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Meine Konfirmation im Jahre 1931

Über Goldene Zeiten kann ich nicht berichten, wohl aber über gewesene Zeiten.

Im Frühjahr dieses Jahres, besonders im Monat Mai wurden vielerorts in unserem Lande Goldene Konfirmationen gefeiert. Meine Goldene ist schon lange vorbei. In diesem Jahr wäre es schon meine 74. gewesen. Also, im nächsten Jahr, falls ich dann noch lebe, kann ich meinen 75. Konfirmationstag feiern. Gibt es für dieses Fest eigentlich noch einen bestimmten Namen? Ich glaube nicht. Oder ?

Ich bin 1917 in Ostpreußen geboren und diese Geschichte begab sich ebendort. Ich erinnere mich noch sehr genau an diesen 29. März 1931. Kalte Heimat nannten uns damals die Leute aus dem Reich. Sie hatten damit schon Recht. An jenem Palmsonntag war herrlicher Sonnenschein. Und Schnee, Schnee! Am Vortag hatte es ganz ordentlich gestürmt. Mitunter gab es im Winter ja ziemlich hohe Schneewehen. Doch mit solchen Massen hatte mein Vater nicht gerechnet. Sonne, Frost und Schnee. Ein prächtiges Wetter, wie im Bilderbuch. Das Pferdegeschirr war blank geputzt. Die Soldaten der vorjährigen Einquartierung hatten meine Brüder belehrt, Leder bekomme man am billigsten und am besten mit Zeitungspapier sauber und blank. Also schmierten meine Brüder die Sielen mit Kolofonium ein und bearbeiteten sie hinterher mit Zeitungspapier. Das funktionierte wie bei den Soldatenstiefeln, die nämlich immer blank zu sein hatten. Na und die Silberschnallen am Geschirr glänzten prächtig in der Sonne. Pelzdecke und Bogenpeitsche, letztere nur für Sonntag und den Kutschwagen oder Schlitten gedacht, waren zur Hand. Und auf ging's zur Kirche.

Kurz vor dem Kirchdorf eine Schneewehe! Vorher ging alles glatt. O weh! Die Pferde kämpften. Waren bis zum Bauch im Schnee. Und wir hatten keine Schaufel dabei. Wie bitte? Wo bleibt der Räumungsdienst? Aber meine Herrschaften, mein Bericht ist über einen Tag des Jahres 1931! Da schickte man Arbeitslose auf die Straßen zum Räumen. Wer sollte die aber am Sonntag einteilen? Kennen Sie nicht den Schlager: Heut' gibt's nichts, heut' ist Sonntagsruh, traderallala… Das war damals nicht so wie heute. Und die Autos, wie die durch kamen? Wer hatte denn damals schon auf dem Lande ein Auto. Ich kann nicht einmal sagen, ob die Feuerwehr schon motorisiert war oder ihre Spritze per PS beförderte. Jedenfalls schafften die Pferde es, die Beine aus dem tiefen Schnee zu ziehen. Wir waren übrigens der erste Schlitten, der diese Schneewehe passiert!

Wir Kinder versammelten uns im Konfirmandensaal, der sich im Pfarrhaus, gegenüber der Kirche befand. Die Mädchen, wie es sich damals so gehörte, alle schwarz gekleidet. An Mode hat doch noch niemand gedacht, vielleicht beim Kleiderschnitt. Neues Gesangbuch mit Goldschnitt natürlich, obenauf ein Maiglöckchenstrauß. Die Jungens auch alle mit neuem Gesangbuch und ebenfalls in Schwarz bzw. tiefes Dunkelblau gekleidet. Am Revers natürlich auch ein Sträußchen, meistens Myrthe.

Unter Glockengeläut ging es einen ziemlich steilen Weg hinauf zur Kirche. Den Weg hatte der Küster schon geräumt. Einzug in die Kirche mit Orgelklang. Das elterliche Geschenk war nach einem ungeschriebenen Gesetz eine Uhr, neben dem Gesangbuch, versteht sich. Nach der Predigt gingen wir zu dritt zum Altar und sagten dort unseren Konfirmationsspruch auf. Das war mal ein Liedvers oder aber ein Bibelvers. Nach dem Gottesdienst ging es ab nach Hause. Ich kann mich nicht erinnern, dass man in ein Lokal gegangen wäre, um dort mit den Gästen zu essen. Das Essen zuzubereiten, war damals der Stolz der Gastgeberin! Diese Feiern wurden immer mit Verwandten, Nachbarn und guten Freunden im Hause gemacht. Mutter machte die Arbeit in der Küche und Vater sorgte für den Rest der Bewirtung.

Tja, so war das in meiner Jugendzeit. Lang, lang ist's her!