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Jungmädchen 10 - 14 Jahre
BDM Bund Deutscher Mädel 14 - 18 Jahre
Glaube und Schönheit ab 18 Jahre

In der Nazi-Zeit wurden diese drei Abteilungen eingerichtet, um die Kinder steuern zu können, so heißt es heute; aber wir fanden es nicht schlimm, wir wussten nichts von solchen Machenschaften. Wir wurden mit 10 Jahren Jungmädchen. Wir hatten eine Uniform zu tragen, bestehend aus einer weißen Bluse mit kurzen Ärmeln, mit einem dreieckigen schwarzen Tuch, das aufgerollt unter dem Kragen getragen wurde, die Spitze musste hinten unter dem Kragen herausgucken und einen braunen, geflochtenen Knoten, der das Tuch vorn zusammen hielt. An der Bluse waren Knöpfe, an die der schwarze Rock angeknöpft wurde. Darüber trugen wir eine braune Kletterweste, die hatte lange Ärmel und viele Taschen und Knöpfe. Dazu gab es weiße Kniestrümpfe und ab dem 20. April, also Führers Geburtstag, weiße, kurze Socken.

Wir mussten uns mehrfach im Monat treffen zum Dienst, um die sogenannten Pflichtlieder zu lernen und um die Geschichte der Nazis erzählt zu bekommen. Es waren nicht immer neue Nazi-Lieder, sondern auch viele Volkslieder aus alten Zeiten. Außerdem machten wir Geländespiele und vor allem Sport, besonders Leichtathletik wie Laufen, Weitsprung und Schlagballweitwurf. Und das alles soll keinen Spaß gemacht haben, das soll alles unter Druck passiert sein? Möglich — aber wir haben das nicht bemerkt. Wir hielten uns an die Zeiten und wer immer zum Treffen oder Dienst erschien, der konnte sich freuen unter Gleichaltrigen zu sein und hatte auch Spaß daran.

Wir lernten die Nazi-Lieder und auch die Volkslieder, die wir beim Marschieren sangen. Über den Inhalt der Texte machten wir uns keine Gedanken, wir sangen sie einfachAnmerkung der Redaktion:
Die Melodien sind sehr eingängig, mir kamen sie wie Ohrwürmer vor, doch dieses Wort hatte damals noch nicht die heutige Bedeutung.G.M.
. Zum Beispiel diese beiden Lieder aus dem Liederbuch Wir Mädel singen, das sich noch in meinem Besitz befindet.

Auf hebt unsre Fahnen in den frischen Morgenwind,
lasst sie weh’n und mahnen, die die müßig sind.
Wo Mauern fallen, bau’n sich andre vor uns auf,
doch sie weichen alle unsrem Siegeslauf.

Solln Maschinen wieder schaffend ihre Räder drehn,
sollen deutsche Brüder bessre Zeiten sehn,
Muss unser Streben danach unermüdlich sein,
muss ein neues Leben sie für uns befrein.

Wir sind heut und morgen, alles was die Zeit erschafft,
ist in uns verborgen, bildet unsre Kraft.
Stürmen und Bauen, Kampf und Arbeit unentwegt,
wird in uns zum Pfeiler, der die Zukunft trägt. —

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Vorwärts! Vorwärts! schmettern die hellen Fanfaren.
Vorwärts! Vorwärts! Jugend kennt keine Gefahren.
Deutschland, du wirst leuchtend steh’n,
mögen wir auch unter gehn.

Vorwärts! Vorwärts! schmettern die hellen Fanfaren
Vorwärts! Vorwärts Jugend kennt keine Gefahren.
Ist das Ziel auch noch so hoch,
Jugend zwingt es doch.
Unsre Fahne flattert uns voran,
in die Zukunft ziehn wir Mann für Mann.
Wir marschieren für Hitler durch Nacht und durch Not
mit der Fahne der Jugend für Freiheit und Brot.
Unsre Fahne flattert uns voran,
unsre Fahne ist die neue Zeit,
und die Fahne führt uns in die Ewigkeit,
denn die Fahne ist mehr als der Tod.

Jugend! Jugend! wir sind der Zukunft Soldaten.
Jugend! Jugend! Träger der kommenden Taten.
Ja, durch unsere Fäuste fällt,
wer sich uns entgegen stellt.
Jugend! Jugend! wir sind der Zukunft Soldaten
Jugend! Jugend! Träger der kommenden Taten.
Führer, wir gehören dir,
wir Kameraden dir.

Unsre Fahne flattert uns voran
in die Zukunft ziehn wir Mann für Mann.
Wir marschieren für Hitler durch Nacht und durch Not
mit der Fahne der Jugend für Freiheit und Brot.
Unsre Fahne flattert uns voran
unsre Fahne ist die neue Zeit
Und die Fahne führt uns in die Ewigkeit,
denn die Fahne ist mehr als der Tod.

Wenn ich heute diese Texte lese, ich habe sie teilweise noch im Kopf, dann läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken. Wie konnten wir so etwas singen? Ganz einfach — wir hatten den Text überhaupt nicht begriffen.

Spaß machten uns auch die Spiele. Einmal wurden wir in zwei Gruppen aufgeteilt. Das Ziel waren die Witwentannen, dort sollten wir uns verstecken. Die erste Gruppe machte Zeichen und auf einem Stück Papier einen Hinweis, wo wir zu finden sind, oder auch mal einen Pfeil in die richtige Richtung. Heidi und ich hatten uns die Uniformen von zwei Hitlerjungen geliehen und sie angezogen — wir gehörten zur ersten Gruppe — und konnten uns so auf der Straße in gebührendem Abstand sehen lassen. Die andere Gruppe begriff nicht, dass sie uns fast gefunden hatten, riefen aber: Haut ab, ihr blöden Jungs! Auf die Idee, dass wir verkleidet waren, kamen sie gar nicht. Sie machten sich auf den Heimweg und wir lachend hinterher. Und das soll keinen Spaß gemacht haben? Wir hatten unseren Spaß.

Sport, also Leichtathletik machte auch viel Spaß. Gut; es gab Mädchen, die nicht werfen konnten oder weit springen, denen hat es sicherlich nicht so viel Spaß gemacht. Aber es ging auf die Jugendspiele zu, da gab es dann Punkte und für gute Leistungen mit vielen Punkten gab es ein Leistungsabzeichen jedes Jahr wieder. Ich war nie die Beste, aber ich habe immer ein Abzeichen bekommen. Und das soll keinen Spaß gemacht haben? Mir immer.

Es gab aber Eltern, die es nicht gern sahen, dass ihre Kinder daran teilnahmen. Dort wurde nachgefragt und befohlenDie Befehlsgewalt hatte der ötliche Jungvolkführer, entweder der Jungzugführer oder der höherrangige Fähnleinführer. Auf welch ruppige Weise das Nachfragen geschah, habe ich in meiner Geschichte Wie ich das Deutsche Jungvolk erlebte wie folgt geschildert: Die Zugehörigkeit zum Jungvolk war — wie gesagt — seinerzeit zwingend. Sich davor zu drücken, ging nicht. Ein Gleichaltriger in unserer Straße, Manfred. K., d.h. seine Eltern, haben es versucht. Als er die Einberufung ignorierte und unentschuldigt fehlte, holten ihn zwei unübersehbar stämmige Hitlerjungen in voller Uniform mit allen Orden und Ehrenzeichen aus der Wohnung ab und führten ihn wie einen Verbrecher zum Dienstort. Das machte einen tiefen Eindruck auf alle, die es sahen oder davon hörten.Günter Matiba, die Kinder zum Dienst zu schicken. Aber das habe ich nicht erlebt.

Mein Vater war Lehrer und er konnte es sich nicht leisten, uns vom Dienst abzuhalten. Das hätte für ihn gefährlich werden können.
Meine ältere Schwester hatte in der Kinderpflegerinnen-Schule, als über die Juden gesprochen wurde, gesagt: Aber das sind doch auch Menschen. Daraufhin wurde mein Vater vor ein Gremium zitiert und musste Rede und Antwort stehen. Ihm drohte das KZ! — Wie er sich da herausgeredet hat, weiß ich nicht. Dies hat mir meine Schwester lange nach Kriegsende einmal erzählt. Mein Vater hat nie darüber gesprochen.

Die Kriegsjahre gingen dahin mit all ihren Schrecken. Der Krieg neigte sich dem Ende zu und war nicht mehr zu gewinnen. Trotzdem — am 20. April 1945 wurden die 14jährigen Mädchen in einem feierlichen Akt an den BDM weitergegeben und auf den Führer vereidigt, oder verpflichtet und das 14 Tage vor Kriegsende. Ich war dabei und habe diesen Eid geschworen!

Heute verstehe ich diese ganze Geschichte als Farce — wer hat damals diese Feier angeleiert? — sicherlich kam der Befehl von oben! Unglaublich! Aber das war damals so.