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Garstedt von oben

Mein Vater stand vor unserer alten Kirche und guckte zum Turm hinauf. Da hatten sie ein Gerüst aufgebaut und waren dabei, das Schindeldach zu reparieren. In dem Moment kam unser alter Pastor Schaper aus dem Pastorat und sah meinen Vater dort stehen. Na, Dall, was gibt es denn dort zusehen?Ach, antwortete mein Vater, ich möchte da mal rauf, um mir Garstedt von oben anzusehen. Der Pastor versuchte, ihm das auszureden, doch damit hatte er genau das Gegenteil bewirkt, nun wollte er erst recht da hinauf. Wenn Sie das tun, dann gebe ich einen aus und Sie erzählen mir genau, wie das war, sagte der Pastor.

Na, nun war mein Vater im Wort, und er machte mit dem Dachdecker Tag und Stunde aus, wann es denn losgehen sollte. Der Dachdecker hatte starke Bedenken und sagte, dass er die Verantwortung nicht übernehmen könnte, falls etwas passieren sollte. Alles klar!

Als mein Vater ankam, stand der Dachdecker schon an der Leiter. Der Aufstieg konnte losgehen. Bis zur Dachrinne war es einfach. Dann lag eine Leiter auf dem Kirchendach, und von dort ging es auf das Gerüst am Turm. Dieses Zwischenstück war am schwersten, denn man musste sich seitlich auf die Sprossen stellen, um sich festzuhalten. Als sie das geschafft hatten und auf dem Gerüst waren, konnten sie aufrecht gehen, dort war ein richtiger Umlauf.  So kam mein Vater bei dem schönen Wetter auf seine Kosten.

Er konnte sich alles genau ansehen. Das Dorf lag im Sonnenschein, die Blumen auf dem Kirchhof leuchteten - es war einfach schön anzusehen. Bei Gärtner Ellerbrock in der Kirchenstraße sah er, wie der Pastor sich schnell hinter der Hauswand versteckte. Er hatte also zugesehen. Mein Vater blieb noch einige Minuten und unterhielt sich noch mit dem Dachdecker über die schöne Aussicht. Dann kam der Abstieg. Als er wieder unten war, hat er gesagt: Wenn ich gewusst hätte, wie schwer mir das Stück auf dem Kirchendach fallen würde, wäre ich unten geblieben. Aber nun habe ich es geschafft und bin sehr glücklich darüber.

Der Pastor hat dann mit meinem Vater bei Tante Frida (die ehemalige Gaststätte von Sellhorn-Timm) auf die Kirchturm-Exkursion angestoßen und der musste genau erzählen, wie schön Garstedt von oben ist.

Ein Jahr später - auf den Tag genau - lud mein Vater Pastor Schaper per Postkarte zu einem Klönschnack bei Tante Frida ein. Dass das ein Montag war und die Gaststätte an diesem Tag geschlossen hatte, hatte er übersehen. Als er vor der verschlossenen Tür stand, bekam er einen Schreck. Er ging hinten rum zur Küchentür, die offen stand. In der Küche waren sie beim Wurstmachen.

Kommen Sie man rein, sagte Tante Frida, der Pastor ist schon da. Er weiß gar nicht, warum er eingeladen ist und hat uns schon mit Fragen gelöchert. Was ist denn bloß los? Na, mein Vater hat sofort alles erklärt. Mit dem Pastor hat er dann geklönt und Tante Frida schickte ihnen noch Schwarzbrot und ganz frische Leberwurst, wovon sie eine ordentliche Portion gegessen haben.