© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Krumme Hunde

Es ist bereits 30 Jahre her, als unsere Tochter ihr erstes Auto bekam. Nun sollte das auch in einer Garage stehen. In unserem Garten hatten wir Platz genug. Unser Architekt machte eine Zeichnung. Vom Stein her sollte sie auch zu unserem Haus, Baujahr 1929, passen und das war ein Problem. Die Maße unserer Steine stimmten nicht mit den Maßen der damals gebrannten Steine überein. Steine wie unsere gab es noch vereinzelt und sie waren teuer, weil sie noch von Hand hergestellt wurden. Außerdem brauchten wir nur zweitausend Steine, und die füllten keinen Lastwagen.

Man gab mir den Rat, auf die andere Seite der Elbe zu fahren und mir eine Ziegelei zu suchen, die mir helfen konnte. Vielleicht hat man auch gedacht, dass ich das nicht machen würde. Aber ich bin losgefahren und habe meine Mutter mitgenommen, damit ich nicht allein unterwegs war.

Wir fuhren durchs Alte Land und ließen uns Zeit, wir hatten es ja nicht eilig. Hinter Stade bekamen wir auf unsere Frage nach einer Ziegelei den Rat, bei Drochtersen über den Deich zu fahren, denn die Ziegelei läge im Vorland. Wir fanden den Weg und auch die Straße über den Deich. Ich fuhr mit einem Schwung hinauf und stieg sofort in die Bremsen. Denn oben machte die Straße einen Knick und es ging sofort wieder den Deich hinunter. Hat alles geklappt, es ist nichts passiert — aber erschrocken habe ich mich gewaltig.

Die Ziegelei konnten wir schon sehen und fuhren auf den großen Platz bis zum Eingang. Als ich ausstieg, kam mir ein Mann entgegen und fragte: Wat wullt du denn hier? Steen köpen. gab ich zur Antwort. Ich erklärte ihm dann mein Problem. Er ging zu einem Stapel Steine und zeigte sie mir. Die sind genau richtig in der Farbe und die Maße könnten auch passen, meinte ich. Er lachte und sagte: Weißt du, was das ist? ‒ Ausschussware, die man eigentlich nicht verkaufen kann. Sie heißen Krumme Hunnen, weil sie schwer zu vermauern sind. Aber sie passen, ich kaufe sie, gab ich zur Antwort. Wenn du sie im Büro in Drochtersen bezahlst, lass' dich nicht über den Tisch ziehen mit einem zu hohen Preis. Kannst gern sagen, dass ich dir das geraten habe. Da musste ich doch lachen.

Dann fragte ich ihn, ob ich mir die Ziegelei mal ansehen dürfte. Kloor! Ich holte meine Mutter aus dem Auto und dann ging die Besichtigung los. Die Brennöfen standen dicht an dicht in einem ovalen Kreis und wurden nacheinander benutzt. War ein Ofen mit vorgetrockneten Ziegelsteinen von Hand vollgepackt, wurde er zugemauert und das Feuer gezündet. In den nächsten Öfen wurde schon gebrannt, nach der Brennzeit wurde das Feuer gelöscht und die Öfen mussten abkühlen. Aus einem abgekühlten Ofen wurden die Steine herausgeholt und auf dem Platz gestapelt und immer alles von Hand — es gab keine Maschinen. Dann machte mir der Mann den Vorschlag, mit auf die Öfen zu steigen. Oben angekommen, öffnete er mit einem eisernen Haken die eisernen Deckel und ich konnte in die Öfen hineinschauen. Das Feuer in den Öfen war mir unheimlich, aber ich war glücklich, dass ich mir das ansehen durfte.

Als ich wieder unten war und bei meiner Mutter stand, da ging ein Neger — ja ein Schwarzer — der seine krausen langen Haare mit dem roten Steinstaub gefärbt hatte — mit einer Schubkarre an uns vorbei. Wir starrten ihn entsetzt an und dann fingen wir an zu lachen. Die ganze Belegschaft kam herbei und amüsierte sich mit uns über den Spaß. Der Schwarze hat mit uns gelacht und mit uns Plattdeutsch gesprochen. Das war ein Spaß am Vormittag — unvergesslich.

Dann haben wir uns auf den Rückweg gemacht. Im Büro habe ich die Steine bezahlt — nicht zu teuer — und wir sind wieder nach Garstedt zurück gefahren.

Die Steine wurden geliefert und nun sollten die Maurer ihre Arbeit tun. Als sie die Steine sahen, meinten sie, das sind Krumme Hunnen, die vermauern wir nicht. Der Chef antwortete: Wenn ihr nicht wollt, hole ich andere Maurer. Dann sind sie angefangen und es dauerte nicht lange, da machte es ihnen Spaß die krummen Hunde zu vermauern und freuten sich, wie gut die Mauer aussah.

Als die Garage fertig war, sind diese Maurer mit ihren Freunden oder Kollegen oftmals bei uns im Garten gewesen und haben ihnen gezeigt, wie schön krumme Hunde aussehen können.