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Wie lange dauert dieser verdammte Krieg noch?

Die Front war über uns hinweg gebraust. Wir saßen in Hinterpommern unter Russen und Polen fest. Wie lange würde dieser verdammte Krieg noch dauern?

Wir hatten uns auf einem verlassenen Bauernhof einquartiert. Eine wahrhaft internationale Mischung: ein junger Pole, eine polnische Frau mit zwei heranwachsenden Töchtern, ein Russe, der nach dem ersten Weltkrieg in Deutschland geblieben war mit seiner Familie, eine deutsche Frau mit drei kleinen Kindern, ein altes Ehepaar aus den Masuren, noch eine Frau aus Ostpreußen mit einem heranwachsenden Sohn, sie kamen aus dem Kreis Tilsit und schließlich wir, meine Schwester mit drei kleinen Kindern, meine Eltern und ich.

Wir hatten uns eines Nachts auf einem besseren Feldweg hinter einem Berg zusammengerottet, denn in das nahe Dorf trauten wir uns nicht hinein. Wir waren ja alle Zivilisten, meist eben Deutsche. Und die Russen - das hatten wir inzwischen erfahren und auch gesehen - sammelten alles, was deutsch war, ein. Man munkelte, dass sie die Menschen nach Sibirien deportieren würden. Da wollten wir natürlich nicht hin und deshalb mieden wir nach Möglichkeit alle Ortschaften. Wir hatten noch hartes Brot und auch noch etwas zu essen. Und wer Durst hatte, konnte sich am Schnee bedienen. Das ging.

Wir waren der erste Wagen, der im Halbdunkel stehen blieb. Kurz danach kam ein zweiter Wagen. Die Leute fuhren nicht vorbei und blieben ebenfalls stehen. Vater ging nach hinten, um nachzusehen, wer da sein könnte. Er stand vor einem älteren Ehepaar, das ein Mischmasch aus polnisch und deutsch sprach und sich als Polen ausgab. Vater kam zurück und lachte verhalten, obwohl unsere Situation nicht zum Lachen war: Das wollen Polen sein sagte er, aber das sind genauso echte Polen wie wir. Wenn uns nämlich russisches Militär angesprochen und gefragt hatte, Wer seid Ihr und wo kommt Ihr her, dann hatte Vater denen immer gesagt, wir wären Polen, lebten im Warthegau und wollen nun versuchen, nach Haus zu kommen - obwohl außer Vater keiner aus der Familie auch nur ein einziges Wort polnisch verstand und sprechen konnte. Aber wir waren eben aus dem Warthegau, aus dem Korridor zwischen Ost- und Westpreußen. Das klappte bisher immer!

Wenn ich heute daran zurück denke, also, wir müssen gleich mehrere Schutzengel gehabt haben, nicht nur einen! Würde mir heute jemand diese Geschichte erzählen, die ich ja selber erlebt habe, ich würde vermutlich an dem Wahrheitsgehalt zweifeln, aber es war wirklich so!

In dieser Nacht hielten noch zwei weitere Wagen hinter uns, die Frau aus Tilsit mit ihrem Sohn und der ehem. russische Kriegsgefangene aus dem ersten Weltkrieg mit Frau und drei Kindern. Am nächsten Morgen fuhren wir geschlossen weiter und suchten gemeinsam eine Bleibe, die wir dann auf diesem kleinen, verlassenen Bauernhof fanden. Hier wollten wir das Kriegsende abwarten.

Nach ein paar Wochen fuhr ein endloser Konvoi von russischem Militär Tag und Nacht auf der etwas entfernt gelegenen Hauptstraße entlang. Aber nicht in Richtung Danzig - wie bisher - sondern gen Westen. Wir fragten uns natürlich, was das zu bedeuten hatte. Als die Bewegungen allmählich weniger wurden, ging Vater den kleinen Feldweg von dem Bauernhof zur Hauptstraße runter und wollte versuchen herauszufinden, ob sich in Sachen Krieg etwas geändert hätte.

Er setzte sich an den Straßenrand und wartete. Kurz darauf kam ein größeres Militärauto und stoppte neben ihm. Zwei junge Soldaten sprangen mit nach unten gehaltener MP ab, sprachen ihn auf Russisch an und fragten, wo er herkomme und was er hier mache. Sie waren sicher nicht wenig überrascht, als er ihnen in ihrer Heimatsprache antwortete. Ihre Mienen erhellten sich und sie wurden neugierig. Im Laufe des Gespräches erfuhr Vater, dass der Krieg nun endlich vorbei sei und einer der beiden jungen Russen sagte belustigt: Nun haben wir Deutschland besiegt und jetzt fahren wir nach Japan!

Zur Besatzung des Fahrzeugs gehörte auch noch ein kriegsversehrter Soldat, ein Feldwebel, wie sich später herausstellte. Es handelte sich um ein fahrendes Feldpostamt. War wohl mehr Kurier als Amt!

Als Vater die Nachricht hörte, dass der Krieg aus sei, hatte er es dann doch eilig, zu uns in die kleine Bauernkate zu kommen. Die Russen fuhren in Richtung Bütow weiter. Schon von weitem rief er uns zu: Kinder, der Krieg ist aus, der Krieg ist vorbei! Er war völlig außer Atem und dann hörten wir endlich die Geschichte mit den jungen Russen und dem Feldpostwagen. Natürlich freuten wir uns alle, aber dann stieg auch die Frage wieder hoch, wie würde es mit uns nun weitergehen. Erst mal abwarten!

Wieder gingen ein paar Tage ins Land, die Natur erwachte allmählich und unsere beiden Späher Otto und Herbert, zwei 16/17-jährige Buschen waren ständig draußen. Mit einem Male kommen sie angerannt: Ein Russenauto kommt unseren Weg hoch! Lieber Gott beschütze uns! Vater geht gleich raus. Es war meistens so, wenn er die Russen in ihrer Sprache anredete, war die Spitze schon abgebrochen! Die meisten zeigten dann immer große Überraschung! Der Wagen kommt auf unseren Hof und stoppt hier. Was jetzt wohl kommt? Da erkennt Vater die Männer vom Feldpostwagen. Sie fragen recht höflich, ob sie bei uns übernachten können. Wenn das man nicht eine Finte ist, denkt Vater. Er erzählt ihnen, wie viel Leute hier hausen und dass alle Zimmer belegt sind.

Ach, meinte nun der Ältere, dann schlafen wir eben in der Küche, wir stören Euch nicht. Vater konnte die Übernachtung nicht verhindern, fragte dann aber den Feldwebel, warum sie denn zu uns Deutschen kommen um zu übernachten, …die Polen sind doch Eure Brüder? Der Russe lachte: Eben deshalb, meinte er, Deine Brüder kannst Du Dir nicht aussuchen! Ihr Deutschen lasst uns hier in Ruhe schlafen, Euch müssen wir nicht fürchten, Ihr seid doch selber heimatlos! Seitdem hatten diese drei Russen auf ihrem Hin- und Rückweg bei uns in der Küche übernachtet, und zwar so lange, bis sie aus organisatorischen Gründen - wie sie sagten - dem Heer folgen mussten.

Natürlich haben wir Frauen und die jungen Mädchen in der ersten Nacht gezittert, doch nie hatte uns einer der drei Männer belästigt, ganz im Gegenteil. Wenn die Kinder auf dem Hof haschen oder verstecken spielten, dann haben die jungen Russen auf der Treppe draußen gesessen und haben sich mit den Kindern gefreut, geklatscht und gerufen. Ich erinnere mich gern daran, dass die jungen Russen einmal ganz dicht beieinander gesessen haben. Eines der Kinder hatte sich hinter beider Rücken versteckt und war deshalb von den anderen nicht zu finden! Als die Zählerei aus war, gab es ein Riesengelächter!

Und das war ganz kurz nach dem Kriegsende - so ging es also auch!