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Arnsdorf, 1852 bis 1857 — Alexander und Elly

Teil 1 - Arnsdorf, 1852 bis 1857
Kapitel 6:
Alexander und Elly

Zwischen zwei Geschwistern, dem 16 Monate älteren Bruder Alexander und der anderthalb Jahre jüngeren Schwester Eleonore [Dittrich], Elly genannt, wuchs ich auf. Alexander war von Natur flinker, anstelliger, unternehmender und praktischer als ich. Vater, ich weiß mir Rat, war ein oft aus seinem Munde gehörtes Wort. Ich war träger und unbeholfener, wozu schon das beitrug, dass ich dicker war. Der Dicke wurde ich oft kurzweg genannt. Ich selber nannte mich, ehe mir das ehrenrührig war, mit Verwechslung der Konsonanten der Kitte. Eine Zeitlang ängstigte man mich sogar damit, dass ich geschlachtet werden solle. Und das machte mir so tiefen Eindruck, dass ich Zeitlang meine Wege zu Großmutter einstellte, weil dieselbe beim Schlachter wohnte und, da ich meine Furcht nicht eingestehen mochte, allerlei Ausflüchte auf die deshalb an mich gerichteten Fragen gebrauchte. Als ich mich aber endlich entschloss, den Gang zu wagen, es nicht unterließ, dem Schlachter, der mir auf dem Hausflur begegnete, zu sagen: Nun bin ich wieder dünn.

Gegenüber Alexander, der wie gesagt in allen praktischen Sachen mir über war, suchte ich früh eine gewisse Würde herauszubeißen, was mir bei meiner Körperfülle ganz gut gestanden haben mag, und gelegentlich auch wohl biblische Wendungen zu gebrauchen. Einmal traf ich den Vater dabei, wie er eine neue Rute band. Vater fragte mich: Für wen ist die Rute? Ich antwortete: Für den Alexander. Vater: Ist sie nicht auch für den Johannes? Ich: Ja. Vater: Wann bekommt sie denn der Johannes? Ich: Wenn er Sünde tut. Natürlich blieb meine Würde, der wechselnden Kinderart entsprechend, nicht immer auf das geistliche Gebiet beschränkt. Weihnachten 1854 – es ist dies meine erste Erinnerung – erhielten wir jeder einen Helm. Natürlich ein großes Ereignis. Ich kam mir im Helm als Szandam vor. Der Gendarm im Ort war das einzige militärische Wesen, das ich bis dahin kannte. Einst ging ich im Helm stolz und würdevoll an unserm Hause vorbei. Vater, der mich vorbeigehen sah, rief mir nach. Ich hörte nicht, sondern spazierte weiter. Da lief Vater hinter mir her und versetzte mir von hinten einen Klaps, worauf ich, mich umdrehend, entrüstet erwiderte: Na, wer wird denn die Szandam schlagen!

Fabel Mops und Jagdhund
Fabel No 48, Mops und Jagdhund

Dass ich mir viele Neckereien gefallen lassen musste, wird man sich denken können. Man verglich wohl Alexander und mich mit Jagdhund und Mops im Hey-Speckterschen FabelbuchSiehe: Hey - Fünfzig Fabeln für Kinder (1920) [30] und legte mir des letzteren Wort in den Mund: Kann ich doch auf dem Sofa liegenSiehe die Fabel Mops und Jagdhund [31]. Vater brachte mir den Reim aus Bürgers Der Kaiser und der Abt bei: Wie Vollmond glänzte sein feistes Gesicht, drei Männer umspannten den Schmerbauch ihm nichtSiehe Gedichte, Google-Books [32] und ließ es mich zum Vergnügen von Besuchern hersagen.

Dass die älteren Geschwister auf die jüngeren von vielleicht noch größerem Einfluß sind als die Eltern, habe ich im Verhältnis zu meinem Bruder Alexander erfahren. Er befruchtete meine Anschauung, er erweiterte meinen Gesichtskreis, er gab mir das Beispiel. Auch die ersten religiösen Zweifel erweckte er in mir. Ich besinne mich, dass er einmal, als wir vom Himmel redeten, meinte, wenn wir tot wären, kämen wir nicht in den Himmel, das sagten die Leute bloß so. Ich dachte umgekehrt, die Leute, also gewöhnliche einfache Leute, wie wir sie auf der Straße gehen sehen, glaubten es nicht, und meinte, ihn mit einem Argument schlagen zu können, das vor der Dogmatik schlecht besteht, indem ich ihm erwiderte, woher denn der liebe Gott die Engel nähme, wenn wir nicht in den Himmel kämen, worauf er aber sehr überlegen antwortete, das würde der liebe Gott wohl wissen. Unsere Gespräche betrafen, wenn wir im Bett lagen, sehr oft geistliche Dinge. Tante Berta hatte einmal gehört, wie wir uns noch im Traum mit Helden aus der biblischen Geschichte beschäftigten. Oft nahmen diese Unterhaltungen aber ein jähes Ende, indem ich irgendeine Äußerung tat, die nach seiner Meinung sehr dumm war oder sonst sein Missfallen erregte, wofür er mir dann gründlich über den Mund fuhr und mich dadurch zu beleidigtem Stillschweigen brachte.

Auf meine Schwester Elly sah ich natürlich herab, ließ sie auch gelegentlich meine brüderliche Überlegenheit in drastischer Weise fühlen, und unterließ es nicht, ihre mädchenhaften Schwächen ihr gehörig aufzumutzen. Wie oft mag sie von mir die Bezeichnung eitle Dirne wieder zu hören bekommen haben, die Mutter ihr gegenüber einst gebraucht hatte. Was das Wort Dirne eigentlich bedeutete, wussten wir nicht. Wir verstanden nach jenem Wort der Mutter eben nur ein eitles Wesen darunter und betitelten, als wir später Hühner hatten, auch den stolzen Hahn mit diesem Namen, den wir dann wieder auf Elly zurückwandten, so dass auch sie eine Zeitlang, wenn sie dazu Veranlassung gab, von uns eitle Dirne-Hahn genannt wurde. Eine andere Schwäche, die ihr von unserer Mutter vorgehalten wurde, war ihre Neigung, bei andern Leuten zu betteln. Ich weiß noch, wie Mutter ihr eines Tages in Aussicht stellte, ihr einen Bettelsack zu nähen. Eine Zurechtweisung hierin musste sie sich einmal auch von anderer Seite gefallen lassen. Im Dorfe war ein Krämer, der zufällig auch Dittrich hieß. Es kam natürlich öfter vor, dass wir, wenn bei ihm gekauft wurde, ein Bonbon oder ähnliche Schnökereien erhielten. Einst war Elly dort und erbat sich etwas aus dem Kaufmannsladen. Die alte, etwas grämliche Mutter des Krämers antwortete darauf: Die betteln kommen nach SpandauDie Zitadelle Spandau diente als Gefängnis für preußische Staatsgefangene.Siehe Wikipedia.org [33]. Sie erzählte uns das sehr entrüstet, bekam es aber natürlich bei Gelegenheit wieder zu hören. Es blieb seitdem überhaupt als geflügeltes Wort in der Familie. Alexander machte zuweilen gemeinsame Sache mit mir in solchen Hänseleien gegen Elly und ihre mädchenhafte Zimperlichkeit. Öfter aber noch warf er sich zu ihrem ritterlichen Beschützer auf, und ich hatte dann beide Geschwister gegen mich, was ich gelegentlich Elly als die Schwächere wieder entgelten ließ. Natürlich spielten wir zwischendurch in aller Freundschaft mit einander. Im Ganzen aber habe ich mich als Kind mit Elly am schlechtesten vertragen. Erst sehr viel später wachten bei mir auch ihr gegenüber ritterliche Gefühle auf.


[30] Siehe: Hey - Fünfzig Fabeln für Kinder (1920) - https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Hey_-_Fünfzig_Fabeln_für_Kinder_(1920)
[31] Siehe die Fabel Mops und Jagdhund - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:DE_Hey_Fabeln_48.jpg
[32] Siehe Gedichte, Google-Books - https://books.google.de/books?id=8sdeAAAAcAAJ&pg=PA66
[33] Die Zitadelle Spandau diente als Gefängnis für preußische Staatsgefangene, siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Zitadelle_Spandau