© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Schwarzbrot

Nach dem Kriege war alles knapp. Egal wovon du sprachst, was du haben wolltest, es gab einfach nichts. Alles wurde zugeteilt: Zeug, Schuhe, etwas zum Essen — es gab einfach nichts ohne Marken. Und was man für die Marken bekam, das reichte nicht zum Überleben. Auf dem Schwarzen Markt konnte man zwar etwas bekommen, aber wer konnte sich das denn leisten?

Unser Bäcker bekam sein Mehl zum Backen geliefert, auch ihm wurde die Menge zugeteilt. Davon backte er sein Brot für den Laden. Nun wurde aber das Roggenmehl knapp und er bekam Maismehl dazu. Er musste die beiden Mehle mischen und daraus Brote backen. Aber das schmeckte uns nicht und meine Mutter sagte: Hühnerfutter mag ich nicht, ich backe mein Brot jetzt selbst.

Sie kaufte für unsere Brotmarken Roggenmehl. Da wir seit Jahren auf den abgeernteten Feldern Ähren gesammelt hatten, mit denen wir unsere Gänse fütterten, wurden die Körner nun ausgepult und durch unsere Kaffeemühle gedreht zu einem groben Mehl. Das mischten wir unter das Gekaufte. Von Hermann Bäcker  holten wir uns Sauerteig und fragten gleich, ob er unsere Brote in seinem Backofen backen würde. Klar, das mache ich.

Nach welchem Rezept meine Mutter den Teig anrührte, das weiß ich nicht. Der ganze Kram wurde in einer Waschbalje (Zinkwanne) vermengt und musste tüchtig durchgeknetet werden. Das war eine schwere Arbeit und wir haben alle mitgeholfen.

Über Nacht wurde der Teig abgedeckt und am anderen Morgen in der Waschbalje auf der Schubkarre zum Bäcker gebracht. Hermann Bäcker besah sich den Teig und ließ ihn in einer Maschine nochmal durchkneten. Danach formte er von Hand große Brote daraus und schob sie in den Backofen. Jedes Mal hatten wir so fünf bis sechs große Schwarzbrote . Und das schmeckte und duftete so großartig, dass Hermann Bäcker fragte, ob er nicht ein Stück abhaben könnte. Er war selig und sagte: Das ist mal ein richtiges Schwarzbrot. In dieser Zeit habe ich kein Pausenbrot mit in die Schule genommen, ich mochte meinen Klassenkameradinnen dieses schöne Brot nicht zeigen.

Bis zur Währungsreform haben wir unser Brot selbst gebacken. Das war viel Arbeit, aber es hat sich gelohnt und Hermann Bäcker bin ich heute noch dankbar für seine Hilfe.