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Der verschwundene Leuchter

Unserem Haus gegenüber befand sich das Samuel-Levi-Stift. Es war ein Altenheim für Juden. Als Kinder gingen wir gern zu den alten Leuten.

Eines Tages, das ahnten wir aber nicht, gingen wir das letzte Mal durch den aus roten Backsteinen gemauerten Torbogen. Von dort gelangten wir in einen Garten mit bunten Blumenbeeten und Bänken auf den Wegen. Hier war es immer sehr still im Gegensatz zur der Vorderseite des Stifts, die zur Bundesstraße ging, auf der viele Autos und die Straßenbahnen der Linien 3 und 16 fuhren.

Für uns hatte dieser Garten etwas Geheimnisvolles und wir nannten ihn unseren Märchengarten. Die Bewohner, die sich auf den Bänken ausruhten, hingen ihren Gedanken nach oder unterhielten sich leise.

Auf einer Bank saß ein alter Mann in der Sonne, er trug einen langen Mantel, obwohl es in der Sonne schon recht warm war. Er sah traurig aus und wir fragten ihn, ob wir uns zu ihm setzen dürften. Er schaute uns an, lächelte und sagte:

Kommt setzt euch, ich werde euch eine Geschichte erzählen.

Wir setzten uns rechts und links neben ihn und schauten ihn erwartungsvoll an.

Ihr wisst doch, dass wir Juden sind und in eurem tausendjährigen Reich durch den gelben Judenstern für jedermann zu erkennen sind? Wir nickten und er fing an zu erzählen:

Wir sind ein ganz altes Volk, uns hat es lange vor euch gegeben. Unser Tempel, in dem wir zu Gott beteten, wurde erhellt durch einen siebenarmigen Leuchter, die Menora.

Eines Tages war der Leuchter verschwunden. Die Araber, die als Nomaden durch die Wüste zogen, besaßen ihn nun. Der Leuchter erhellte nun nachts ihr Zelt, denn ihre öllampen gaben nicht viel Licht und die sieben Kerzen wärmten den Raum, denn des Nachts war des bitterkalt in der Wüste. Als sie weiterziehen wollten, und ihre Zelte abbrachen, stellten sie fest, dass der Leuchter verschwunden war. In der Nacht zuvor war eine Karawane vorbei gekommen und sie waren überzeugt, diese habe den Leuchter gestohlen. Er war aber von einem ihrer Kinder vor das Zelt gestellt und von einem Sandsturm verschüttet worden. Hastig machten sie sich auf den Weg, um die Karawane einzuholen und den Leuchter zurückzufordern. Da sahen sie, dass es Juden waren und glaubten ihnen nicht, als sie sagten: Wir haben den Leuchter nicht gestohlen.

So sehr sie auch ihre Unschuld beteuerten, sie wurden mit Schimpf und Schande davon gejagt. Traurig und zu Unrecht beschuldigt, traten sie ihren Rückweg an. Es war bereits Abend geworden, als sie wieder zu der Stelle kamen, an der die Araber am Tag davor ihr Zelt abgebrochen hatten. Sie beschlossen, ihr Nachtlager hier aufzuschlagen und legten sich zur Ruhe. Mitten in der Nacht wurden sie durch ein Unwetter geweckt. Der Wind trieb den Sand über den Boden und legte den Leuchter wieder frei. Sie erkannten sofort die Menora, die einst aus ihrem Tempel verschwunden war. Sie waren sicher, das war ein Zeichen des Himmels, dass ausgerechnet sie den Leuchter wiederfanden. Sie brachten ihn zurück in den Tempel und dort steht er heute noch.

Der alte Mann sah uns mit seinen müden Augen an, er sprach mehr zu sich selbst, als er sagte: Auch heute noch glaubt alle Welt, die Juden hätten den Leuchter gestohlen und deshalb will man uns nirgends haben.

Er stand auf, ging mit schlurfenden Schritten auf das Haus zu und verschwand hinter der Eingangstür.

Still verließen wir den Garten.

Kurze Zeit später wurde das Tor zu unserem Märchengarten für immer verschlossen. Das Stift war menschenleer, alle Bewohner waren deportiert.

Die Autorin wohnte mit ihren Eltern auch während des Krieges in Hamburg am Grindel. Man nannte die Gegend damals auch Klein-Jerusalem, weil dort viele Juden lebten. Es gab in diesem Stadtviertel eine Synagoge und eine Talmudschule.