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Urlaub vom Russlandfeldzug

Vom ersten Tag des Krieges war mein Bruder Soldat. Auch als es nach Russland ging, war er vom ersten Tag an dabei. Nach vollen zwei Jahren erhielt er dann Mitte 1943 den ersten Heimaturlaub.

Meine Schwägerin holte ihn mit einer ihrer damals noch kleinen Töchter vom Bahnhof ab. Zwei Jahre sind eine verdammt lange Zeit für einen Soldaten. Glücklich nahm er seine Tochter auf den Arm. Die Kleine freute sich, Papa ist da und sie ist als erste auf Papas Arm. Papa fragte voller Freude: ... und Du, Du bist wohl das Trautchen? Welch eine Enttäuschung für die Kleine: Aber Papa, ich bin doch Dein Urselchen! Er hatte Mühe, die Kleine zu beruhigen und staunte nur, schaute seine Frau an und fragte, ob das stimme. Ein Kopfnicken zeigte ihm die Bestätigung an!

Daheim ging’s in der gesamten Familie rund: Emil ist gesund, hat Urlaub bekommen! Alles freute sich, obwohl jeder wusste, dass er bald wieder fort musste.

Wenige Tage später, mein Bruder saß mit der Familie und den polnischen Helfern beim Mittagessen, als ein Nachbar auftauchte, der Herr von der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt)! Die NSV war ja eine Tochtergesellschaft der SA, also der Braunhemden. Nach ein paar belanglosen Worten, z.B. ... na. bist Du wieder mal da? tadelte er meinen Bruder: Aber Emil, Du als deutscher Soldat sitzt mit Polen an einem Tisch...? Das gehört sich einfach nicht! Für diesen Hundertfünfzigprozentigen war das schon fast eine Todsünde, und er pustete sich immer weiter auf. Mein Bruder hörte sich das ganz ruhig an und legte sich seine Erwiderung fein und genüsslich zurecht. Meine Schwester hatte ihm übrigens schon mehrmals geschrieben, dass Nachbar Franz sie seit einiger Zeit bespitzelt, gequengelt und gepiesackt hätte.

Als der nun fertig war, sagte Emil ganz ruhig: Tja, mein Lieber, aus Deiner Sicht mag das ja wohl richtig sein, aber ich will Dir mal was sagen - ich bin Soldat vom ersten Tage an, halte täglich meinen Kopf hin, damit Leute wie Du in der Heimat ruhig schlafen können. Wenn wir keinen Krieg hätten, wär ich wie Du jetzt zu Hause und könnte mich abends mit meinem Hinten in mein Bett legen - so wie Du. Aber, ich bin Soldat und kann meinen Acker nicht selbst bestellen, um meine Familie zu ernähren, wie Du. Wenn diese Leute, die Hitler hier hergeholt hat, auf meinem Acker arbeiten müssen, dann müssen sie auch das Recht haben, an meinem Tisch zu sitzen und mit mir zusammen zu essen, wenn ich mal hier bin. Im Übrigen, wenn Du meine Frau künftig nicht in Ruhe lässt, die ja zurzeit hier für alles verantwortlich ist, dann könnte es ja sein, dass ich mal kurz mit meinem Hauptmann spreche. Dann könnte es vielleicht sein, dass wir zwei beiden uns eines gar nicht so fernen Tages im großen Russland wieder sehen. Das kann ganz schnell gehen!

Der feine Herr Nachbar wurde rot, verlegen und verschwand. Und ward bis zur Flucht nie mehr gesehen. Meine Schwester hatte danach dann auch Ruhe vor weiteren Repressalien und Querelen.

Im Jahre 1957 haben mein Bruder und ich unseren ehemaligen NSV-Mann anlässlich eines Heimattreffens der ostpreußischen Landsmannschaft in Ahrensburg wieder gesehen. Der Kerl stand mit einem Male vor uns und benahm sich, als wenn er der netteste Nachbar aller Zeiten gewesen wär. Total abgebrüht. Scham? Denkste!