© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2018
https://ewnor.de / http://www.erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit dem schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Teil 4: Leipzig 1870-1873 — Kap.4, Vorlesungsbeginn

Teil 4 - Leipzig, 1870 bis 1873
Kapitel 4:
Vorlesungsbeginn

Am ersten Sonntag, den ich in Leipzig verlebte, besuchte ich die Thomaskirche und hörte D. LechlerGotthard Victor Lechler (1811-1888) war ein evangelischer Theologe. Er war Superintendent und Professor in Leipzig und von Amts wegen Mitglied der I. Kammer des Sächsischen Landtags.Siehe Wikipedia.org [19], der damals noch das Amt eines Hauptpastors an dieser Kirche und Stadtsuperintendenten von Leipzig mit seiner Professur verband. Die Predigt war gut gemeint, machte aber keinen sonderlichen Eindruck auf mich. Ein großer Redner war Lechler nicht. Böse Zungen behaupteten, er wäre eigentlich nur aus Versehen nach Leipzig berufen worden, da man ihn mit seinem Bruder Karl Lechler verwechselt hätte. Darauf deutet auch wohl das biblische Motto hin, das ein witziger Kopf, der jeden der Leipziger Theologie-Professoren mit einem solchen versah, für ihn gewählt hatte: Ich habe eine schwere Sprache und eine schwere Zunge. In seinen Vorlesungen kostete ihn jedes Wort, das er sprach, eine körperliche Anstrengung, wie man das an dem Ruck sah, den er sich jedes Mal gab, und als Examinator war er gefürchtet nicht wegen seiner Strenge, denn es konnte wohl keinen milderen, wohlwollenderen Mann geben, aber wegen der Schwerfälligkeit und Ungewandtheit seines Ausdrucks. Ich habe selbst, da die theologischen Examina in Leipzig öffentlich waren, Fragen aus seinem Munde gehört, die man beim besten Willen nicht beantworten konnte. Andere machten die Runde in der Studentenwelt und erregten die Heiterkeit der Nichtbeteiligten, die Verlegenheit der Beteiligten. Doch soll er gelegentlich auch große Schlagfertigkeit bewiesen haben.

So wird von ihm die Anekdote erzählt, dass er einst in einer Gesellschaft einen Leutnant, der in etwas weinseliger Stimmung sein Glas gegen ihn erhoben mit den Worten: Herr Jesu Christ, dich zu uns wend, es lebe der Herr Super'ndent unverweilt sein Glas wiederum gegen ihn erhebend geantwortet habe Den Glauben mehr, stärk den Verstand, es lebe der Herr Leutenant. Wenige Tage nach dem Beginn des Semesters, am 31. Oktober, war Dekanatswechsel, und Lechler wurde Dekan. Ich war, da ich vor dem Termin den bisherigen Dekan Luthardt nicht mehr sprechen konnte, genötigt, zu ihm zu gehen und mir ein Dekanatszeugnis über belegte Vorlesungen zu erbitten. Da er gerade Kirchengeschichte 1. Teil las, war mir's etwas peinlich, als er mich fragte, warum ich mit dem 2. Teil der Kirchengeschichte begönne. Er hat mir's aber nicht nachgetragen. Ich habe hernach bei ihm nur einige Publica gehört, Auslegung des Jacobusbriefes und Kirchenrecht. Seine Vorlesungen waren nur schwach besucht. Da er Kirchengeschichte nach gedruckten Paragraphen las, die eine gute Übersicht gaben und er sie auch denen vollzählig nachlieferte, die nur den zweiten Teil bei ihm hörten, kam es wohl vor, dass Studenten repetendowiederholend [20], nachdem sie Kirchengeschichte bei Kahnis gehört, wobei überdies nur das halbe Honorar entrichtet wurde, bei ihm hörten, um ein vollständiges Exemplar seiner Paragraphen zu erhalten. Er zeichnete sich dadurch vor allen übrigen Dozenten aus, dass er stets beim Eintritt in das Auditorium seine Zuhörer mit den Worten: Guten Morgen, meine Herren begrüßte.

Doch ich habe vorgegriffen. Montag den 24. Oktober begannen endlich die Vorlesungen der meisten Theologen. Früh acht Uhr war ich mit meiner Mappe zur Stelle. Durch das AugusteumDas Augusteum ist ein Gebäude der Universität Leipzig auf der Westseite des Leipziger Augustusplatzes. Es schloss sich linksseitig an die Paulinerkirche an. Der Bau wurde in den Jahren 1831 bis 1836 nach Plänen von Albert Geutebrück errichtet. Die Fassade ging auf einen klassizistischen Entwurf Karl Friedrich Schinkels zurück.Siehe Wikipedia.org [21] über den ersten Hof, auf den der Karzer herabblickte, kenntlich an den Mützen verschiedener Korporationen, die da zum Fenster heraushingen, wenn ein Mitglied derselben den KarzerDer Karzer (lat. carcer: Umfriedung, Kerker) war bis ins frühe 20. Jahrhundert eine Arrestzelle in Universitäten und Schulen.Siehe Wikipedia.org [22] bewohnte, dann durch den Kreuzgang des alten Dominikanerklosters, wo gerade alte Fresken von dem darüber geschmierten Putz befreit wurden, ging es auf den zweiten Hof, wo linker Hand das Konviktsgebäude stand. Denn in Auditorium I über dem Konvikt, dem zweitgrößten der Universität, las Kahnis Kirchengeschichte. Das Auditorium war bald gefüllt. Weit über 100 Personen fasste es. Ich wunderte mich, dass die Studenten ganz ungeniert rauchten, bis der Professor eintrat. Noch mehr wunderte ich mich über das tosende Getrampel, als Kahnis, den Hut vor die Brust haltend, raschen Ganges durch die vom FamulusStudentische Hilfskraft, die unterstützende Tätigkeiten in Lehre, Forschung und Service verrichtet. [23] geöffnete Tür hereinkam und auf das Katheder zuschritt. Es war die oratio pedestris, mit der das Auditorium dem Dozenten huldigte, und an deren Stärke man das Maß der Beliebtheit erkannte, deren der Dozent sich erfreute. Kahnis begann, anknüpfend an die Zeitereignisse, die Kämpfe und Siege der Deutschen in Frankreich, wiederholt von Beifallsgetrampel unterbrochen, wenn er darauf hinwies, dass es sittliche Kräfte seien, die den Sieg bedingten, um dann zu seinem Gegenstande überzugehen.

Der beginnende Krieg hatte das vorige Semester vorzeitig unterbrochen. Deshalb hatte Kahnis die erste Periode, das vorkonstantinische Zeitalter, noch nicht zu Ende geführt. Er charakterisierte die verschiedenen Zeitalter mit kurzen, markigen Strichen. Ganz von seinem Gegenstand hingenommen, riss er auch uns mit sich fort. Man musste bei ihm warm werden. In anderer Weise, aber nicht minder stark, fesselte mich die zweite Vorlesung, die ich hörte, die von Luthardt über das Johannesevangelium. Auch hier ein bis auf den letzten Platz gefülltes, wenn auch etwas kleineres Auditorium. War Kahnis nur von mäßiger Größe, so ragte Luthardts Gestalt über Mittelmaß empor und war dabei breit und knochig. Die mächtig zurückgebogene Stirn, die herrschende Bassstimme hatte etwas Imponierendes. Er sprach nicht so feurig wie Kahnis, aber mit umso größerer Wucht. Er begann mit der Authentie des Johannesevangeliums und besprach die Angriffe von Bretschneider, David Strauß, Bruno Bauer und Ferdinand Christian Bauer. Da Luthardt in demselben Auditorium hernach Dogmatik las, mussten wir wieder in ein etwas kleineres Auditorium übersiedeln, um bei Delitzsch Psalmen zu hören. Hier war es anfangs schwer, überhaupt Platz zu finden. Delitzsch war klein, das dünne, lockige Haar fast weiß, die Wangen aber frisch gerötet. Kahnis verglich ihn mit einer Winterlandschaft. Der Kopf steckte in einer weißen, steifen Halsbinde. Die ganze Erscheinung machte den Eindruck peinlicher Sauberkeit. Die Überschrift, die Delitzsch seiner Vorlesung gab, lautete: Die kulturgeschichtlich wichtigsten Psalmen. Er wollte uns also das Psalmbuch nicht nur nach seiner heilsgeschichtlichen Bedeutung schätzen, sondern auch als Kirchenbuch kennen lehren.

Alle drei Vorlesungen zogen mich, jede in ihrer Weise, ungemein an. Mit einem Schlage war mein Heimweh überwunden. Ich wusste nun, wozu ich in Leipzig war und sagte mir, dass die Beschäftigung mit den Gegenständen, in die ich eingeführt wurde, mir dauernde Befriedigung geben würde.

Kahnis, Luthardt und Delitzsch bildeten ja das Dreigestirn, das den Glanz der Leipziger theologischen Fakultät herbeigeführt hatte und aus allen Teilen Deutschlands über dessen Grenzen hinaus Scharen von Hörern herbeizog. Bei aller Verschiedenheit der Veranlagung und Begabung waren sie sich darin gleich, dass sie mit ihrem Lehramt der Kirche dienen, Diener der Kirche zurüsten wollten, nicht nur äußerlich, sondern, soweit das in Menschenkraft liegt, auch innerlich. Das gab ihren Vorträgen die wärmende und zündende Kraft. Dagegen lag die Schranke ihrer Wirksamkeit darin, dass sie keine Schüler heranzogen. Es sind keine irgendwie namhaften Dozenten aus ihrer Schule hervorgegangen.

Kahnis war seinerzeit für systematische Theologie berufen worden. Erst nachträglich hatte er auch den Lehrauftrag für Kirchengeschichte erhalten. Und im Historischen lag seine eigentliche Begabung. Auch in seiner Dogmatik nahm das Historische den breitesten Raum ein. Die eigentliche Lehrentwicklung fiel dagegen etwas dürftig aus. Seine große dreibändige Dogmatik der ersten Auflage war mehr eine Enzyklopädie als eine Dogmatik, sofern sie nach einer eingehenden Geschichte der Dogmatik nacheinander die Elemente, aus denen nach seiner Auffassung das Dogma sich bildet, und erst am Schluss das System brachte. In der zweiten Auflage verließ er diesen Weg, aber auch sie nannte er historisch-dogmatisch. Doch auch in der Kirchengeschichte bestand seine Stärke nicht in der Einzelforschung, sondern in der lichtvollen Zusammenfassung. Persönlichkeiten. Zeitalter mit wenigen Strichen zu charakterisieren, darin war er Meister. Sein bestes war daher wohl eine Dogmengeschichte und neben ihr die Theologische Enzyklopädie. Sein dogmatisches Kolleg war instruktiv durch die festen Formeln, die er einzuprägen verstand. Er liebte es hier wohl, seine Ausführungen durch eine kurze Formulierung in lateinischer Sprache, die er mit großer Gewandtheit handhabte, abzuschließen. Er stand dann, den Kopf an die Rückwand des Katheders lehnend, die Augen schließend und mit dem Finger, den ein Schlüssel umschloss, kleine Kreise beschreibend, vor uns. Gewöhnlich fasste er auch das, was er vorgetragen, zum Schluss in einem Diktat zusammen. Den theologischen Elementarlehrer hat man ihn deshalb wohl genannt. Dabei hielt er sich stets in Konnex mit seinen Hörern. Sein Vortrag glich oft einem Gespräch.


[19] Gotthard Victor Lechler (1811-1888) war ein evangelischer Theologe. Er war Superintendent und Professor in Leipzig und von Amts wegen Mitglied der I. Kammer des Sächsischen Landtags.
[20] wiederholend
[21] Das Augusteum ist ein Gebäude der Universität Leipzig auf der Westseite des Leipziger Augustusplatzes. Es schloss sich linksseitig an die Paulinerkirche an. Der Bau wurde in den Jahren 1831 bis 1836 nach Plänen von Albert Geutebrück errichtet. Die Fassade ging auf einen klassizistischen Entwurf Karl Friedrich Schinkels zurück.
[22] Der Karzer (lat. carcer: Umfriedung, Kerker) war bis ins frühe 20. Jahrhundert eine Arrestzelle in Universitäten und Schulen.
[23] Studentische Hilfskraft, die unterstützende Tätigkeiten in Lehre, Forschung und Service verrichtet