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Die Fensterscheibe

Der Frühling naht mit brausen, er rüstet sich zur Tat.

Manches Frühlingsbrausen erinnert mich immer wieder an einen Frühlingstag im Jahre 1948 in Vorpommern. Die Sonne schien und wir hatten eigentlich herrliches Frühlingswetter, wenn nur dieser grässliche Sturm nicht gewesen wäre! Aber abbestellen geht ja nicht.

Vater war verstorben und Mutter und mich hatte man auf den einzigen Abbau im Dorf verfrachtet. Die Bauersfrau genoss im Dorf keinen guten Ruf und der Ehemann war auch nicht viel besser. Der hatte einmal seinen armen Bruder derart geschlagen, dass es sogar mir wehtat, obwohl ich ja keine Prügel bezog.

Wir bekamen dort ein kleines Stübchen, Mutter und ich. Wie es damals so war, wurde in diesem Stübchen gekocht, gegessen, gewohnt und geschlafen. Man war im Grunde froh, dass man ein Dach über dem Kopf hatte.

Mutter hatte Essen gekocht und das Fenster geöffnet, damit der Wrasen abziehen konnte. Ich war ins Dorf zum Einkauf gegangen, denn die paar Lebensmittelkarten mussten ja verwendet werden.

Um zu unserem Zimmer zu gelangen, musste ich durch die Küche der Bäuerin gehen. Die Küchentür muss ja wohl offen gewesen sein, sonst hätte der Sturm kaum solchen Durchzug machen können. Jedenfalls knallte unser Fenster zu, als ich unsere Stubentür öffnete und rrumms, war eine Scheibe kaputt. Sie war zwar nicht sehr groß, aber Scheibe ist eben Scheibe!

Was nun? Nutzt alles nichts, ich musste zur Bäuerin gehen und ihr das berichten. Dass ich mir einem Segen einfangen würde, war mir natürlich klar, dafür war die Frau ja bekannt. Also frischauf und berichten. Je schneller ran, je schneller davon. Nach der Beichte schob ich gleich die Worte nach: Ich werde natürlich morgen nach Demmin gehen und eine Scheibe kaufen! Huch, da hatte ich aber was angerichtet. Wi Buuren, pfiff sie mich an, wi kriegen kein Schiew und sei Flüchtling, sei wulln ä Schiew kriegen? Natürlich habe ich mich über diesen Ton geärgert, aber so richtig nah gegangen ist mir dieses Theater trotzdem nicht. So was ging bei mir nicht unter die Haut. Das lief bei mir so ab, wie wenn Regen vom Regenmantel abtropft! Ich ließ sie dann einfach stehen und ging davon. Sie meckerte und brubbelte wahrscheinlich noch den ganzen Nachmittag, denn was sie nicht wusste: ich hatte ja noch meine Wunderwaffe in der Hinterhand, den amerikanischen Bohnenkaffee! Deshalb konnte ich auch so großspurig vom Kauf einer neuen Scheibe sprechen.

Am nächsten Tag zog ich gleich ganz früh ab nach Demmin. Mutter jammerte zwar noch, wo wirst Du denn wohl eine neue Scheibe bekommen und so. Das wusste ich allerdings auch nicht, aber wer nicht gewagt, der nicht gewinnt! Ich war frohen Mutes.

Tja, und da stand ich nun in Demmins Trümmern, weit und breit kein Glaser zu sehen, dafür Trümmer über Trümmer. Rechts vorn war ein Eisenwarengeschäft auferstanden aus Ruinen. Links war das Krankenhaus, auch noch an mehreren Stellen zerbombt. Und wo könnte es nun wohl Glas geben?

In einer Nebenstraße entdeckte ich einen Schaukasten vor einem kleinen Haus. Der Schaukasten war verglast und dahinter klebten einige Fotografien von einem Umzug oder einem Fest, das wohl kürzlich hier stattgefunden hatte! In dem Haus wohnte sicher der Fotograf, der die Bilder machte und ich dachte bei mir, dem musst Du einfach mal einen Besuch abstatten. Gesagt, getan. In dem Haus gab es ein kleines Ladengeschäft. Als ich die Tür öffnete, läutete ein kleines Glockenspiel mit dünnen Tönen. Ein hagerer Mann mit Ärmelschoner und einer runden Nickelbrille tauchte auf und fragte nach meinem Begehr.

Und dann entwickelte sich folgender Dialog:

Können Sie mir - bitteschön - sagen, wo ich hier einen Glaser finde oder wo ich hier eine Fensterscheibe kaufen kann?

Leider, leider, meinte er, das kann ich wirklich nicht, hier gab es früher einmal einen, aber der ist lange weg.

Ich dachte bei mir, warte Freundchen, Dich kriege ich. Dann frage ich ihn laut, ob er mir denn nicht eine kleine Scheibe verkaufen könne, so 35 x 45 cm?

Oh nein, wo denken Sie denn hin, ich bin Fotograf und kein Fensterglashändler!

Aber ich setze nach: …auch nicht gegen Kaffeebohnen?

Da stutzte er: … Moment mal, haben Sie denn welche?

Und ich wieder: … würde ich denn sonst fragen? Aber… schmunzelte ich schon ins geheim, …meine Kaffeebohnen sind nur gegen eine kleine Fensterscheibe zu haben! Dann öffnete ich meine Handtasche und lies ihn mal riechen. Er war ziemlich verblüfft.

Augenblick, sagte er dann, ich muss mal eben meine Frau rufen! Die kam dann auch sofort, lächelte und dann war alles perfekt!

In wenigen Minuten hatte ich meine Scheibe, sogar in den Maßen, die ich angegeben hatte. Ich ahnte natürlich vorher schon, dass es klappen würde, denn Fotografen haben natürlich auch Glas. Das verkaufen sie aber nur, wenn darunter ein Bild ist und das Ganze dann in einen Rahmen passt!

Vergnügt zog ich ab. Aber ich hatte natürlich weder eine passende Tasche noch einen Rucksack oder ähnliches bei mir, musste also die Scheibe in der flachen Hand nach Haus tragen. Ein bisschen Zeitungspapier gab mir der Fotomensch mit, …damit Sie sich nicht schneiden! Er wusste allerdings nicht, wie weit ich damit noch zu laufen hatte. Das war dann doch über eine Stunde Fußweg durch den Wald und später über die Felder.

Die Sonne schien wunderschön. Der Waldweg führte einen kleinen Hügel hinauf. Als er zu Ende war, konnte ich über die bestellten Felder weit ins Land sehen, aber sicher auch gesehen werden. Unten sah man das Bauernhaus in dem wir wohnten und ich glaubte, auch meine Mutter gesehen zu haben, die wahrscheinlich schon sehnsüchtig auf mich wartete.

Später erzählte sie mir, dass sie tatsächlich oben jemanden am Berg gesehen hätte und auch, dass es aufgeblitzt habe. Und da habe sie gewusst, jetzt kommt endlich meine Ida und bringt auch eine Scheibe mit! Ich hatte auf dem Berg die Scheibe in die andere Hand genommen. Die Sonne schien prall drauf, da konnte Mutter für einen Augenblick das Aufblitzen sehen!

Zurückgekehrt ging ich sofort zu Bäuerin, mit der Scheibe versteht sich und sagte: So, Frau B…, Sie sagten mir ja neulich, dass morgen der Glaser kommt um Ihr Kükenhaus zu verglasen! Sie haben zwar gestern noch gesagt, die Buuren kriegen kei Schiew… aber wenn er denn schon da ist, kann er ja diese Scheibe hier bei uns im Zimmer gleich mit einsetzen! Die hat mich vielleicht angeschaut, aber diesmal ohne Worte, ohne jeden Kommentar!

Am anderen Morgen kam dann auch der Glaser. Er hatte noch nicht angefangen, als ich ihm meine Scheibe zeigte und sagte, die solle er dann nachher bei uns in das Fenster setzen. Und dann nahm ich all meinen Mut zusammen und erklärte forsch, bezahlen würde das natürlich auch die Bäuerin - sie stand neben uns und sagte nichts. Der Mann schaute uns beide an und griente. Er hat sie dann eingesetzt und wir mussten nichts weiter bezahlen!

Ein paar Wochen später bekamen wir Nachricht vom Bürgermeister, wir könnten jetzt in eine etwas komfortablere Wohnung im Dorf unten einziehen. Irgendwann erzählte mir dann jemand, der Bauer soll dem Bürgermeister ein paar Gänseküken geschenkt haben, damit er die Flüchtlinge loswürde.

Das war uns aber am Ende schnurz-piepe-egal!