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Teil 4: Leipzig 1870-1873 — Kap.25, Zu Gast in Lübeck

Teil 4 - Leipzig, 1870 bis 1873
Kapitel 25:
Zu Gast in Lübeck

In Lübeck angekommen ging ich an dem Holstentor, das ja den Durchreisenden gleich vom Bahnhof aus in die Augen fällt, vorbei und suchte mir zunächst die Pfarrhäuser der Jakobikirche auf.

Blick auf Lübeck anno 1898
Blick auf Lübeck anno 1898
Breite Straße und Jakobikirche anno 1880
Breite Straße und Jakobikirche anno 1880

Jentsch hatte mir einen Empfehlungsbrief an seinen Vetter, den Diakonus Sommer an St. Jakobi, mitgegeben, damit der mich in Lübeck zurechtweise. Als ich mich bei ihm meldete, hörte ich zu meinem Bedauern, dass er auf Urlaub sei. Aber, sagte das Mädchen, das mir diesen Bescheid gab, Sie möchten nur zu Herrn Pastor HofmeierGustav Hofmeier, vollständig Friedrich Gustav Adolph Hofmeier (1826-1893) war ein evangelisch-lutherischer Geistlicher und Hauptpastor an St. Jakobi in Lübeck.Siehe Wikipedia.org [136] gehen. Herr Pastor hat gesagt, alle, die zu ihm kämen, möchten nur zu Herrn Pastor Hofmeier geschickt werden. Ich sagte mir zwar, dass Pastor Sommer bei diesem Auftrag schwerlich an durchreisende Studenten gedacht hätte. Aber item, dachte ich, ich weiß doch nun einen Namen in Lübeck, ließ mir also das Haus des Hauptpastors Hofmeier zeigen, ging aber, da es meiner Berechnung nach gerade Mittagszeit war, nicht sogleich zu ihm, um ihm nicht gerade in die Mittagssuppe zu fallen, sondern ließ mir in einer Restauration ein Beefsteak geben, bummelte etwas in der Stadt herum und begab mich erst gegen vier Uhr wieder dahin, fand aber gerade nun die Familie im Begriff, zu Tisch zu gehen und wurde eingeladen, mitzuessen, was ich denn auch tat, soweit es eben noch ging. Ich brachte mein Anliegen vor, und Hofmeier gab mir seinen 16-jährigen Sohn als Begleitung mit, fragte aber, ehe ich mit demselben das Haus verließ, ob ich auch schon ein Logis hätte, und lud mich, als ich das verneinte, ein, sein Haus als Absteigequartier anzusehen.

Wir gingen in die herrliche Marienkirche, bekanntlich eines der großartigsten gotischen Bauwerke Deutschlands, besahen uns den berühmten TotentanzDer Lübecker Totentanz war eine der bekanntesten und wirkungsmächtigsten Totentanz-Darstellungen. Er wurde beim Luftangriff auf Lübeck in der Nacht zum 29. März 1942 vollständig zerstört.Siehe Wikipedia.org [137], das Overbecksche Gemälde der Grablegung und die astronomische Uhr, statteten auch in dem dicht an der Kirche gelegenen schönen Rathause dem Ratskeller einen Besuch ab und probierten den Wein und besichtigten den im Übergangsstil erbauten Dom. So schön wie die Marienkirche ist er nicht. Schon das Missverhältnis der ungeheuren Länge zu der verhältnismäßig nicht sehr bedeutenden Höhe bedingt das. Aber des Interessanten bietet er auch viel. Auf die beiden Madonnen, die eine von einem Bildhauer, die andere von einem Töpfer gefertigt, die sich dadurch von der über sie verhängten Todesstrafe loskauften, hatte mich Jentsch schon aufmerksam gemacht. Mich ergriff außerdem ein Cruzifixus mit der Umschrift: Aspice, qui transis, quia ti mihi causa dolorisSchau her, der du vorübergehst, da du ja der Grund meines Schmerzes [bist] [138] und eine an einem Pfeiler angebrachte Tafel mit folgender Klage Christi an die undankbare Welt:

Ich bin das Licht - ihr sehet mich nicht.
Ich bin der Weg - ihr gehet mich nicht.
Die Wahrheit - ihr glaubet mir nicht.
Das Leben - man suchet mich nicht.
Ich bin Reich - man bittet mich nicht.
Ich bin Edel - man dienet mir nicht.
Der Schönste - man liebet mich nicht.
Ich bin Barmherzig - man vertrauet mir nicht.
Ich bin Allmächtig - man fürchtet mich nicht.
Ich bin ein Lehrer - man folget mir nicht.
werdet ihr verdammet - verweiset mir's nicht.
*Die beiden großformatigen Tafelbilder stammen aus dem 17. Jahrhundert. Eins zeigt den Heiligen Christophorus (1665), das andere, die Klage Jesu Christi an die undankbare Welt, zeigt Jesus Christus, der den Betrachter auf das Neue Testament verweist, verbunden mit der als Lübecker Domspruch bekannt gewordenen Inschrift.Siehe Wikipedia.org [139]

Auch die Jakobikirche besah ich mir, ebenfalls ein schönes Gotteshaus, von dem mir aber besondere Eindrücke nicht geblieben sind. Vor der Schifferherberge merkte ich mir den schönen Spruch, der anfängt:

Du bist der Mann, Herr Jesu Christ, dem Wind und Meer gehorsam ist. Drum halt mit Gnaden deine Hand auch über unsern Schifferstand.

Am andern Tage machte ich eine Dampfschifffahrt nach Travemünde. In einer Restauration fand ich in einer Fremdenliste den Namen Emanuel GeibelEmanuel Geibel (1815-1884) war ein deutscher Lyriker. Er war ein hoch geschätzter und außergewöhnlich populärer Autor. Weithin bekannt geblieben sind sein Wanderlied Der Mai ist gekommen.Siehe Wikipedia.org [140] und Frl. Berta Geibel. Was hätte ich darum gegeben, den gefeierten Dichter zu sehen! Aber das Haus, auf das die Fremdenliste wies, konnte ich nicht finden.

Abends im Familienkreise machte mir Pastor Hofmeier noch allerlei Vorschläge von Reisezielen. Er empfahl besonders Rostock und Schwerin, fragte aber auch, ob ich Lust hätte, eine Fahrt nach Schweden zu unternehmen. Ich sagte, das ginge schon deshalb nicht, weil mein Geld hierzu nicht lange, ich müsse sehen, dass ich nach Hause komme. Da nahm er mich am Morgen meiner Abreise beiseite und fragte, ob er mir etwa mit einer Unterstützung unter die Arme greifen solle. Das lehnte ich dankend ab, für die Reise nach Hause lange es noch. Dahin müsse ich aber auch aus anderen Gründen. Ich reiste nun quer durch Mecklenburg und kam am Abend spät in Cöslin an. Mein Koffer, den ich von Leipzig direkt per Fracht nach Hause geschickt, war noch nicht da, und so musste ich einstweilen als armer Reisender herumlaufen.

In den Ferien studierte ich Kants Kritik der praktischen Vernunft.


[136] Gustav Hofmeier, vollständig Friedrich Gustav Adolph Hofmeier (1826-1893) war ein evangelisch-lutherischer Geistlicher und Hauptpastor an St. Jakobi in Lübeck.
[137] Der Lübecker Totentanz war eine der bekanntesten und wirkungsmächtigsten Totentanz-Darstellungen. Er wurde beim Luftangriff auf Lübeck in der Nacht zum 29. März 1942 vollständig zerstört.
[138] Schau her, der du vorübergehst, da du ja der Grund meines Schmerzes [bist]
[139] Die beiden großformatigen Tafelbilder stammen aus dem 17. Jahrhundert. Eins zeigt den Heiligen Christophorus (1665), das andere, die Klage Jesu Christi an die undankbare Welt, zeigt Jesus Christus, der den Betrachter auf das Neue Testament verweist, verbunden mit der als Lübecker Domspruch bekannt gewordenen Inschrift.
[140] Emanuel Geibel (1815-1884) war ein deutscher Lyriker. Er war ein hoch geschätzter und außergewöhnlich populärer Autor. Weithin bekannt geblieben sind sein Wanderlied Der Mai ist gekommen.