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Bärsdorf, 1857 bis 1864 — Geographie in Theorie und Praxis

Teil 2 - Bärsdorf, 1857 bis 1864
Kapitel 14:
Geographie in Theorie und Praxis

Meine Vorliebe für diesen Gegenstand datierte von einem ganz bestimmten Anlass. Im Sommer 1858 war in der Gegend von Liegnitz Manöver. Auch nach Bärsdorf kam Einquartierung, erst Kavallerie, später Infanterie. Ich weiß noch, wie Leid es uns Kindern tat, dass alle Leute Einquartierung hatten, nur wir nicht. Die Pfarrhäuser waren damals von dieser Last frei. Am ersten Tage kam freilich Onkel Roon mit seinem Stabe durchs Dorf und übernachtete auch bei uns. Hernach aber haben wir manchmal am Hoftor gestanden und vorübergehende Soldaten gebeten, doch zu uns zu kommen, aber immer vergebens. Eine freudige Überraschung für mich war's, als Marie Gärtner eines Tages, als ich von draußen ins Haus kam, mich ins Wohnzimmer holte und mir einen Offizier zeigte, der dort Platz genommen. Es war der Sohn eines Pfarrhauses, der in seinem Quartier sich nicht wohl fühlte, da dasselbe ziemlich schmuddelig war, und deshalb meine Eltern um Erlaubnis gebeten hatte, seine dienstfreien Stunden bei uns zuzubringen, was diese ihm natürlich gern gewährten.

Dies beiläufig. Am Schluss des Manövers fand eine große Parade auf dem Schlachtfelde der Schlacht an der KatzbachEine Schlacht der BefreiungskriegeSiehe Wikipedia.org [36] statt, zu der die Eltern mit uns hinfuhren. Es war ein ziemlich umständlicher Weg. Wir aßen zu Mittag im Wagen kalte Küche. Aber wir waren natürlich ganz Auge für das prächtige Schauspiel. Am andern Tage legte Vater uns im Unterricht die Spezialkarte vor und zeigte den Weg, den wir gefahren waren. Seitdem gehörte mein glühendes Interesse den Landkarten. Und da ich schon immer gern gezeichnet hatte, - Vater nannte mich wegen des vielen Papiers, das ich dazu von ihm erbat, der Papierfresser, und einige Jahre lag jedes Jahr auf dem Weihnachtstisch für mich eine ziemliche Zahl von Bogen Papier - da fing ich auch alsbald an, Karten zu zeichnen. Bald genügte mir die Spezialkarte nicht mehr, ich musste auch die weitere Umgebung kennen lernen. Ich weiß noch, welch ein Fest es für mich war, als Vater uns eines Abends die Karte von Deutschland zeigte und erklärte. Dann kam der Atlas zum Vorschein, auf dem ich auch die fremden Erdteile kennen lernte. Vater hatte nur einen ziemlich veralteten Atlas. Deshalb war es wieder eine besondere Freude für mich, als er sich eines Abends die neue Ausgabe von Lichtenstein und Lange, die Richard Radke besaß, von ihm geben ließ und uns zeigte. Und dann musste eins nach dem andern gezeichnet werden. Eine von mir gezeichnete Landkarte war verschiedene Jahre hindurch ein passendes Geburtstagsgeschenk für Großvater. Dadurch wurden weitere Kreise mit meiner Vorliebe bekannt, und eine Zeitlang gehörte es zum guten Ton in der Gesellschaft, von mir eine Landkarte gezeichnet zu bekommen. Herr Zimmer aus Vorhaus nahm mich eines Tages eigens nach Liegnitz, um mir den reichen Landkartenvorrat, den sein dort wohnender Vater hatte, zu zeigen. Einmal wollten die Eltern einige Tage nach Breslau reisen. Wir Kinder bettelten darum, mitgenommen zu werden. Von der großen Provinzialhauptstadt hatten wir schon allerhand Wunderdinge zu hören bekommen. Als uns die Bitte anfänglich abgeschlagen wurde, tröstete ich mich mit dem Gedanken, dass ich dann umso mehr Zeit haben würde, Karten zu zeichnen, und machte mir meinen Plan. Als dann die Eltern fragten, ob ich mit wolle, erklärte ich, keine Zeit zu haben, und so wurde Alexander an meiner Stelle mitgenommen. Von Zeit zu Zeit musste Vater Verbote des Kartenzeichnens wider mich erlassen, da ich darüber meine Schulaufgaben versäumte.

Als Alexander mir erzählte, was er alles in Breslau gesehen, beneidete ich ihn doch einigermaßen. Aber die Freude, die große Stadt zu kennen, war damit nur aufgeschoben. Im August 1862 reiste Vater mit uns beiden Ältesten für einige Tage dahin. Onkel Max' [Rogge] gastfreies Haus beherbergte uns. Wir tummelten uns mit dem Vetter Hans [Rogge] viel auf dem Zimmerplatz des Onkels herum, besahen aber doch hauptsächlich unter Vaters Leitung die Sehenswürdigkeiten der Stadt, die Universität mit dem zoologischen Museum, das berühmte Rathaus und die Schönsten und sehenswürdigsten Kirchen. Der Höhepunkt für mich war wohl die Besteigung des Turmes der Elisabethkirche, der höchsten der Stadt, und die Besichtigung der großen Glocke auf demselben, der größte Schlesiens, die aber ihrer Größe wegen nicht geläutet, sondern nur angeschlagen werden kann.

Eine andere mich sehr interessierende Reise machten wir im Sommer darauf nach Fürstenstein und [Bad] Salzbrunn. Vater hatte mit Elly, die viel an Heiserkeit laborierte, eine Badreise nach [Bad] Reinerz gemacht. Als er zurückkam, reiste Mutter ihm mit uns beiden und Tante Berta bis zum Eisenbahnknotenpunkt Königszell entgegen. Von da fuhren wir nach Freiburg, wo ein Wagen für die beiden genannten Orte genommen wurde. Fürstenstein ist das Juwel des Waldenburger Berglandes. Aus einem engen, mit dem mannigfaltigsten Grün bewachsenen Talkessel, dem Fürstensteiner Grunde, erheben sich zwei Felskegel, deren einer die alte Burg, der andere das neue Schloss Fürstenstein auf seinem Gipfel trägt. Wir besuchten die Burg und ließen uns in ihr herumführen. Das Schloss konnte, da der Fürst Plat, der Besitzer, anwesend war, nicht besichtigt werden. Von Fürstenstein ging es nach dem eleganten und herrlich gelegenen Badeort Salzbrunn. In einem Gasthause wurde Mittag gegessen. Dann wurde der Brunnen besucht und frisch von der Quelle getrunken. Den Schluss machte ein Ausflug nach Wilhelmshöhe mit prachtvoller Aussicht nach dem Hochwald. - Ich kann sagen, dass mir hier der Sinn für Naturschönheiten zuerst aufgegangen ist. Solange ich in Arnsdorf lebte, war ich dafür noch zu unreif. Ich sah es ja alle Tage, so machte es auf mich keinen Eindruck. Erst in dem eintönigeren Bärsdorf, das übrigens auch seine Schönheiten hatte, lernte ich solche Herrlichkeiten schätzen. Ich habe mich seitdem lange mit dem Wunsch getragen, einmal Pastor von Salzbrunn zu werden.

Eisenbahnfahrten waren für uns immer etwas Seltenes. Wir lernten die Eisenbahn überhaupt erst in Bärsdorf kennen. Im Riesengebirge dachte man damals noch nicht an Eisenbahn. Gleich in den ersten Wochen in Bärsdorf ging Vater mit uns nach Haynau, um uns die Eisenbahn zu zeigen. Ich höre noch, wie Marie Gärtner und Alexander, als wir an einem Hause vorbeigingen, das am Bahndamm lag, zueinander sprachen: Die Leute haben's gut. die können alle Tage die Bahn vorüberfahren sehen. Besonders ein Güterzug wurde bewundert und die Wagen gezählt. Ein Jahr später fuhr ich mit Vater zum ersten Mal auf der Bahn, und zwar von Haynau nach Spittelesdorf, der Bahnstation von Groß Tinz. Wir wollten zu den Großeltern, und da Mutter schon mit unserm Gespann vorausgefahren war, mussten wir diese Beförderungsart wählen. Obgleich die Gegend, durch die die Bahn fuhr, ziemlich eintönig war, lernte ich doch allerhand Geographie dabei auf praktische Weise.

Zu der praktischen Geographie kam bei mir längere Zeit hindurch eine sehr unpraktische, eine Phantasie-Geographie. An der Deichse war gleich unterhalb des Kirchstegs eine Sandbank. Auf derselben gruben wir Kanäle und stellten auf diese Weise einige Inseln her, die sich vom Festland absonderten. Das gab mir Veranlassung, solche Phantasie-Inseln und ein Phantasie-Festland zu zeichnen, mit Städten zu besiedeln und den verschiedenen Ländern Namen zu geben, die ich von den vier Kartenkönigen entlieh. Ich konstruierte mir nun zu den verschiedenen Königreichen meiner Phantasie ganze Dynastien mit Namen der einzelnen Könige und den Jahreszahlen ihrer Herrschaft, ersann Kriege, die sie geführt und Landerwerbungen, die sie gemacht, ganz nach Analogie der wirklichen Geschichte. Auch die Entdeckung eines neuen Erdteils durfte nicht fehlen. Das Ganze verlegte ich auf den Mond. Eine Erwähnung des Zeichen- und Klavierunterrichts kann ich schließlich nicht unterlassen. Da Vater Artur Metzig mit unterrichtete, nahm er wohl an, dass es dem Kantor genehm sein würde, wenn ihm Gelegenheit einer Gegenleistung gegeben werde. So fragte er ihn eines Tages, ob er uns, die wir auf eigene Hand schon seit langem gezeichnet hatten, nicht Zeichenunterricht geben wolle. Er ging gern darauf ein, und so kamen wir anfangs dreimal, später zweimal zum Zeichnen auf sein Zimmer. Etwas später kam auch Klavierunterricht hinzu. Im Zeichnen erzielten wir ganz nette Resultate, besonders Alexander mit seiner großen Akkuratesse und Sauberkeit. Jahrelang bestanden unsere Geburtstagsgeschenke für Vater und Mutter in Zeichnungen, die wir beim Kantor für sie gefertigt. Anders ging es mit dem Klavierunterricht. Während Elly, die von Vater unterrichtet wurde und allerdings in musikalischer Beziehung uns beide weit übertraf, wenn auch unter manchen Tränen eine gute Grundlage legte, brachten wir beide es zu nichts Rechtem. Alexander leistete noch weniger als ich. Der Grund lag zum guten Teil am Unterricht. Der Kantor lag, während wir unsere Stücke nach Wohlfahrts Klavierschule abklappten, auf dem Sofa mit Zeitunglesen beschäftigt und begnügte sich mit Schelten, wenn wir daneben griffen oder nicht Takt hielten. Auf Fingerhaltung konnte er natürlich nicht achten, die war denn auch unter aller Kritik. Alexander gab das Klavierspielen denn auch bald auf. Ich blieb etwas länger dabei, da Vater wünschte, dass ich als zukünftiger Pastor die Orgel kennen lernte. Ich bin dann auch einige Zeit mit dem Kantor zur Orgel gegangen. Aber ich habe es nie dazu gebracht, auch nur einen Choral fehlerlos zu spielen. Ich erwarb mir nur dadurch bei meinem Vater einen neuen Spitznamen: Der Bär auf der Orgel. Als die Aufnahme ins Gymnasium nun in greifbare Nähe trat, wurde auch bei mir der Unterricht, wie überhaupt aller Unterricht beim Kantor, aufgegeben.


[36] Eine Schlacht der Befreiungskriege