© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Abwarten ist nicht immer leicht

Oktober. Ich stehe in der Schlange an der Kasse und warte, dass ich zum Bezahlen an der Reihe bin. Plötzlich sehe ich Spekulatiuspakete. Ich kann gerade mit meiner Hand zwei von dem Stapel herunterziehen — Mandelspekulatius.

Zum Nachmittagskaffee gibt es die ersten zum Probieren — köstlich. Kross und immer gut im Geschmack, Weihnachten meldet sich an — zu früh meinst du? — Eigentlich hast du recht — aber jetzt schmecken mir die Spekulatius am besten. Weihnachten esse ich sowieso keine mehr. Klar, es wäre für mich nicht schlimm, wenn man sie erst im November kaufen könnte.

Mein Mann und ich fuhren an einem Sonnabend mal nach Hamburg. Wir haben Sachen gesehen, die nur zu Weihnachten gebraucht werden. Wir fanden ein Geschäft, wo das ganze Jahr über Weihnachtssachen verkauft werden. In anderen Läden waren die Engel mit den grünen Flügeln und andere Dinge aus dem Erzgebirge ausgestellt. Wir haben uns alles angesehen und sogar etwas gekauft — schließlich kommt Weihnachten ja irgendwann — auch wenn es noch lange nicht Dezember ist.

Danach haben wir uns Griebenschmalz gekauft, ohne darüber nachzudenken, dass Schweine ja erst im November/Dezember geschlachtet werden und dass es vorher kein Griebenschmalz gibt. So war es früher, das weiß ich aus meiner Kinderzeit. Und geschmeckt hat es uns großartig und auch unseren Gästen, denen wir es angeboten haben. Und jetzt will ich verraten, wie mir Schmalz am besten schmeckt: Mit Sirup und Salz obendrauf! Das habe ich von meinem Vater gelernt.

Ich möchte aber weiter von Weihnachten erzählen. Wir haben darüber gesprochen, dass wir die Vorfreude auf die Adventszeit doch noch im Schrank lassen müssen, denn vor uns liegt noch der ganze November. Das ist der Monat mit all den Trauertagen. Auch wenn wir ihn nicht mögen, aber unserer Lieben, die uns verlassen haben und nicht mehr am Leben sind, müssen wir gedenken.  Wir gehen zum Kirchhof und legen Tannenzweige aufs Grab und schmücken es. Viele meinen, dass die es ja gar nicht merken. Aber uns hilft es. Und ehrlich, ich spreche mit unseren Eltern und erzähle ihnen etwas. Mir tut es gut — und bestimmt geht es anderen auch so. Und wenn wir das getan haben, dann beginnt bei uns die Adventszeit.

Mit dem Tag für die Braunen Kuchen  fängt es an. Und wenn die dann im Ofen sind und der Geruch von Nelkenpfeffer, Anis, Kaneel und Kardamom, Muskat und Zitrone und sonst noch was durchs Haus zieht- dann hat das Warten ein Ende. Wir holen unsere Adventskisten aus dem Keller. Unsere Engel mit den grünen Flügeln werden als richtiges Orchester aufgestellt. Die Herrenhuter Sterne werden auf die Fenster verteilt. Kränze mit Zinn- und Holzfiguren werden aufgehängt und auch die Haustür bekommt ihren Kranz.

Wir haben viel zu tun und freuen uns immer wieder über all die Dinge, die wir in vielen Jahren zusammen getragen haben. Die Weihnachtskrippe bekommt ihren alten Platz und wir hören Advents- und Weihnachtsmusik zu Haus und anderswo. Hören auch mal zu, wenn Geschichten vorgelesen werden oder lesen selbst welche zum Beispiel von Rudolf Kinau.

Und an Weihnachten? Wie es sonst war, wissen wir. Aber jedes Jahr wird es etwas anders. Unsere Kinder und Enkel wohnen nicht in unserer Nähe, dass sie mal eben kommen können und wir sind für Reisen in der Weihnachtszeit nicht mehr rüstig genug, aber glaubt nicht, dass wir auf unseren Tannenbaum verzichten werden. Mit vereinten Kräften werden wir es uns weihnachtlich machen und freuen uns schon darauf.

Weihnachten steht bald vor der Tür — Darauf warten ist nicht immer ganz leicht und wenn es nur um die Spekulatius im Oktober geht.