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Ein Spuk auf unserem Boden

An einem Sommerwochenende, lange bevor der Krieg begann, war ich wieder einmal zu Hause. Inzwischen war ich in einem etwas entfernteren Ort berufstätig. Meine Schwester, die nun den Haushalt bei uns führte, brauchte etwas in der Küche, was als Nachschub auf dem Boden stand. Sie bat mich: Holst Du mir das wohl bitte runter? Warum sollte ich das nicht tun, ich durfte ja nur kleine Handgriffe machen, bei ihren Hausfrauenarbeiten durfte ich sowieso nur zugucken!
Auf dem Boden befand sich an jedem Giebelende ein Fenster. Trotzdem war es nicht sehr hell, obwohl die Sonne wieder einmal kräftig schien. Ich schaute nach links und nach rechts, um das Gewünschte zu entdecken. Ach, du lieber Himmel, was war denn das? Mir fuhr ein gewaltiger Schreck in die Glieder - das kann ja doch wohl nicht angehen. Aber es sieht tatsächlich so aus. Wir waren doch noch beim Frühstück alle beisammen und das nun in unserer Familie?

Nein und nochmals nein! Ja, aber was war es denn dann?
Ich nehme allen Mut zusammen und traue mich näher heran an das Unfassbare. Mein Herz klopft - ach was, es rast! Im Halbdunkel erscheint es mir, als wenn dort ein Mensch hängt!

Das kann doch nicht sein. Runter rennen - Schreien? Quatsch. Aber was ist das?
Ich werde mutiger und pirsche mich langsam vorwärts. Da hängt doch jemand in Soldatenuniform! Wie kommt der denn auf unseren Boden? Ich habe mich inzwischen an das Halbdunkel gewöhnt und beginne langsam zu begreifen! Da hängt wirklich eine Soldatenuniform, kein Zweifel und unter dem Mantel stehen auch noch ein Paar Knobelbecher. Da drüber hat jemand an einem Kleiderhaken auch noch einen Helm gehängt und der hing soweit nach vorn, dass es wirklich so aussah, als sei der Kopf abgeknickt. Perfekt inszeniert. Soll ich nun lachen oder weinen? Sicher hatte das jemand so aufgehängt, als Jokus. Auf jeden Fall war es ein perfektes Trugbild und sah im Halbdunkel immer noch gruselig aus!
Zurück in der Küche fragte ich dann beiläufig, obwohl innerlich immer noch ein bisschen aufgekratzt, wem die Uniform auf dem Boden gehöre. Na, dem Hermann natürlich! Hermann war ihr Mann, also mein Schwager. Was macht denn Hermann mit einer Soldatenuniform? fragte ich naiv. Ja, die muss er doch jeden Sonnabend, wenn er nach Rodebach zur Übung geht, anziehen! knurrte sie mit einem komischen Unterton! Was üben die denn da in Rodebach? bohrte ich weiter. Krieg spielen. Meine Schwester würgte das förmlich heraus und ich merkte, dass ihr das gar nicht recht war, so ausgefragt zu werden.

So geschehen im Sommer 1936 oder 1937, genau kann ich das Datum nicht mehr sagen, aber es dauerte noch ein Weilchen bis zum Kriegsausbruch.
Diese Geschichte ist mir spontan beim letzten Sonntagsfrühstück eingefallen, weil ich mir etwas vom Boden holen wollte. Bei mir hängt oben sicher keine Soldatenuniform, aber wenn ich an jenen Sonntagmorgen bei meiner Schwester zurückdenke, gruseIt’s mich immer noch ein bisschen. Dennoch muss ich heute darüber lachen!