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Tante Meier

Für jeden Plattdeutschen ist Tante Meier die Stätte, die für die Hochdeutschen der Ort ist, wo der Kaiser zu Fuß hingeht. Ich glaube, nun wissen alle wovon ich erzählen möchte.

Auf einer Reise in den Ostharz waren wir in Quedlinburg und hatten alle ein Zimmer mit Bad und WC, wie das immer so heißt. Auf unseren Touren durch den Harz bis nach Naumburg hatten wir viel zu besichtigen — aber eine Tante Meier war ein rarer Artikel. Einmal haben wir in einem historischen Gasthaus mitten in der Stadt mit 50 Personen zu Mittag gegessen. Dort fanden wir tatsächlich nur ein WC für Männer und Frauen. Das kann man fast nicht glauben, aber es war so. Gut — es gab in der ehemaligen DDR vieles nicht, das wissen wir ja, aber ein WC für so ein Lokal, das scheint mir, ist für die DDR selbst ein bisschen zu wenig.

In Polen war es nicht ganz so schlimm für uns. Wenn wir auf Tour waren, fand sich leicht ein kleiner Wald, wo sich Männer und Frauen nach links oder rechts in die Büsche schlagen konnten. Auch bei Besichtigungen hatten wir meist eine Gelegenheit ein WC zu benutzen, wenn das auch meist nicht auf dem letzten Stand und auch nicht immer ganz sauber war, aber es ging alles gut.

Unsere dritte Reise im selben Jahr ging in die USA. Wir waren noch nie in den Staaten gewesen, es war für uns also absolutes Neuland. Unsere Tochter hatte uns erzählt. dass das WC dort Restroom heißt. Wenn man das übersetzt, ist es ein ganz plausibles Wort. Dort wird der Rest abgeliefert, so einfach ist das.

Erst waren wir zwei Tage in San Francisco, und die Frage nach einem Restroom stellte sich nicht, weil immer welche vorhanden waren. Dann ging es per Auto an der Küste entlang nach Monterey. Von dort fuhren wir nach Osten und nach Süden durch die Wüste nach Phönix in Arizona. Das war so ungefähr eine Strecke von 2000 Kilometer. Auf jeder Tankstelle, auf jedem Rastplatz oder Picknickplatz findet man einen Restroom. Den guten Geist, der diese sauber macht, haben wir nicht gesehen. Da waren saubere Waschbecken, Papierhandtücher, Seife, blanke Spiegel — alles picobello sauber, als wenn gerade sauber gemacht worden ist. Das hat mich so begeistert und deshalb schreibe ich diese Geschichte, das musste ich einfach mal erzählen.

Als wir dann in Chandler bei Phönix, wo unsere Freunde zu Hause sind, die diese Reise mit uns machten, mit zum Einkaufen gingen in einen gewöhnlichen Supermarkt, da fanden wir auch solchen Restroom. In jedem größeren Laden, in jedem Restaurant ist das so — du musst nicht fragen, ob du ihn benutzen darfst. Auch wenn du nichts kaufst oder dort nichts isst, den Restroom darf jeder überall benutzen.

Ich wollte, das wäre in Deutschland auch so. Wenn du hier in Not bist und danach fragst, schlägt man dir das hoffentlich nicht ab — aber fragt man denn gern danach? Neulich war ich mal in einer solchen Situation, und da wurde mir ein Schlüssel ausgehändigt, sonst könnten ja Leute von der Straße das WC benutzen! —

Was mögen den Amis wohl für Gedanken durch den Kopf gehen, wenn sie bei uns zu Besuch sind. Und wenn sie dann noch weiter nach Osten reisen und sollen dort hinter einen Busch! — Da wo wir in den USA auf den Landstraßen oder Highways unterwegs waren, gab es links und rechts nur Wüste mit vielen hohen Kakteen, aber keine Büsche! — Da kommt niemand auf die Idee — es gibt überall Restrooms für jedermann.

Ich glaube, meine Leser grinsen sich eins, wenn sie gelesen haben, was ich zu Papier gebracht habe. Wer schreibt denn auch über Tante Meier. Ich habe es getan, weil das auch mal gesagt werden muss.