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Lebensmittel — im Krieg und nach dem Krieg

Heute im Jahre 2011 kann man sich alles kaufen, was man gerne essen möchte — wenn man das Geld dafür hat. Im Krieg und in den Jahren danach bis zur Währungsreform am 20. Juni 1948 war das nicht möglich, man hatte das Geld, aber es gab nichts zu kaufen. Jeder war davon betroffen und alle versuchten auf irgendeine Weise, sich etwas zu besorgen- durch Tausch oder durch viel Arbeit.

Bei uns gab es immer ein Schwein im Stall, Hühner und, wie es auf dem Lande so üblich war, eine Katze. Im Kriege schafften wir uns Gänse und Enten und auch Kaninchen an. Die Enten mochte meine Mutter nicht, Sie sagte: Erst fressen sie mich auf, ehe ich sie auf den Tisch bringe. Das hieß: sie mussten gefüttert werden, während unsere Gänse sich fleißig ihr Futter am Grabenrand pflückten. Also blieben die Enten im nächsten Jahr weg, dafür gab es Puter, aber die mochten wir alle nicht leiden. Eine größere Anzahl Kaninchen war die beste Lösung. Gänse und Kaninchen durfte man halten ohne Abzug. Anders das Schwein: Das wurde registriert und wenn der Schlachter da gewesen war, wurden uns die Fleischmarken entzogen. Das bedeutete, es gab für uns keine Möglichkeit, etwas beim Schlachter einzukaufen, wir hatten ja keine Fleischmarken. Alle Tiere, die wir groß gezogen hatten, wurden von uns gegessen. Die Katze natürlich nicht.

Wenn nun jemand glaubt, wir hätten keine Beziehung zu unseren Tieren, dann irrt er sich gewaltig. Wir sprachen mit ihnen. Unserem Schwein wurde mit einem Schrubber der Rücken gebürstet und wehe, wir gingen so an seinem Stall vorbei, so protestierte es mit lautem Gequieke.

Die Gänse waren weiche, flaumige Gössel, wenn wir sie im Frühjahr bekamen. Sie waren meine Tiere. Ich habe oft mit ihnen an der Grabenkante gesessen. Sie fraßen Gras und ich machte Schularbeiten. Wenn sie satt waren, setzten sie sich ganz dicht an meine Beine und schliefen. Ich sprach auch mit ihnen und sie gaben immer Antwort. Manchmal ging ich mit ihnen auf ein abgemähtes Roggenfeld. Dort suchten und fanden sie herausgefallene Körner. Ich sammelte inzwischen liegengebliebene Ähren. Die Ähren wurden getrocknet und die Körner herausgeschlagen. Dann haben wir sie durch die Kaffeemühle gedreht. Das grobe Mehl daraus haben wir mit Roggenmehl, das wir statt Brot auf unseren Brotmarken kauften, gemischt und unser Brot selbst gebacken. Das stimmt nicht ganz. Wir haben uns vom Bäcker Sauerteig geholt und den Teig vorbereitet und dann hat unser Bäcker die Brote gebacken. Weil dieses Brot so gut war, habe ich nie Brot mit in die Schule genommen. Die anderen Kinder hatten kein so gutes Brot, ich wollte sie nicht neidisch machen.

Als der Krieg zu Ende war, konnte meine Mutter den Sommer über eine Kuh melken, die allein auf einer Wiese stand. Diese hatte TBC, aber die Milch war ohne Befall. Mein Onkel durfte sie aber noch nicht schlachten, denn sein nächster Termin zum Schlachten war erst im Herbst. Das haben wir genossen. Milch ohne Ende. Butter haben wir auch gemacht und dann die Buttermilchsuppe mit Backobst drin- natürlich auch selbst hergestellt- war ein Genuss. Wir waren ganz traurig, als im Herbst uns diese Quelle von Köstlichkeiten abhanden kam.

Wir kauften deshalb ein Milchschaf. Lämmi hat uns lange Zeit Milch gespendet. Nach der Geburt von zwei Lämmern haben wir diese nach 4 Wochen an einen Bauern verschenkt, der von den Kühen Milch für die beiden abzweigen konnte. So kamen wir an Schafsmilch. Lämmi, wurde am Grabenrand angetütert und konnte sich dort sein Futter selbst suchen. Meine Mutter konnte melken, was ein Vorteil war. Aus dem Rahm, den wir täglich absahnten, haben wir sogar Butter gemacht in einer Flasche, die auf den Oberschenkeln geschüttelt werden musste. Auch haben wir versucht, Schlagsahne zu schlagen, aber das gelang uns nur bedingt, sie wurde nie richtig steif. Aber geschmeckt hat sie uns.

Das Schaf musste einen Teil des Schweinestalls haben. Dafür wurde der geteilt. Vorne am Trog war das Schwein und die hintere Hälfte bekam das Schaf. Eines Abends kam unser Vater aus dem Stall und sagte: Das Ferkel ist weg. Wir also alle in den Stall, um es zu suchen. Wir fanden es oben auf dem Schaf in der warmen Wolle und die Milch hatte es auch genossen. Das Schaf, von Natur aus gutmütig, ließ sich alles gefallen.

Für unsere bis zu fünfunddreißig Kaninchen mussten wir viel Futter besorgen. Mit Schubkarre und Sense zogen mein Vater und ich los. Keine Grabenkante in unserer Umgebung war vor uns sicher. Mein Vater lernte deshalb auch, eine Sense zu dengeln, das heißt sie scharf machen. Lehrmeister dafür waren alte Arbeiter, die früher bei den Bauern das Korn gemäht hatten.
Im Sommer habe ich auf dem Spannhof Garben gebunden Es gab ja kein Bindegarn zu kaufen, und so warf der Selbstbinder die losen Garben aufs Feld. Wir mussten dann einen Strohgürtel um die Garbe binden, der nicht aufgehen durfte! Das war eine schwere Arbeit und auch eine unangenehme, denn in den Garben waren auch Disteln, deren Stacheln uns in die Haut eindrangen. Vierzehn Tage später eiterten die in kleine Pusteln wieder heraus. Ich habe mein Lebtag nie wieder so viele Eiterpusteln gehabt wie damals.

In den Herbstferien habe ich den ganzem Tag Kartoffeln gesammelt und später am Nachmittag auf verschiedenen Bauernhöfen. Als Bezahlung gab es einen Zentner für den ganzen Tag und einen halben am Nachmittag. Im Jahre 1946 verdiente ich so über 20 Zentner Kartoffeln. Das war ein Vermögen — damit wurde auch aus unserem Schwein ein schlachtbares Tier, soll heißen, es wog genug. Wenn die Kartoffelfelder abgeerntet waren, gab der Bauer sie frei für die Menschen, die nachstoppeln wollten. Sie standen schon an der Pforte und stürzten sich in die Arbeit, um ein paar Kartoffeln zu ergattern. Hunger tat weh — ganze Familien gingen auf die Äcker und Leute, die nie geglaubt hätten, dass sie solch dreckige Arbeit einmal machen würden.
Dann gingen mein Vater und ich auch zum Brombeeren und Haselnüsse pflücken. Wir kannten Stellen, wo Brombeeren wuchsen, die nie jemand anders fand. Wir pflückten manches Mal über drei Liter am Tag. Und Haselnüsse haben wir oft mehr als zehn Pfund nach Haus gebracht. Sie wurden auf dem Boden ausgebreitet, getrocknet, dann von den Hüllen befreit und kamen für ein paar Tage in den Rauch bei unserem Nachbarn. Warum weiß ich nicht mehr, aber sie wurden in manchen Kuchen gebacken.

Unser Garten verlangte auch, gepflegt zu werden, aber das geschah nebenbei. Wir richteten uns nach der Reife der Früchte. Die Ausrede, heute habe ich dafür keine Zeit, die gab es einfach nicht.

Wenn ich heute daran denke, dann frage ich mich, wie ich eigentlich die Schule geschafft habe. Das ist mir bis heute nicht klar. Ich habe immer gearbeitet und es hat mir immer Spaß gemacht. Heute wünsche ich mir oft etwas mehr Kraft, weil mir die Arbeit doch recht schwerfällt- aber mit 80 Jahren darf man kürzer treten — oder?