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Arnsdorf, 1852 bis 1857 — Die Tanten und Großmutter Dittrich

Teil 1 - Arnsdorf, 1852 bis 1857
Kapitel 5:
Die Tanten und Großmutter Dittrich

Tante Emilie [Dittrich] hat wohl uns drei älteste Geschwister, die wir in Arnsdorf geboren waren, sämtlich zuerst gepflegt. Sie war zehn Jahre älter als unser Vater, also in der Zeit, in die unsere erste Erinnerung zurückreicht, aus ihrer ersten Jugendblüte bereits heraus. Etwas Altjüngferliches hat sie wohl immer gehabt, das sich bei ihr in einer gewissen Unbeholfenheit und linkischem Wesen zeigte, das durch hochgradige Kurzsichtigkeit noch gesteigert wurde. Aber sie war herzensgut. Ein selbstloseres. dienstbereiteres Wesen ist mir kaum vorgekommen. Ihre ganze Welt waren wir. Mit einem staunenswerten Gedächtnis bewahrte sie die unbedeutendsten Einzelheiten aus unserer Kindheit, Aussprüche von uns und über uns, und erzählte uns mit rührender Geduld Geschichten oder sang mit ihrer dünnen Stimme Lieder vor. Mich, ihr Patenkind, hatte sie besonders ins Herz geschlossen. Und da es bei mir von früh auf feststand, dass ich Pastor werden solle, äußerte sie mir wiederholt, sie wünsche nur so lange zu leben, um mich noch einmal predigen zu hörenSie hat es sicherlich geschafft, denn Emilie Dittrich lebte bis 1881. [27].

Ihre um zwei Jahre jüngere Schwester, Tante Berta [Dittrich], verheiratet mit dem Kantor [Ernst] Schanter in Hummel bei Luhen, übrigens früh verwitwet, tatkräftiger und praktischer als Tante Emilie, kam nur einige Male nach Arnsdorf zum Besuch und sollte erst in späterer Zeit uns näher treten. Eine dritte Schwester, Tante Henriette [Dittrich], war schon mehrere Jahre vor unserer Geburt gestorben. Die Großmutter, Ernestine [Dittrich] geb. Schöbel, Tochter des Kantors [Gottfried] Schöbel in Polkwitzheute PolkowiceSiehe Wikipedia.org [28], dem schlesischen AbderaDie Bewohner der Stadt hatten einen ähnlichen Ruf wie die Schildbürger.Siehe Wikipedia.org [29], weshalb sie die Geschichten, die von Polkwitz wie von Schilda und Schöppenstedt erzählt werden, gar nicht gern hörte, war eine kleine, aber kluge und energische Frau. Ihr bis in ihr hohes Alter volles und nur von wenigen Silberfäden durchzogenes Haar – sie war die einzige Frau in unserer Verwandtschaft, die starkes Haar hatte, – musste sie sich von der Tante Emilie machen lassen. Sonst aber tat sie alle Arbeiten im Hause selbst und war rüstig, kerzengerade sich haltend bis kurz vor ihrem Ende. Ihr Zimmer und ihr Haushalt waren von peinlicher Sauberkeit, und noch einen Tag vor ihrem Tode ließ sie, von ihrem Bett aufgestanden, kein Stäubchen und keine Unordnung ungerügt. Auch gegen mich war sie mehr streng als liebevoll. Verzogen hat sie uns wenigstens nicht. Ihre Frömmigkeit, so aufrichtig sie war, zeigte wohl mehr rationalistischen Typus. So konnte sie es gar nicht leiden, wenn die Verwässerungen des neuen Breslauer Gesangbuchs kritisch besprochen wurden, und hielt mir bei solcher Gelegenheit wohl Derbheiten und Geschmacklosigkeiten einzelner Lieder aus dem trefflichen alten Breslauer Gesangbuch entgegen. Sie war aber eine treue und verständnisvolle Hörerin der Predigten meines Vaters. Meine Mutter verstand es, mit ihrem sonnigen Wesen das Herz der Schwiegermutter zu gewinnen, und das Verhältnis ist meines Wissens einen einzigen, später zu erwähnenden Fall, bei dem meine Mutter aber keine Schuld traf, ausgenommen, nie getrübt worden. Aber eine gewisse Reserve bewahrte die Großmutter meiner Mutter gegenüber, da sie wohl fühlte, dass sie deren Verwandtschaft nicht vornehm genug war. Wie die Großmutter [Auguste] Rogge [geb. Wolfram] gegenüber meinem Vater, so ist die Großmutter [Ernestine] Dittrich [geb. Schöbel] gegenüber meiner Mutter stets auf dem Sie-Fuß geblieben.

Natürlich waren wir als Kinder fast tägliche Gäste bei der Großmutter. Sie wohnte beim Schlachter Lange, unserem Hause gegenüber, ganz nahe bei der katholischen Kirche. Der nächste Weg zu ihr führte quer über die Landstraße und ein kleines Wiesengrundstück, über das ein Fußpfad ging. Aber der war doch nicht ohne Hindernisse. Denn zwischen Landstraße und Wiese war ein Wassergraben, über den keine Brücke führte, sondern den wir mittels einiger in den Graben gelegten Holzröhren passieren mussten. Alexander, leichtfüßiger und behänder als ich, kam mit leichter Mühe hinüber, während er mir erst die Hand reichen musste, damit ich auch hinüber kam, was niemals ohne Schwierigkeit und Angst gelang. Einmal, – ich entsinne mich nicht mehr, weiß es nur aus Erzählungen meiner Eltern – fiel ich regelrecht in den Graben und wäre ertrunken, wenn nicht zufällig die Tochter von Vaters früherem Lehrer Haußer, eine Frau Pastor Richter, die gerade bei ihrem Schwager, unserm Kantor, zu Besuch war, vorübergekommen wäre und mich herausgezogen hätte. Ein andermal, als wir beide zur Winterszeit hinüber zur Großmutter trotteten, lag knietiefer Schnee auf der Wiese, durch Tauwetter aufgeweicht. Während Alexander munter voranlief, konnte ich plötzlich mein Bein aus dem Schnee nicht mehr herauskriegen und blieb elend stecken, bis die gute Tante Emilie, von Alexander alarmiert, hinzukam und mich aus meiner peinlichen Lage befreite. Später zog Großmutter in eine geräumigere Wohnung beim "Kahl-Mäuer", dem Maurermeister Kahl, etwas weiter hinauf im Dorfe. Ich war, als ich von dieser Absicht hörte, höchst unglücklich und bat die Großmutter, doch ja nicht fortzuziehen, weil ich sie ja dann doch nicht mehr besuchen könne. Höchst beruhigt war ich, als ich dann am Tage des Umzuges zu ihr kam, und von ihr beauftragt wurde, in ihrer oder Tante Emilies Begleitung einige Sächelchen in die neue Wohnung hinüberzutragen. Nun wußte ich doch den Weg.


[27] Sie hat es sicherlich geschafft, denn Emilie Dittrich lebte bis 1881.
[28] Polkowice (deutsch: Polkwitz; 1937–1945: Heerwegen) ist Kreisstadt des Powiat Polkowicki (Polkwitzer Distrikt) in der polnischen Woiwodschaft Niederschlesien. Sie hat rund 22.000 Einwohner.
[29] Obwohl Abdera die Heimatstadt der berühmten, der atomistischen Schule von Abdera[1] zugerechneten griechischen Philosophen Leukipp (allerdings wird ihm auch Milet zugeschrieben), Demokrit, Protagoras und Anaxarch war und der Dichter Anakreon von Teos hierher zog, hatten die Bewohner der Stadt einen ähnlichen Ruf wie die Schildbürger. Wer als Abderit bezeichnet wurde, galt in der Antike als einfältiger Mensch. Entsprechend wird auch Kleinstädterei beziehungsweise Schildbürgertum als Abderitismus bezeichnet.