz damals noch in der alten Turnhalle, wo heute die Fa. Dunckelmann ist.

Womit immer wieder gerechnet werden musste, waren Blitzeinschläge und schwere Stürme, die besonders die Mittellager belasteten. Je älter das Windrad wurde, desto höher waren der Erhaltungsaufwand und die Kosten. Außerdem wurden die Ersatzteile knapp oder es gab sie gar nicht mehr. Schließlich musste sich Bruno Kühl - Sohn des Otto Kühl - für den Abbau entscheiden. Zuerst verschwand das Windrad und damit ein Wahrzeichen Garstedts im Jahre 1960. Sieben Jahre später wurde auch der Turm abgebaut.

Der heutige Besitzer Uwe Kühl, Urenkel des Erbauers, trauert der Gesamt­anlage nach, er hätte sie gern erhalten gesehen und - wie er mir versicherte - auch mit Freuden genutzt. Doch das geht leider nicht mehr. Und so kennen heute nicht mehr viele Einwohner dies alte Wahrzeichen Garstedts an der Niendorfer Straße, das dort 51 Jahre stand, in den Farben Schleswig-Holsteins - blau-weiß-rot!