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Omas Erbe
oder
Pakete aus USA

Im Januar 1946 verstarb meine Großmutter, Vaters Mutter, in HaderslebenHaderslev war seit seiner Gründung im Hochmittelalter Teil des Herzogtums Schleswig, gehörte nach dessen vollständiger Loslösung vom dänischen Gesamtstaat von 1867 bis 1920 zu Preußen und somit von 1871 bis 1920 zum Deutschen Reich. Noch heute lebt eine deutsche Minderheit (deutsche Nordschleswiger) in der Stadt. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs kam die Stadt zur I. Zone für die deutsch-dänische Volksabstimmung über die künftige staatliche Zugehörigkeit Schleswigs. Am 10. Februar 1920 stimmten rund 60 % der Einwohner für Dänemark, und da in Nordschleswig en bloc mit einem Ergebnis von insgesamt 75 % pro Dänemark abgestimmt wurde, gehört die Stadt seit dem 15. Juni 1920 zum Königreich Dänemark. Der nationale Konflikt war damit jedoch nicht bewältigt, und weite Teile der deutschen Minderheit fanden sich nicht mit der neuen Staatsgrenze ab. Kurz nach der Vereinigung mit Dänemark wurde die Stadt Bischofssitz. Als am 9. April 1940 deutsche Truppen Dänemark besetzten, kam es in Haderslev kurzzeitig zu Kampfhandlungen, bei denen einige dänische Soldaten ums Leben kamen. Die Grenze wurde jedoch nicht verschoben.Quelle: Wikipedia.org, Dänemark. Mein Vater versuchte, sein Erbe zu bekommen. Es gab aber ein Gesetz in Dänemark, dass kein Erbe an Deutsche ausgehändigt werden durfte. Alles fiel unter das Gesetz der Reparation.

Dabei stellte sich heraus, dass mein Vater 1919, als er schwer verwundet in einem Berliner Krankenhaus lag, nicht für Deutschland votiert bzw. überhaupt nicht votiert hatte. Das bedeutete damals, er wurde automatisch Däne.

Da er nie in Dänemark gelebt und in Garstedt eine Stellung als Lehrer angenommen hatte, wurde er deutscher Beamter. Wenn er als Däne auf sein Erbe bestehen würde, was bedeutete das für seine Stellung als Lehrer bzw. Beamter? Das wollte er nicht riskieren und verzichtete auf sein Erbe.

Die wunderschönen Rokokomöbel meiner Oma ‒ wo sind sie geblieben? Die Aussteuer meiner Schwester, die meine Oma sich vom Munde abgespart hatte, war weg. Das tat weh — aber war nicht zu ändern.

Mein Vater schickte an die Schwester seiner Mutter, die um 1895 in die USA ausgewandert war, die Todesnachricht. Als Antwort trafen bei uns Pakete ein. Care-Pakete waren der Renner. Die Pakete wurden von einer Firma je nach Größe und der Preishöhe gepackt und an die jeweiligen Empfänger abgeschickt. Wir sahen sie als Omas Erbe an.

Wir bekamen aber auch selbst gepackte Pakete und durften auch Wünsche äußern. Zum Beispiel baten wir um Schulhefte und Bleistifte, was unsere Verwandten nicht begreifen konnten. Aber hier gab es solche Dinge fast nicht zu kaufen, das war Mangelware. Die Hefte haben wir zum Teil zerschnitten, damit mein Vater in seinen drei Klassen mit je 60 Kindern auch mal ein Diktat schreiben lassen konnte. Der Witz dabei war, dass die Kinder mit dem schönen Papier schlecht zurechtkamen. Es war einfach zu glatt und die Bleistifte rutschten darauf aus. In unseren damals aus Holz gemachten Heften waren oft Holzsplitter und das Papier war ganz rau.

Unsere Verwandten — es waren viel mehr als wir wussten ‒ sprachen sich ab, wer was schickte. Da in Deutschland viele Pakete aufgebrochen und Teile des Inhalts gestohlen wurden, nähten unsere Verwandten die Pakete in einfachen weißen Baumwollstoff ein. Diese Pakete kamen alle ungeöffnet bei uns an.

Aus einem dieser Stoffe machte ich eine achtzig mal achtzig Zentimeter große Decke mit viel Hohlsaum. Als ich sie abschicken wollte, war Tante Ella, der sie zugedacht war, verstorben, so behielt ich die Decke.

1959 beschlossen wir, unser Haus so umzubauen, dass meine Eltern oben eine Wohnung und wir eine unten bekamen. Mitten in der Bauzeit kam eine Tochter von Tante Ella mit ihrer Familie unangemeldet zu Besuch. Das war eine große Überraschung und wir mussten unsere Englischkenntnisse hervorholen. Es klappte. Der Grund ihrer Reise zu uns war, sie wollten die Trümmer von Hamburg sehen. Aber es gab keine Ruinen mehr ‒ nur große leere Flächen. Diesem Besuch schenkte ich die Decke. So etwas hatten sie noch nie gesehen und konnten nicht glauben, dass ich sie gemacht hatte. Für mich war es ein kleines Dankeschön für die vielen Pakete in der Zeit von 1946 bis zur Währungsreform.