© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Eine Reise zum Potsdamer Platz

Weißt du was wir  morgen machen, wir fahren nach Berlin. Wir wollten uns doch schon lange die Gegend um den Potsdamer Platz ansehen und immer kam uns etwas dazwischen. Das Treffen mit unseren Freunden ist wegen Grippe abgesagt und so haben wir den ganzen Tag Zeit für uns. — Das ist eine gute Idee, ich freu' mich darauf.
Wenn zwei vom Dorf in die Großstadt fahren, dann kann daraus etwas werden, was sie überhaupt nicht wollten.

Früh machten sie sich auf den Weg, um sich auch viel in Berlin  ansehen zu können. Das Berlin von vor der Wende kannten sie gut. Rund um den Ku-Damm gab es für sie nichts Neues. Aber was da nun alles gebaut worden war und was da noch im Bau war, das hatten sie noch nicht gesehen. Das sollte nun anders werden. Kurz vor Berlin machten sie noch eine kleine Pause und aßen ein Butterbrot und dann nichts wie hin — dort hin, wo all die Baukräne stehen.

Sie fanden auch den richtigen Weg und fingen an, nach einem Parkplatz zu suchen. Aber da war keiner zu finden. So etwas gab es hier nicht — nicht die kleinste Lücke. Und dann noch dieser Verkehr. Unglaublich.

Dann fanden sie ein blaues Schild mit dem Zeichen für einen Parkplatz in einer Tiefgarage. Da fahren wir rein. Das ist ja prima.  Langsam fuhren sie hinunter, zogen ihren Parkschein und dann ging es in eine Parkanlage, wie sie es noch nie gesehen hatten. Sie fuhren 100m — 200m — alle Parkplätze rechts und links waren besetzt. Keiner wurde gerade mal frei. Sie hatten kein Glück. Immer weiter ging die Fahrt. Zuletzt hatten sie die Orientierung verloren. Wenn wir hier einen Parkplatz finden, dann wissen wir gar nicht, wo wir sind. Wo kommen wir raus, wenn wir die Treppen hoch kommen? Nee- hier parken wir nicht. Das wird nichts — hier müssen wir wieder raus. Wo steht Ausfahrt an?Da!

Langsam kamen sie vorwärts, und als sie an der Ausfahrt ankamen, hatten sie ihr Ticket noch nicht bezahlt und stoppten den Verkehr. Gott sei Dank, es gab zwei Ausfahrten nebeneinander und so konnte der Stau nicht zu groß werden.  Er sprang aus dem Auto, suchte den Automaten, musste 2 Mark für ihre Rundreise in der Parkanlage bezahlen und lief so schnell er konnte zum Auto zurück.
Er steckte das Ticket in den Automaten, der Sperrbalken ging hoch und dann nichts wie raus aus dem Irrgarten. Als sie auf die Straße kamen, freuten sie sich, denn sie hatten die Ausfahrt zu fassen bekommen, wo sie auch hineingefahren waren. Sie wussten, wo sie waren.

Nach dieser Aufregung hatten beide Kaffeedurst. Aber in dieser Gegend, wo es sowieso keinen Parkplatz für sie gab, kam das nicht in Frage. Sie fuhren zum Ku-Damm , den rauf und runter und sie hatten Glück. Ein Auto fuhr von seinem Parkplatz herunter und die Lücke war für sie. Sie sahen sich an und mussten beide lachen. Nun konnten sie endlich aussteigen und über den Ku-Damm bummeln. Als sie bei Kempinski am Fenster saßen und die Menschen und den Verkehr dort draußen sahen, freuten sie sich auf ihren Kaffee und ein Stück Kuchen.

Was hatten sie eigentlich erlebt? Eine Irrfahrt und sonst nichts genau besehen. Den Potsdamer Platz mit all den neuen Häusern — nein — davon hatten sie nichts mitbekommen. Froh und glücklich über ihren Fensterplatz amüsierten sie sich über ihre Reise zum Potsdamer Platz.

Der Kaffe hat ihnen gut getan und als sie wieder in ihrem Auto saßen, gab es nur eine Richtung: zurück nach Haus'. Die nächste Reise zum Potsdamer Platz planen sie erst, wenn Berlin die Baustelle endlich aufgeräumt hat und es auch Parkplätze über der Erde gibt und nicht bloß darunter.