© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Fahrräder — gestern und heute

Wir sollten mehr mit dem Rad fahren und das Auto stehen lassen. Wir sollten uns mehr bewegen, um nicht einzurosten. Radfahren macht Spaß und hält jung. Wenn du deine schlanke Linie wieder haben willst, musst du tüchtig in die Pedale treten und eine Menge Kilometer hinter dich bringen — sonst nützt das nichts. Radfahren ist gut für das Herz. Der Wind macht die Lungen frei. Radfahren hilft die Beinmuskeln zu aktivieren und damit deine Venen. Radfahren ist gesund — aber hinfallen, das darfst du nicht, da könntest du dir deine Knochen brechen.

Du musst die Verkehrsregeln kennen. Es ist am besten, wenn du von deinem Drahtesel absteigst, wenn du über eine Hauptstraße mit viel Autoverkehr willst — noch  besser, du gehst bei der Ampel auf die andere Seite.

Du musst wissen, dass du nicht mit zwei Mann nebeneinander fahren darfst, nur wenn man in einer Kolonne unterwegs ist. Wichtig ist, dass die Bremsen und das Licht funktionieren. Durch eine Einbahnstraße in falscher Richtung zu fahren, kann gefährlich sein, lass’ es lieber.

Ich war gerade fünf Jahre alt, als ich auf einem Rad für Jungen, also mit Stange, das Fahren lernte. Zum Aufsteigen brauchte ich einen Stein, der bei uns an der Auffahrt lag, und zum Absteigen fuhr ich einfach in einen Knick oder gegen eine Wand, was ich gerade vorfand.

Von 1942 bis 1955 bin ich jeden Tag mit dem Rad zum Ochsenzoller Bahnhof gefahren und dann weiter mit der Hochbahn zur Schule und später zum Dienst beim Postscheckamt Hamburg. Mein Fahrrad brachte ich zu Ahrens gegenüber vom Bahnhof. Dort gab es eine Stelle, wo man sein Fahrrad abgeben konnte für ganz wenig Geld. In großen Schuppen und auf dem Hof standen immer ein paar hundert Räder. Jedes hatte seinen Platz. Der alte Kudenholt, Pächter dieses Standes, und seine Hilfsleute wussten genau, wo dein Rad stehen musste, drinnen oder draußen.

Das nasse Regenzeug konnte ich als alter Kunde in der Bude zum Trocknen abgeben. Diese Bude hatte einen Kanonenofen, der in der kalten Zeit ganz wichtig war. Hier konntest du deine klammen Hände wieder aufwärmen. Doch lange hielt ich es in der Bude nicht aus — es stank da nach nassen Klamotten, dass du glaubtest, gleich bleibt dir die Luft weg.

Einer der Hilfsleute war Erwin, seinen Nachnamen habe ich vergessen. Er blieb manchmal über Nacht da, das hieß, bis zum letzten Zug musste er wach bleiben. Am anderen Morgen holten ihn die ersten Kunden aus dem Bett, wenn man die alte Liege in der Bude überhaupt Bett nennen konnte. Ich habe nie begriffen, dass er in der dicken Luft der Bude — um nicht zu sagen Mief — schlafen konnte. Eine Lüftung gab es nicht. Das einzige kleine Fenster war nicht zu öffnen. Aber es kam ja genug Luft durch die Ritzen oder man machte die Tür auf.

Erwin war für mich ein ganz wichtiger Mann, er putzte mein Fahrrad, wenn ich mal spät aus der Stadt kam. Für 3,50 DM hat er das Rad geputzt — aber wie!!! Nicht nur mal eben übergewischt, nein, er putzte es gründlich. Heute weiß ich nicht, was es kostet und ob es überhaupt jemanden gibt, der dir deinen Drahtesel auf Vordermann bringt.

All das ist Vergangenheit — schon lange her, aber doch wahr. Eigentlich hätte es beim Parkhaus am Herold Center so einen Stand geben müssen, wo man sein Rad abgeben könnte. Das wäre doch gar nicht falsch — oder? Mich haben die kreuz und quer stehenden Räder dort immer gestört, das sah grässlich aus. Inzwischen hat man dort Fahrradständer aufgestellt, die sogar überdacht sind. Aber Leute, die auf die Räder aufpassen und von der ersten bis zur letzten Hochbahn vor Ort sind, die gibt es nicht mehr. Heute musst du dein Fahrrad selbst anschließen mit einem starken Schloss. Ich würde mein Fahrrad heute nicht dort den ganzen Tag abstellen — in dieser Zeit bestimmt nicht, tut mir Leid, ich hätte Angst — da stehen abends zwei!?! Deshalb fahre ich weniger mit dem Rad, nehme lieber einen Bus oder hole unser Auto aus der Garage.