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Johanni 1944

Wenn ich im Garten arbeite, haben meine Gedanken Ausgang. Wie das vor sich geht? Sie brauchen nicht zu grübeln, nicht mal nachzudenken! Sie gehen einfach spazieren und bleiben hier und dort hängen. Weit liegt der Weg zurück ins Heimatland - so weit, so weit! Oftmals singen sie es sogar, ohne dass es mir bewusst wird!

Dieses Mal sind sie bei Johanni 1944.

Wann Johanni ist? Ich bitt Sie, das ist ja fast eine Bildungslücke! Das ist doch der längste Tag und die kürzeste Nacht des Jahres! Für uns in Ostpreußen war diese Bezeichnung noch ein fester Begriff, aber heute sagt man in unseren Breiten wohl eher Sommersonnenwende oder so. Kein Zeigefinger, nein, nur eine kleine freundliche Erinnerung!

Also Johanni 1944. Ich kann mich an diesen Tag noch gut erinnern. Die Sonne war mit ihrem Licht an diesem Tage recht geizig, aber es regnete nicht. Wie auch immer, wir junges Volk, fernab vom Krieg, waren an diesem Tag recht gut gelaunt, obwohl unser Arbeitstag 12 Stunden betrug, wirklich. Ich arbeitete damals in einem Hotelbetrieb: Um 7.00 Uhr wurde das Büro, das Geschäft und das Hotel geöffnet und abends um 7.00 Uhr – also 19.00 Uhr – erst wieder geschlossen. Das war damals eben so, allerdings hatten wir eine Stunde Tischzeit.

Da saßen wir nun, hatten unser Mittagsmahl verputzt und klönten noch ein wenig. Das Mittagessen, überhaupt unsere Mahlzeiten bekamen wir stets im so genannten Klappzimmer. Die Klappe war die Durchreiche, von der der Oberkellner das Essen für unsere Gäste abholte. Da steckte mit einem Male die Erste Mamsell ihren Kopf durch die Klappe und fragte uns: Geht Ihr denn nicht Kränzchen werfen? Was ist denn das? fragte eine von uns, die aus der Mark Brandenburg kam. Also, erklärte die Mamsell, Ihr müsst auf der Wiese stillschweigend neunerlei Kräuter sammeln und diese ebenso stillschweigend zu einem Kränzchen binden bzw. winden! Ist es fertig, müsst Ihr es in das Geäst eines Baumes werfen, selbstverständlich ebenfalls stillschweigend. Bleibt der Kranz gleich beim ersten Wurf hängen, werdet Ihr im nächsten Jahr heiraten, zumindest gibt es einen Schatz. Fällt der Kranz runter, müsst Ihr ihn so oft hochwerfen, bis er hängen bleibt, aber bitte mitzählen!

Mit Juchei liefen wir hinaus auf die nahe Wiese, suchten - natürlich stillschweigend - die Kräuter, flochten schon die ersten Kränzchen und ab ging es zu den Chausseebäumen. Wir waren wohl acht Mädchen. Lottchen und Betty waren schon von Kindheit an befreundet. Da ging dann auch das Geplänkel los. Eine von beiden stolperte und die andere lachte darüber lauthals. Ärgerlich meinte die Gestolperte, nu lach mal auch noch und da wurde ihr klar, sie hatte ja den Bann durchbrochen, weil sie gesprochen hatte. Halb lachend, halb trotzig sagte sie zu der Freundin: Wenn ich jetzt gesprochen habe, dann musst Du auch reden. Wozu sind wir denn sonst Freundinnen? Nun gab es ein Geschnatter und das wurde eine richtig lustige Mittagspause. Inzwischen waren auch die anderen fertig und begannen, ihre Kränze in die Bäume zu werfen. Na das gab erst ein Hallo und Gelächter. Jedes Herunterfallen des Kranzes hieß ein Jahr länger warten!

Herta war die einzige Verlobte unter uns. Still und verbissen sammelte sie die neun Kräuter. Viele wuchsen im Chausseegraben, zum Beispiel Hahnenklee, Storchenschnabel, Katzenkraut, Wegerich, natürlich Gras und und und! Da hatte man rasch neun Sorten zusammen, wenn man aufmerksam hinschaute! Hertas Kranz blieb gleich beim ersten Male hängen, so schien es anfangs. Alles klatschte. Plötzlich - plumps, lag er unten, war einfach ins Trudeln gekommen. Unverdrossen nahm sie ihn wieder auf und - schwupp, zum zweiten Male hoch. Sechs Mal ist der Kranz immer wieder zur Erde zurückgekommen! Dann gab sie es auf mit den Worten: Nicht genug, dass er sechs Mal heruntergefallen ist, jetzt platzt er auch noch auf! Nun ging das Frotzeln los und wie das so ist, wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen! Mensch, Herta, lass den Mann doch laufen. Das bringt nichts. Der ist doch nicht treu! Herta hat das nicht krumm genommen, sie nahm es gelassen, wir kannten uns ja und da wurde so schnell und so leicht nichts verübelt. Spaß hat es uns damals jedenfalls trotzdem gemacht.

Obwohl ich mich erinnere, dass nicht ein einziger Kranz im Baum hängen blieb, haben wir alle nach dem Krieg einen abgekriegt. Herta war natürlich die Erste. Aber aus der Ehe ist dann tatsächlich nichts geworden. Was war das nun, ein Orakel, ein Omen oder einfach nur ein Aberglaube?