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Meine Kur in Damp 1990

Ich war also in Damp zur Kur. Wie es bei einer Kur so zu geht, weiß man ja — aber manchmal kommt es anders- ganz anders. Der Arzt, der dich zum ersten Mal sieht, guckt dich an, und dann verschreibt er dir, was du machen sollst und was  mit dir gemacht werden soll.

Erstmal sollte ich täglich 20 Minuten Radfahren- nicht draußen- sondern in einem Saal standen ca. 20 Ergometer in einer Reihe und das ging sofort los. Erstmal zählen sie deinen Puls. Wenn der nach geraumer Zeit nicht über 120 war, stellten sie die Wattzahl höher. Das hieß, du musst stärker in die Pedalen treten, bis dir der Schweiß aus allen Poren bricht.

Dann musste ich zur Gymnastik mit Musik. Darauf freute ich mich- aber nicht lange. Dreißig Minuten musste ich hüpfen zu Beatmusik- und die war so laut, dass mir die Ohren wehtaten. Bei dieser Hüpferei knackte es plötzlich in meinem Knie und  das tat verdammt weh. Ich habe dann zu der Therapeutin gesagt, dass solche Gymnastik wohl nicht das Richtige wäre. Da meinte eine Mithüpferin, ich sollte mich man nicht so anstellen, daran werde ich mich schon gewöhnen. Der habe ich kurz geantwortet: Wenn du 60 Jahre auf dem Buckel hast so wie ich heute, dann werde ich mal wieder mit dir reden. Ich werde 90, das kannst du mir glauben. dann wollen wir doch mal sehen. wie du dann hier rumhüpfst.

Dem Doktor habe ich mein Knie vorgestellt. Der meinte, Kälte könnte helfen. Ich musste nun dreimal am Tag mit einem Eisbeutel das Knie kühlen und die Gymnastik mit Musik wurde für mich abgesetzt. Nur half die Kälte mir überhaupt nicht. Ich konnte überhaupt nicht mehr warm werden, mit der Zeit zitterte ich vor Kälte am ganzen Körper. Da habe ich den Eisbeutel weggeschmissen und mir heiße Umschläge gemacht. Die Schmerzen verschwanden, mir wurde wieder warm, und ich konnte wieder schlafen.

Dann musste ich zu einer Spezialmassage nach Dr. Marnitz. Die hat mir gut getan, auch wenn sie gemein wehtat. Ich habe den Masseur gefragt, ob bei dieser Pein ihm die Patienten nicht von der Massagebank springen würden. Ja, das passiert, meinte er, aber sie halten still und dann hilft es auch. Das kann ich nur bestätigen, diese Art der Massage hat mir gut getan. Außerdem bekam ich noch Lymphdrainage und auch die hat mir gut geholfen.
 
Das Beste aber war das Schwimmen im Salzwasser. Wir durften nur auf dem Rücken schwimmen. Die Beine mussten still im Wasser liegen und den Kopf in den Nacken legen, dass dir das Wasser in die Ohren lief. Die Haare wurden nass, die Frisur ging zum Teufel. Das hat mich nicht gestört, es hat mir riesigen Spaß gemacht. Ihr glaubt nicht, mit welch hohem Tempo man durch das Wasser düsen kann, wenn man nur die Arme am Körper hochzieht, sie dann zur Seite ausstreckt und sie wieder zu den Beinen zurückführt. Das war was, ich konnte selbst kaum begreifen, dass ich das so gut konnte. Ich war immer die Letzte, die aus dem Wasser kam. Zu schön!!

Das alles  hat mir der Doktor verschrieben, aber das war mir nicht genug. Ich habe mir gleich ein Fahrrad gemietet. Wenn ich Zeit hatte und der Himmel nicht zu sehr nach Regen aussah, dann war ich unterwegs. Ich habe mir das Gut Damp angesehen, nicht das Wohnhaus, aber die ganze Anlage. Sie sind seit 2 Jahren dabei, die alten Fachwerkscheunen von 1640 mit neuem Reet zu versehen. Die Scheunen sind fast hundert Meter lang und zwanzig Meter breit. Die Dächer sind bestimmt 15 Meter hoch. Das Reet wird 45 bis 48 cm dick aufgelegt. Das kostet richtig Geld- und die Scheunen stehen leer und sind ungenutzt. Der Denkmalschutz von Schleswig-Holstein  gibt Geld dazu, damit es für die nächste Generation erhalten bleibt. Den Rest muss der Eigentümer bezahlen- da kannst du ganz schnell arm bei werden.

Vor dem Gut an der Strasse steht ein Feldstein mit einer Gedenkplatte. Darauf steht: Op ewig ungedeelt sowie 24.3.1848/98. Das waren noch echte Schleswig-Holsteiner, die den Stein aufgestellt haben. Richtige Patrioten wie es so heißt.         

Nicht weit vom Gut fand ich das Johannes-Armen-Stift, das zum Gut gehört. Dort habe ich an eine Tür geklopft und eine Frau machte mir auf und ließ mich herein und zeigte mir die kleine Kirche von 1742 mit den schönen bleiverglasten  und bunten Fenstern. Auch die Bibel mit silbernen Beschlägen zeigte sie mir. Die hat die letzte deutsche Kaiserin als Geschenk gebracht, als sie die kleine Kirche nach ihrer Restauration besucht hat im Jahr 1912. Fest angebaut an die kleine Kirche waren früher die Schulstube und die Wohnung für den Schulmeister. Der war auch gleichzeitig Küster und Organist und auch noch der Pastor. Heute wohnt hier die Frau und die ist auch Küster.

Auf  anderen Touren  bin ich mal nach Norden, mal nach Süden immer an der Steilküste entlang gefahren. Links ging es dann einige Meter hinunter an den Strand  und rechts standen meterhohe Brennnesseln und ein alter verrosteter Stacheldrahtzaun. Und der Fahrweg war manchmal nur zwanzig cm breit. Ich bin mit Volldampf gefahren. Langsam hätte ich mir aussuchen können die Küste hinunter oder in die Brennnessel mit Draht  zu fallen. Ich bin immer heil durch gekommen.

Einmal bin ich über die Dörfer gefahren und zuletzt bei der Fähre nach Arnis gelandet. An dem Tag habe ich über 30 km in nicht einmal drei Stunden abgestrampelt und es ging die meiste Zeit gegen den Wind. Da kommt man ganz leicht ins Schwitzen — aber Spaß hat es gemacht.

Und das war meine eigene Therapie bei dieser Kur.  Alles zusammen hat mir die Kur gut getan und das kann ich nur jedem wünschen, der mal zur Kur muss.