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Ein Vorschlag für eine kleine Reise

Heute möchte ich etwas von einer kleinen Stadt im Harz erzählen. Sie liegt versteckt in einem großen Wald, in einer engen Schlucht. Dorthin kann man nur über eine einzige Zufahrtsstraße gelangen, weitere Zufahrten gibt es nicht.

In der kleinen Stadt leben heute 1756 Stolberg (Harz) ist ein Luftkurort sowie Historische Europastadt im Südharz im Landkreis Mansfeld-Südharz, Sachsen-Anhalt. Markenzeichen der 300 m ü. NN gelegenen Kleinstadt sind die vielen Fachwerkhäuser im Renaissancestil. Im Jahr 2008 hatte Stolberg nur noch 1292 Einwohner. * Einwohner, sie hat aber schon über 700 Jahre Stadtrecht. Sie ist also eine ganz alte Stadt, die dort mitten im Wald liegt. Früher war es ja sehr wichtig, sich gegen Angreifer zu verteidigen, dafür baute man Stadtmauern. Hier  aber gibt es nur Stadttore, die immer geschlossen werden konnten. Von allen Seiten waren große Felsen, und der Wald ein natürlicher Schutz für die kleine Stadt. Ein Schloss gibt es heute noch. Dort wohnten die Grafen von Stolberg, denen das Ganze gehörte. Und nun wissen sie auch, wie die Stadt heißt: Stolberg.
 
Wir haben uns diese kleine Stadt angesehen. Sie hat nur drei Straßen und die Häuser stehen dicht an dicht. Eines hält das andere fest. Jedes Haus hat nur eine einzige Tür mit ein paar Stufen davor. Durch diese Türen gehen nicht nur die Menschen, auch die Kühe und andere Tiere müssen dort hindurch, denn die Ställe liegen hinter dem Haus und die Gärten auch.

Als früher der Kuhhirte am frühen Morgen die Kühe holte, mussten sie also durch diese Tür und die Treppe hinunter auf die Straße und am Abend den gleichen Weg zurück. Die Hausfrauen standen mit einer Schaufel und einem Handbesen bereit, um den frischen Spinat sofort aufzufangen. Das ersparte ihnen Arbeit.

Sie meinen, das sind ganz alte Kamellen - nein, so alt sind die gar nicht, denn bis 1961 war das genau so.

Die meisten Häuser haben dort ein Fachwerk und gehören den Bewohnern. Das Ständerwerk ist fein geschnitzt und mit Halbsonnen, Bandrollen und Schiffskehlen geschmückt. Alles ist farbenprächtig angestrichen. Dort steht fast kein Haus, das abgerissen werden müsste, wie das in anderen Städten der DDR so ist - heute zwei Jahren nach der Wende.

Der Stadtarchivar hat uns erzählt - er führte uns durch seine Stadt - warum es in Stolberg so viel besser aussieht als anderswo. Stolberg hat einen berühmten Sohn, und das ist Thomas Münzer Thomas MüntzerThomas Müntzer (auch Münzer, * um 1489 in Stolberg (Harz); † 27. Mai 1525 bei Mühlhausen) war ein evangelischer Theologe und Revolutionär in der Zeit des Bauernkrieges. **, ein Freund und Kollege von Martin Luther. Er wurde bekannt durch die Bauernkriege im 16. Jahrhundert.

Um 1980 kamen die hohen Herren der DDR auf die Idee, ihm ein Denkmal zu setzen und ihn für ihre Zwecke zu nutzen. Ein (Ost-)Berliner Bildhauer bekam den Auftrag. Er hatte es nicht leicht, seine Vorstellung von dem Denkmal durchzusetzen, hatte es aber letztlich geschafft. Doch nun ging der Streit los: wo sollte das Denkmal denn stehen, auf dem Marktplatz oder vor der Tür des Geburtshauses? Erich Honecker sollte die Einweihung vollziehen, und nun bekam der ganze Kram Schwung. Das heißt, dort wo Erich Honecker entlang fahren sollte, mussten die Häuser renoviert sein. Genau, und was lag da näher, als das Denkmal vor das Geburtshaus zu setzen? Der Weg dorthin war länger, und so konnten viel mehr Häuser restauriert werden. Das Geld stand ja bereit und mit einem Mal gab es Farbe und alles, was man zum Renovieren brauchte. Die Handwerker wurden in Hotels untergebracht. Ein Haus nach dem anderen wurde auf Staatskosten restauriert, und es war egal, ob das Haus Privat- oder Staatseigentum war. Die anderen Stolberger hätten das Nachsehen gehabt, weil Erich Honecker ja nicht an ihrem Haus vorbeifahren würde. Aber auf wunderliche Weise wurden ihre Häuser aus dem gleichen Farbtopf gestrichen.

Das Denkmal aus Bronze steht nun vor dem Rathaus, und Erich ist gar nicht gekommen. Der übergroße Thomas Münzer steht dort in einer Mönchskutte, hinter ihm eine  kleinere Gestalt mit einem Tuch über dem Kopf als Zeichen für die Ungewissheit der Zukunft. Thomas Münzer hat inzwischen einen goldenen Finger und einen goldenen großen Zeh. Das heißt, dass sich die Stolberger bei ihm bedankten für die Farbe und das Glück, dass Erich Honecker nicht gekommen ist und auch nicht mehr kommt. Es gibt aber auch Leute, die ihm auf den Zeh treten — warum, das weiß ich nicht.

Auch das Rathaus hat eine schöne Geschichte. Es hat zwölf Türen, zweiundfünfzig Fenster und dreihundertfünfundsechzig Fensterscheiben. Merken Sie was? Richtig — genau so viele, wie das Jahr Monate, Wochen und Tage hat. Das Rathaus hat noch eine Besonderheit - es hat keine Treppe im Haus. Das Treppenhaus ist auf der rechten Seite angebaut, das hält die Beamten in Schwung. Der Bürgermeister hat sein Büro im ersten Stock. Der Sitzungssaal ist im zweiten, genau über ihm. Wenn er nun von dem ersten in den zweiten Stock will, muss er zweimal durch das ganze Rathaus laufen, denn die Treppe ist ja auf der anderen Seite. So kann man auch für Bewegung sorgen.

Im Rathauskeller haben wir etwas Gutes zum Mittag bekommen, es hat uns allen großartig geschmeckt.

Stolberg möchte wieder ein Luftkurort werden, das war diese Stadt früher auch. Das hat aber einen Haken - oder auch mehr. Es regnet dort sehr oft, so dass Luther gesagt haben soll: Stolberg ist das Pinkelpöttchen des lieben Gottes. Regen ist ja nicht so schlimm, aber der viele dicke Nebel! Die Häuser werden immer noch mit DDR-Braunkohle beheizt. Der Nebel ergibt zusammen mit dem Braunkohlen-Qualm einen ganz besonderen Smog. Den wollen sie jetzt abschaffen. Die Straßen werden aufgerissen und Erdgasrohre verlegt. Gleichzeitig bekommen sie auch neue Wasser-, Abwasser- und Telefonleitungen. Alles auf einmal - schön. Es ist doch manchmal gar nicht so falsch, wenn nichts gemacht worden ist. Nun bekommen sie alles neu und unter die Straße.

Und wenn alles fertig ist, kann Stolberg auch wieder Luftkurort werden.

1992 waren wir dort und danach habe ich diese Geschichte aufgeschrieben. 2007 waren wir wieder dort und ich muss sagen: Stolberg ist eine Reise wert. Diese kleine Stadt ist mir ans Herz gewachsen. Wenn Ihr mal in die Gegend kommt, seht sie Euch an und fahrt nicht einfach vorbei!

* Im Jahr 2008 hatte Stolberg nur noch 1292 Einwohner.
** Manchmal wird der Thomas auch Müntzer geschrieben.