© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2018
https://www.ewnor.de / http://erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Teil 4: Leipzig 1870-1873 — Kap.15, Osterferien und Sommersemester 1871

Teil 4 - Leipzig, 1870 bis 1873
Kapitel 15:
Osterferien und Sommersemester 1871

Aus den Osterferien 1871 ist mir nichts Sonderliches in Erinnerung geblieben außer jener Ausarbeitung, die Delitzsch mir aufgetragen, und dem Versuch, Die PerserDie Perser ist eine der großen Tragödien des griechischen Dichters Aischylos. Uraufgeführt im Jahre 472 v. Chr., gilt das Stück als das älteste erhaltene Drama der Welt. Die Perser behandelt den Untergang der persischen Flotte in der Seeschlacht von Salamis aus der fiktiven Sicht des persischen Königshofes.Siehe Wikipedia.org [99] des Aeschylus zu übersetzen, mit dem ich aber nicht weit kam. In das Sommersemester begleitete mich außer Ernst Sachse, der inzwischen in den Paulus eingetreten war, von Cösliner Bekannten Lindemann und Ernst Kühn. In Berlin hatten wir einige Stunden Zeit, die ich dazu benutzte, im Kriegsministerium vorzusprechen. Von Base Hedwig [von Roon], inzwischen verheirateter von Wissmann, wurde ich zuerst empfangen und mit dem Töchterlein Annemarie bekannt gemacht. Die Tante [Anna von Roon geb. Rogge], die gerade Besuch von der Fürstin Bismarck hatte, kam später dazu. Da es gerade Mittagsessenszeit war, wurde ich dazu behalten. Mit einiger Spannung sah ich dem Onkel [Albrecht von Roon] entgegen, den ich seit 1864 nicht gesehen hatte. Der Einzug der Truppen war noch nicht erfolgt. Er aber war augenblicklich zu Hause. Gealtert war er ja natürlich in den für ihn so inhaltsreichen Jahren, aber noch hielt er sich kerzengerade. Dass ich schon Student sei, wollte er mir nicht glauben, denn er meinte, ich sähe aus wie 13 Jahre. Ich habe dann meistens, wenn ich von Hause oder nach Hause reiste, im Kriegsministerium Station gemacht, bald auf längere, bald auf kürzere Zeit. Das ist sehr vorteilhaft, meinte der Onkel. Das war es für mich. Abgesehen davon, dass ich dabei gewöhnlich Mittagessen geschunden habe, einige Mal auch Nachtquartier, wurde mir wiederholt eine kleine Barunterstützung in die Hand gedrückt, sei es zu einem Weihnachtsgeschenk für meine Schwestern oder zu einem Extravergnügen für mich. Auch einige interessante Bekanntschaften habe ich gemacht.

In Leipzig kam ich gerade in die Ostermesse hinein, die größte des Jahres. Interessant war ja das Messgetriebe, aber man war doch froh, wenn die Messgäste sich verzogen hatten und Plätze und Straßen von Messbuden befreit, sich in alter Gestalt darboten. Auf dem Weg zur Universität musste man stets ein bis zwei Minuten mehr rechnen, so hielt das Messgedränge unterwegs auf. Ahlfeld schloss übrigens die Messgäste regelmäßig besonders ins Kirchengebet ein.

Leipziger Messe anno 1844
Leipziger Messe anno 1844

Das neue Semester wurde für mich besonders bedeutsam durch meinen Eintritt in den theologischen Verein. Der nächste Anlass war, dass, da ich bei Kahnis Dogmatik zu hören beabsichtigte, ich auch an den Übungen seiner theologischen Gesellschaft - so war der theologische Verein damals im Vorlesungsverzeichnis angekündigt, erst später wurde die Bezeichnung auf Anregen des Vereins bestimmter und zumeist verständlicher gefasst - teilnehmen wollte. Erst als ich die Absicht anderen gegenüber äußerte, erfuhr ich, dass dies der theologische Verein sei. Ich erkundigte mich nun erst näher nach ihm, da ich nicht ausnahmslos günstiges über ihn gehört, und zwar bei Karbe, von dem ich wusste, dass er früher ihm angehört habe, aber aus ihm ausgetreten sei. Karbe empfahl mir in jeder Weise den Eintritt. Er war seinerzeit auf Wunsch seines Vaters ausgetreten, weil diesem die Stellung des Vereins zum Bekenntnis der Kirche nicht bestimmt genug war. Der Verein hatte ihn darauf von allen Verpflichtungen dispensiert, ihm aber alle Rechte auch ferner zugestanden. Von ihm eingeführt hospitierte ich zunächst im Verein und meldete mich vor Ablauf der gesetzten Frist zum Eintritt. Wer einzutreten wünschte, musste eine Eintrittsarbeit liefern, die dann von einer für jedes Semester gewählten Prüfungskommission geprüft wurde. Ich wählte mir als Thema „CypriansCyprian (* um 200; - 258), eigentlich Thascius Caecilius Cyprianus, war Bischof von Karthago und ein bedeutender Kirchenschriftsteller der Alten Kirche.Siehe Wikipedia.org [100] Bedeutung für die Entwicklung der römischen Hierarchie“ und studierte außer einigen Schriften über ihn hauptsächlich seine Schrift de unitate ecclesiaeDe ecclesiae catholicae unitate - Über die Einheit der katholischen Kirche, das Hauptwerk Cyprians, geschrieben 251 zur Zeit der Synode von Karthago.Siehe Wikipedia.org [101] und seine Briefe. Es machte mir doch besondere Freude, einmal an die Quellen selbst heranzukommen.

Noch ehe die Zeit der Ablieferung kam, war Pfingsten, und ich benutzte die achttägige Pfingstvakanz zu einem Besuch in Egeln bei Onkel Hermann [Rogge], Mutters ältestem Bruder, der damals dort Superintendent war und mich, als er uns im Sommer 1870, unmittelbar vor Ausbruch des Krieges, mit seiner Familie in Cöslin besucht hatte, zu einem Besuch von Leipzig aus eingeladen hatte. Die Eisenbahn benutzte ich nur bis Calbe an der Saale. Von da ging ich quer durch die fruchtbare, aber recht eintönige Gegend, ein Marsch von gegen fünf Stunden, bei heißem Sonnenbrand eine ganz beachtenswerte Leistung. In der Familie verlebte ich gemütliche Tage. Der Onkel nahm lebhaftes Interesse an meinen Studien. Die Tante war mütterlich warmherzig. Mit dem damals 15-jährigen Vetter Wilhelm und der 13-jährigen Base Hedwig vertrug ich mich gut. Von Egeln selber, bekanntlich dem Geburtsort des Theologen LückeFriedrich Lücke (1791-1855) war ein evangelischer Theologe, Universitätsprofessor und Abt des Klosters Bursfelde bei Hann. Münden.Siehe Wikipedia.org [102], hatte ich keinen besonderen Eindruck, es war ein ziemliches Spießernest. Übrigens war der Onkel im Begriff, von da nach Buckau bei Magdeburg überzusiedeln. Mein Rückweg führte mich über Magdeburg, wo ich einige Stunden Aufenthalt hatte und dieselben benutzte, den Dom anzusehen, Eigentümlich berührte es mich, am Sarkophage Ottos des Großen vor dem Hochaltar und an dem seiner Gemahlin Editha hinter denselben zu stehen. Im Übrigen lernte ich hier zuerst die charakteristischen Unterschiede zwischen früher und später Gotik.


[99] Die Perser ist eine der großen Tragödien des griechischen Dichters Aischylos. Uraufgeführt im Jahre 472 v. Chr., gilt das Stück als das älteste erhaltene Drama der Welt. Die Perser behandelt den Untergang der persischen Flotte in der Seeschlacht von Salamis aus der fiktiven Sicht des persischen Königshofes.
[100] Cyprian (* um 200; - 258), eigentlich Thascius Caecilius Cyprianus, war Bischof von Karthago und ein bedeutender Kirchenschriftsteller der Alten Kirche.
[101] De ecclesiae catholicae unitate - Über die Einheit der katholischen Kirche, das Hauptwerk Cyprians, geschrieben 251 zur Zeit der Synode von Karthago.
[102] Friedrich Lücke (1791-1855) war ein evangelischer Theologe, Universitätsprofessor und Abt des Klosters Bursfelde bei Hann. Münden.