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Fliegeralarm

Im zweiten Weltkrieg mussten wir uns darauf einstellen, dass die Flugzeuge aus England herüberfliegen würden, um ihre Bombenlast hier auf die Häuser abzuwerfen. Darum suchten wir bei Alarm sofort die Luftschutzkeller auf, egal wo wir gerade waren.

Bei uns zu Haus in Garstedt rüsteten wir einen Kellerraum aus mit Stühlen und Betten oder Bänken, auf denen man liegen konnte. Unsere Nachbarn Wilhelm Timm und seine Frau mussten unseren Keller aufsuchen, da sie unter ihrem Haus keinen Keller hatten. Auch Helene Lehmann aus Gustav Timms Kate wurde uns zugewiesen. Also musste Platz sein für acht Personen. Anfangs gab es nur selten Alarm, höchstens zweimal in der Woche. Einmal fielen drei Bomben, kurz nach dem die Sirenen geheult hatten. Die Timmschen waren noch nicht richtig angezogen, als sie zu uns über die Straße liefen. Wilhelm Timm musste sich wieder ausziehen, denn er hatte die lange Unterhose verkehrt herum angezogen.
Zwei der drei Bomben rissen riesige Krater in den Acker von Sellhorn-Timm, dort wo heute der Schrebergarten am Schierkamp ist, also etwa 300 Meter Luftlinie von uns entfernt. Da wir hier lehmigen Untergrund haben, der die Druckwellen weitergibt, wackelte alles. Meine Schwester, die auf unserer alten Gartenbank lag, rief: Huch, meine Bank läuft weg!

Am anderen Morgen haben wir uns die Krater angesehen. Unser Haus hätte kopfüber in jeden Krater hineingepasst. Die dritte Bombe war zwar explodiert aber nur auseinander geborsten. Die Stücke konnte man wie bei einem Puzzle zusammensetzen und die Bombe fast wieder herstellen. Zwei weitere Bomben fielen im Styhagen und eine weitere in einen Vorgarten am Rugenbarg. Alles waren Notabwürfe, weil ihre Flugzeuge von den Granaten der Flakbatterien getroffen waren.

Die 8,8 Flakbatterien auf der Aspelohe und auf der Wendlohe hatten mit Hilfe des Horchgeräts und des Lichtstrahls des Scheinwerfers die Flugzeuge getroffen. Horchgerät und Scheinwerfer standen auf der Lüdemannschen Wiese in der Hökertwiete ca. 300 Meter von unserem Haus entfernt. Bei Ostwind hörten wir die Befehle bei uns im Keller.

Dann kam die Zeit, in der es jede Nacht gegen halb ein Uhr Alarm gab. Unsere Nachbarin Frau Lehmann kam schon rechtzeitig zu uns und klopfte mit ihrem Handstock an die Fensterscheibe und rief; Ihr müsst aufstehen, gleich gibt es Alarm. Ja, sie kam schon, bevor die Alarmsirenen überhaupt heulten.

Im Winter war es schön warm im Keller, denn wir waren im Heizungskeller — verbotener Weise — wir sollten eigentlich im vorderen Keller sitzen, aber unser Vater meinte, im Notfall kommen wir da nicht raus. Hier haben wir die Kellertür nach draußen und den Balkon darüber.
Einmal im November, als wir unser Schwein geschlachtet hatten, war unsere Mutter noch in der Küche und machte Schmalz. Sie brachte einen Topf mit Grieben herunter und Schwarzbrot dazu — alle langten zu und es dauerte gar nicht lange und der Griebentopf war leer.

Über unserem Kellereingang war wie gesagt ein Balkon. Darum guckten die Männer ab und zu mal um die Ecke um zu horchen, ob die verdammten Flugzeuge nicht endlich abzogen. Hinausgehen war zu gefährlich, denn die Flakgranaten, die in der Luft explodierten, fielen in Stücken wieder auf die Erde und konnten schlimme Wunden reißen. Am anderen Morgen haben wir Flaksplitter gesucht und gesammelt. Diese wurden dann in der Schule getauscht. Jeder wollte solche Dinger haben.

So ging es bis zu den Terrorangriffen im Juli/August 1943 auf Hamburg. Ich habe sie nicht miterlebt. Ich war zu der Zeit in Hadersleben /Dänemark bei meiner Großmutter auf Verwandtenverschickung. Ich war die Einzige in der Familie, die mitfahren durfte. Das war so etwas Ähnliches wie die Kinderlandverschickung, wo die Kinder in Heimen untergebracht wurden — weit weg von den Bombengefährdeten Städten.

Die Taktik war, erst Leuchtbomben abzuwerfen, sogenannte Tannenbäume, die zum größten Teil aus Phosphor bestanden und langsam zur Erde herab segelten an Fallschirmen. Dann kamen die Sprengbomben und danach die Brandbomben und alles zusammen brachte ganze Stadtteile zum Brennen. Das war mörderisch. Wie gesagt, ganze Stadtteile brannten auf ein Mal lichterloh. Das Feuer prasselte, der heiße Wind jaulte und die Häuser fielen in sich zusammen und für die Menschen in den Kellern darunter gab es kein Entkommen.

Ein Onkel von mir hatte ein Milchgeschäft an der Wandsbeker Chaussee. Er hat mit Hilfe der Familie ihre Teppiche im Keller an die Wand genagelt und mit Milch und Wasser nass gehalten. Sie haben überlebt. Haus und Geschäft und die hinteren Anbauten waren nur noch ein Trümmerhaufen — nur der Keller blieb stehen.

Wir bekamen Hamburger Ausgebombte zugewiesen. Ein älteres Ehepaar wohnte bei uns, blieb aber nicht lange. Sie hatten Angst vor unseren Flakbatterien, son Geballer hatten sie in Hamburg nie gehört.

Dann wurden die Angriffe von nachts auf den Tag verlegt. Die Bomber kamen in Pulks von ca. 15-20 Stück. Sie flogen von Norden auf Hamburg zu, genau so wie heute die Flugzeuge die Einflugschneise zum Hamburger Flughafen benutzen. Das heißt, sie flogen direkt an uns vorbei. Wir sahen aus dem Schlafzimmerfenster meiner Eltern und konnten sehen, welcher Stadtteil heute an der Reihe war. Auch konnten wir die Bombenteppiche fallen sehen. Wir sagten dann vielleicht: Heute ist vielleicht Eppendorf dran. Wir müssen nachher Tante Alma anrufen.

Die beiden Flakbatterien, Horchgerät und Scheinwerfer waren inzwischen abgezogen worden, da die Granaten die Flugzeuge nicht mehr erreichen konnten. Wir waren inzwischen so abgestumpft, dass wir den Keller nicht mehr aufsuchten, sondern in der Küche saßen und gemeinsam zu Mittag aßen.

Was ich vergessen habe, ist den sogenannten Scheinflughafen zu erwähnen. Es war ein Gelände an Pauls Ort, ein Feldweg in der Garstedter Feldmark, hatte eine Baracke für die Soldaten und auf den Wiesen standen Holzflugzeuge, die sollten den Hamburger Flughafen darstellen. Es wurde dort bei Alarm Feuer angezündet um einen Brand vorzutäuschen. Ich kann mir vorstellen, dass die Besatzungen der Flugzeuge sich köstlich darüber amüsiert haben. Übrigens ist nie eine Bombe dort runter gekommen.

Ich habe dies alles nicht gerne aufgeschrieben, so habe ich es aber erlebt, so war es damals, das ist die Wahrheit- nicht mehr und nicht weniger.