© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2017
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Diese Seite anzeigen im

Deutschland, Deine Länder, Deine Dialekte.

Ich bin in Ostpreußen geboren, nahe der litauischen Grenze. Damals war das Gebiet deutsch. Ich lebte dort bis zur Flucht 1944. Lang, lang ists her! Was die Sprache angeht, kannte ich übrigens auch den sächsischen und den bayrischen Dialekt, weil wir Landhelfer aus diesen Gegenden hatten, aber sprechen konnte ich nur Hochdeutsch und natürlich unser ostpreußisches Plattdütsch. Hat doch vollkommen ausgereicht!

Wie ich schon sagte, im Spätsommer 1944 mussten wir die Heimat verlassen. Ironischerweise nannte man die Fahrt ins Ungewisse Heim ins Reich. Nach einer langen, traurigen und strapaziösen Flucht kamen wir erst einmal bis Hinterpommern, wo wir dann zunächst unter den Russen und später den Polen verweilen mussten. Dann ging es über Stargard und Stettin, wo wir die Oder überquerten, nach Vorpommern. In dem kleinen Städtchen Demmin wurden wir im Pferdestall der dortigen Kaserne eingewiesen. Die Kaserne selbst war vom russischen Militär belegt. Das war uns natürlich schnuppe. Hauptsache war, dass wir mit der gesamten Familie heil und einigermaßen gesund in Deutschland waren. Aber was wir hier als Flüchtlinge erlebten sollten, ahnten wir zu dieser Zeit noch nicht.

Als Flüchtlinge wurden wir von den meisten Einheimischen geschnitten. Wir waren nicht nur ungern gesehen, man behandelte uns auch wie das Letzte. Meine Angehörigen und ich hatten allerdings großes Glück, denn wir kamen zu einem mitfühlenden Menschen, der uns gleich am ersten Tage sagte, er hätte uns zwar nicht viel zu bieten. Aber Ihr dürft so viel Kartoffeln aus meinem Keller holen, wie Ihr zu Eurem persönlichen Bedarf braucht. Das war für uns ein unsagbarer Reichtum, denn wir waren ja im wahrsten Sinne des Wortes pudelarm! Viele hatten solch Glück leider nicht!

Zurück zur Sprache. Schon am ersten Tag wurden wir mit dem vorpommerschen Niederdeutsch konfrontiert. Der Sohn unseres freundlichen Quartiergebers kam ins Zimmer und sagte zu seinem Vater: Da Lang hätt unsen Gann inspunnt! Mein Dolmetschersinn erwachte! Lang könnte ein Name sein und Gann könnte eine Gans sein! Und inspunnt ist ja klar, heißt sicher eingesperrt! Vater Schnell fragte zurück: Un wo is de Gaus? Oha,Gann? Gaus? Ida, Du musst da was richtig stellen! Gann muss wohl der Ganter sein?

Irgendwann später, wir hatten draußen unsere Wäsche aufgehängt, kam unser freundliche Gastgeber und sagte zu meiner Schwester: Würden Sie wohl Ihre Wäsche umhängen. Ich bekomme bald eine Fuhre Schleeten. Da brauche ich den Platz!

Meine Schwester kommt ins Haus und fragt mich: Weißt Du, was Schleeten sind? Keine Ahnung, sage ich. Wir hängen die Wäsche um und warten, was da wohl kommt…. Und dann kam eine Fuhre mit frisch geschlagenem Stangenholz, also jungen Bäumen. Waren wohl als Zaunpfähle für die Weidegarten gedacht!

Dann bekamen wir ein Stück Gemüseacker. Wir wurden immer wohlhabender! Wir hegten und pflegten und gossen die Saat, die prächtig aufging und auch gut gedieh. Eines Tages sagte unser Boss zu meiner Schwester: Ihre Bollen stehen aber gut! Sie stand da wie ein Ochs vorm neuen Tor: was sind denn nun wohl wieder Bollen? Hinterher Kriegsrat in der Familie. Zufällig wusste ich aber Bescheid, das waren doch Zwiebeln!

Eines Tages konnte ich mehrere Kinder beobachten. Plötzlich rief eines: Täuf man, täuf! Dit wöll ick dien Mamming vertellen! Du häst dien Schlaven uttreckt! Meine Übersetzung hatte dann doch schon ganz schön geklappt: Wart man, wart, das werde ich deiner Mama erzählen, du hast deine Holzpantinen ausgezogen!

Und so ging es dann laufend weiter, bald gab es keine plattdeutschen Missverständnisse mehr. Aber richtig sprechen konnte ich das pommersche Plattdütsch nie. Der Ostpreuße hackt dann doch immer wieder dazwischen! Und so geht es mir auch heute noch mit dem norddeutschen Plattdütsch! Ich versteh so gut wie alles, aber einwandfrei sprechen, das geht nicht!

Ju häbbt wohl nix hätt!

Mein Vater starb 1947. Mutter und ich kauften später - etwa um 1950 - im Randgebiet von Berlin ein kleines Haus mit um die 900 qm Gartenland. Klein aber mein! Jetzt konnte kein Pommeraner mehr sagen: Ju häbbt wohl nix hätt!Sonst wär ju wohl nich hier her komme. Man lässt sein Hab und Gut doch nicht im Stich! Muss man sicher nicht übersetzen. Was ich darauf gesagt habe? Nichts. Die Tränen traten mir ungewollt in die Augen. Ich drehte mich um und ging stillschweigend davon.

Woher ich das Geld für das Grundstück hatte, obwohl wir doch in Deutschland 1948 eine Geldentwertung hatten, möchten Sie wissen? Kann ich Ihnen erzählen.

Meine ältere Schwester ist 1925 von Ostpreußen nach USA ausgewandert. Ab April 1947 gestatten die Alliierten den Deutschen den Briefverkehr von hüben nach drüben. Die Adresse meiner Schwester war uns aber auf der Flucht verloren gegangen. Doch von 1945 bis 1947 hatte ich viel Zeit zum Nachdenken und siehe da, eines Morgens fiel sie mir tatsächlich wieder ein. Ich bin am 1. April 1947 etwa 7 km mit meinem Brief nach Demmin zur Post gegangen und natürlich auch wieder zurück. Einkaufen? Was denn, Demmins Innenstadt war fast total zerstört. Die paar Häuser in der Stadtmitte, die noch standen, hatten nicht viele Geschäfte aufzuweisen und was da verkauft wurde, ging meist unter dem Ladentisch weg. Aber, als wir dann Pakete aus USA bekamen, au, was hab ich da getauscht und geschachert! Wär das noch weiter so gegangen, wäre ich auf diesem Gebiet Weltmeisterin geworden oder wegen Schwarzhandelns im Knast gelandet! Hunger tut weh, was blieb mir übrig?

Erst hatten wir mit meiner Schwester und deren Familie in einem Zimmer gewohnt, sieben Personen! Später bekam jeder eine kleine Wohnung. Ich hatte für meine Eltern zu sorgen. Durch Tausch und harte Arbeit hatte ich sogar sieben Gänseküken beschaffen können. Dann hieß es mit einem Male: De Flüchtling, de hebben allens!

Aber zurück nach Berlin. Hier sprach man von Westberlin, vom Bahnhof Zoo und vom Schwarzmarkt. Was ist denn das nun schon wieder? Fragen? Lieber nicht! Also, auf nach Berlin! Einfach mal erkunden.

Da stand ich nun eines Tages auf einem wirklich überfüllten S-Bahnhof. Was machen denn die vielen Leute nur hier? Aufmerksam beobachte ich meine Mitmenschen. Da entdecke ich einen kleinen Mann, der hastig durch die Menge läuft und immer wieder was vor sich hermurmelt. Ich versuche, näher an ihn ranzukommen. Da höre ich: Kaufe Silber und Gold. Kaufe Silber und Gold! Ach soooo, das ist also Schwarzmarkt! Plötzlich ein Ruf: Die Bullen!!! Was, die Bullen? Hier auf dem S-Bahnsteig? Wie sollen die denn hier herkommen? Vielleicht mit der Rolltreppe? Ich muss lachen. Aber was sollen Bullen hier? Schwupp, ist der Bahnsteig fast leer. Nur mit wenigen Leutchen stehe ich da. Ich warte. Wie sollen hier nur Bullen heraufkommen? Rätselhaft ist mir das. Hätt ich weitergewartet, stünde ich heute noch dort. Viel später habe ich dann erfahren, dass damit die Polizei gemeint war. Bei uns zu Hause gab es nur den Schandarm (Gendarm). Ja, ja, die deutsche Sprache!

Wenn ich da an das heutige Neudeutsch denke wird mir angst und bange. Ich habe vor 80 Jahren in der Schule gelernt, die Sprache sei das höchste Kulturgut eines jeden Volkes. Armes Deutschland kann ich da nur noch sagen!

Im Zollamt

Eine kleine Geschichte muss ich rasch noch erzählen, obwohl sie weniger mit einem Dialekt zu tun hat, aber sie passt hier her!

Unsere USA-Pakete musste ich von einem Zollamt in Berlin abholen. Ich meine, das war in der Ohmstr. Im Osten natürlich. Nach den geltenden Bestimmungen durften z.B. nicht mehr als 500 g Kaffee in einem Paket sein. War mehr drin, wurde der ganze Kaffee herausgenommen. Einfach beschlagnahmt. Alkohol war natürlich gänzlich verboten. Mir hat man zweimal den Kaffee - sagen wir mal: geklaut, denn meine Schwester kannte inzwischen ja auch die Bestimmungen! Sie hatte bestimmt nicht mehr als 500 g geschickt! Das tat weh.

Eines Tages war ich wieder auf dem besagten Zollamt, um mein Paket in Empfang zu nehmen. Ich hatte die Nummer 70 gezogen, obwohl ich beizeiten dort war. Der Flur war voll von Wartenden. Plötzlich wird die Tür des Kontrollraumes geöffnet, eine jüngere Frau kommt heraus, unter dem Arm einen großen flachen Karton fest geklemmt. Der biegt sich halb durch und es kleckert etwas aus ihm heraus. Die Frau bemerkt das nicht, sie tanzt und singt sogar frohgemut: Einmal am Rhein…. Was ist denn da passiert? Ein Mann, der kurz danach auch aus dem Kontrollraum kommt, erzählt uns die ganze Geschichte. Man schiebt seine Wartenummer über den Tresen und wenn nun das Paket auf dem Abfertigungstisch liegt, wird man vom Zöllner gefragt: Wollen Sie das Paket annehmen? Wer sagt denn da Nein! Die Frau muss gewusst haben, dass da Alkohol drin war und dass man ihr den fortnehmen würde. Der Zöllner ahnt ja nichts, gibt ihr eine Schere, damit sie das Paket aufmachen kann. Eins-zwei war sie damit fertig, schnappte sich die erste Flasche, die ruck-zuck entkorkt war - und schluck-schluck, ran an das Gesöff und durch die Kehle damit! Ahnungslos dreht sich der Zöllner um und ruft entsetzt: Wat machen Sie denn da, det dürfen Sie nich…! Die Frau setzte ab und fragte ihn trocken: Willste ooch wat? Angebrochen konnte er ja die Flasche nicht mehr beschlagnahmen. War ja wohl auch nicht mehr viel drin. Wir haben sie noch unten an der Eingangstür singen hören! Mein Nachbar schüttelte den Kopf und sagte in schönster Berliner Mundart: Fümwunsiebzich Jahre bin ick alt jeworden, aber det man aus een Zollamt betrunken rauskomm’ kann, det ha’ ick ooch noch nich jewusst!

Man sagt ja, Berlinern sei kein Dialekt, nur eine Mundart. Aber so treffend und witzig spricht man eben nur dort und deshalb war auch diese Geschichte wert, hier erzählt zu werden!

Deutschland, Deine Länder, Deine Dialekte!