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Teil 4: Leipzig 1870-1873 — Kap.6, Professoren Luthardt und Delitzsch

Teil 4 - Leipzig, 1870 bis 1873
Kapitel 6:
Professoren Luthardt und Delitzsch

Luthardt las neben neutestamentlicher Exegese Dogmatik und Ethik. In seiner Exegese legte er nicht so sehr Wert auf die grammatischen Einzelheiten als darauf, ein Gesamtbild des auszulegenden Textes zu geben. Das beste Kolleg war in dieser Beziehung das über das Johannesevangelium, dem ja ein großer Teil seiner Lebensarbeit überhaupt gewidmet war.

Wenigstens erschien mir es so, der ja allerdings dies Kolleg im ersten Semester hörte, wo man naturgemäß noch nicht so kritisch gestimmt ist. Im Ganzen war Luthardt wohl mehr Systematiker als Exeget. Und sein bestes Kolleg überhaupt war die Ethik, in der sein weltoffener Blick und sein gesundes Urteil am meisten uns entgegen traten. Luthardt war ja unter den ihm innerlich am nächsten stehenden Kollegen am meisten der Mann der Tat. Neben seiner kirchenpolitischen Tätigkeit und der Herausgabe der evangelisch-lutherischen Kirchenzeitung haben ihn in weiteren Kreisen am meisten seine apologetischen Vorträge bekannt gemacht. Die dritte Serie derselben, die über die Moral des Christentums, habe ich in jenen Jahren gehört. Sie machten den Inhalt seiner Vorlesungen weiteren Kreisen zugänglich. Seine Dogmatik, die ich im dritten Semester repetendo hörte, nachdem ich sie schon im zweiten bei Kahnis gehört, imponierten mir besonders im Anfang nicht wenig. Im weiteren Verlauf ließ dieser Eindruck etwas nach, und seinen ChiliasmusChiliasmus (von gr. chilia tausend) bezeichnet ursprünglich den Glauben an die Wiederkunft Jesu Christi und das Aufrichten seines tausend Jahre währenden Reiches. Der Begriff wird auch allgemeiner als Bezeichnung für den Glauben an das nahe Ende der gegenwärtigen Welt, manchmal verbunden mit der Erschaffung eines irdischen Paradieses, oder für einen apokalyptischen Fatalismus im Zusammenhang mit einer Jahrtausendwende verwendet.Siehe Wikipedia.org [40] am Ende konnte ich mir am allerwenigsten zu Eigen machen. Auch an seiner dogmatischen Sozietät nahm ich vom dritten Semester an teil. Zu größeren Arbeiten in derselben kam ich noch nicht, da er dieselben erst den letzten Semestern aufzutragen pflegte. Nur sein Kompendium ließ ich mir von ihm abhören. War Kahnis bei manchen als Ketzer verschrien, so Luthardt bei anderen als extremer Orthodoxer. Beides mit Unrecht. Wenn jener witzige Kopf, den ich vorhin erwähnte, ihm das Motto gab: So auch ein Engel vom Himmel euch würde Evangelium verkündigen, anders denn ihr es von mir gehört habt, der sei verflucht, so lag das viel mehr an dem Gewicht, mit dem er seinen Standpunkt zu vertreten pflegte, als an dem Inhalt dessen, was er lehrte. In seine systematischen Vorlesungen pflegte er ganz kurze Paragraphen zu diktieren, die er dann im mündlichen Vortrag ausführte. Diese Ausführungen musste man nachschreiben, wenn man etwas von der Vorlesung haben wollte. Es schrieb sich bei ihm aber gut nach, wegen seines langsamen und gewichtigen Vortrages.

Feinsinniger als die beiden genannten Koryphäen war Delitzsch, aber deshalb im mündlichen Vortrage nicht so wirksam wie sie, weil er im Suchen nach dem besten, sachgemäßesten Ausdruck oft mit der Sprache ringen musste. Ich habe auch mehr von seinen systematischen Vorlesungen, Einleitung ins Alte Testament - er nannte es Geschichte des alttestamentlichen Schrifttums - und Geschichte des alten Bundes mehr gehabt als von seinen rein exegetischen. Mehr noch aber als seinen Vorlesungen überhaupt danke ich seinem persönlichen Umgang. Das Glück desselben wurde mir ungesucht zuteil. Er pflegte auch ein Diktat zu geben, das er dann näher erläuterte. Ich saß in der ersten Reihe seiner Zuhörer und pflegte ihm, wenn er sprach, fest ins Gesicht zu blicken. Da kam eines Tages sein Famulus an mich heran und bat um meinen Namen und den meiner Heimat. Kurze Zeit darauf, am ersten Adventssonntage - ich war ausnahmsweise sonntags bei Kahnis zu Tisch gewesen - ging ich in das von Studenten und auch von Dozenten viel besuchte Café Hanisch, um eine Tasse Kaffee zu trinken. Da sitzt Delitzsch und fragt mich: Sind Sie nicht Herr Dittrich? Als ich bejahte, fragte er weiter, ob ich hier jemanden suchte, und auf meine Auskunft, dass ich nur eine Tasse Kaffee trinken wollte, antwortete er: Das können Sie auch bei mir tun. Sofort bestellte er mir eine Tasse, und da er hörte, dass ich nicht rauchte, auch etwas zu knabbern, und fing an, nach diesem und jenem zu fragen, wobei sich dann auch verschiedene Beziehungen fanden. Dann musste ich ihn noch auf einem Spaziergang begleiten, auf dem er mir sagte, er hätte bei mir Interesse an seinen Vorlesungen wahrzunehmen geglaubt, das tue einem Dozenten wohl und erhöhe seine Freudigkeit - und mich schließlich beim Abschied aufforderte, ihn zu besuchen und ihn besonders zu fragen, wo ich nähere Auskunft über etwas in seinen Vorlesungen oder wo mir sonst etwas dunkel geblieben wäre, wünschte.

Das tat ich denn auch bei nächster Gelegenheit, wobei sich ihm allerdings meine kolossale Unwissenheit im Hebräischen offenbarte. Das hinderte ihn aber nicht, mir weiter sein Wohlwollen zu erweisen. Ich musste ihn noch oft nach Café Hanisch, die Exkneipe der Nordelbingier, wie er es nannte, oder ins Rosental begleiten, und immer waren diese Spaziergänge instruktiv für mich. Als ich am Schluss des ersten Semesters ihn besuchte, forderte er mich auf, während der Ferien eine Arbeit über das Lied am Schilfmeer, seine Sprach- und Kunstform, zu machen. Pastor Zahn in Cöslin, den ich um Literatur bat, lieh mir dazu Kurtz' Geschichte des alten Bundes und Ewalds Geschichte Israels, und so machte ich mich mit Hilfe dieser Hilfsmittel und des Geseniusschen Lexikons an ein Opus, das ich nach den Ferien mit einigem Zagen Delitzsch übergab. Ich war angenehm überrascht, als er mir bei einer Abfütterung, zu der er mich eingeladen hatte, eröffnete, er habe meine Arbeit gelesen und sei recht zufrieden mit ihr. Bei einer Besprechung, zu der ich mich auf seine Aufforderung hin kurz darauf bei ihm einfand, limitierte er dieses Urteil zwar einigermaßen, aber sein freundliches Interesse, das er mir oft in der beschämendsten Weise erwies, blieb mir bis an sein Lebensende bewahrt. Am Ende des zweiten Semesters übergab er mir die Aushängebögen seines eben in neuer Auflage herauskommenden Genesis-Kommentars mit der Aufforderung, etymologische Register zu demselben anzufertigen. Dazu kamen dann später gleiche Register zu den Kommentaren über die Psalmen, Hoheslied und Koheleth, Hiob und Jesaia. Auf diese Weise lernte ich diese theologisch so überaus gehaltvollen Kommentare kennen und erhielt sie kostenlos, und jedes Mal ein kleines Honorar dazu. Bin ich auch in der Folge kein großer Hebräer geworden, so wurde ich doch aus meiner bisher schier hoffnungslosen Ignoranz erlöst und bin hierfür wie für so manches andere dem wahrhaft liebenswerten Delitzsch zu lebenslänglichem Dank verpflichtet. Wie fein er seine Liebe zu äußern pflegte, dafür nur ein Beispiel. In einem späteren Semester wohnte ich Nürnberger Straße 48, wenige Häuser von ihm entfernt, dessen Wohnung Nr. 54 derselben Straße war. Bei ihm wohnte damals noch sein ältester Sohn Johannes, Lic. theol. und Privatdozent. Einige Mal hatte der Postbote an mich bestellte Briefe versehentlich an diesen abgegeben, da der gleiche Vorname, der gleiche Anfangsbuchstabe des Zunamens und der gleiche Straßenname ihn irre geführt hatte. Delitzsch schickte mir den versehentlich abgegebenen Brief mit der Post zu, indem er auf den Umschlag schrieb: Dieser Brief hat sich in mein Haus verirrt, ich glaube, einem unbewussten Zuge folgend, da Sie meinem Herzen nahe stehen.

Die Geselligkeit bei Delitzsch beschränkte sich auf eine in jedem Semester stattfindende Abfütterung, zu der er die ihm bekannten Studenten einlud. Man wurde dann gleich in das Zimmer geführt, in dem der gedeckte Tisch stand. Wenn alle Geladenen versammelt waren, wies Delitzsch die Plätze an, und erst, wenn alle saßen und herumgereicht wurde, stellte er die Anwesenden einander vor. Nach einer Weile stand er dann auf und ging zu jedem einzelnen, um, hinter seinem Stuhle stehend, ihn besonders anzureden. Im letzten Jahr, wo ich in Leipzig war, fand eine solche Abfütterung meines Wissens nicht mehr statt. Der Tod seines zweiten Sohnes, Mediziner, der im Krieg einen Knacks weggekriegt hatte und der nach langen, zwischen Furcht und Hoffnung zugebrachten Wochen im Winter 1872 am Typhus starb, beugte ihn tief.

Verglichen mit Kahnis und Delitzsch hatte Luthardt im persönlichen Verkehr etwas Steifes. Besuchte man ihn in seiner Sprechstunde, so wurde man nicht recht warm mit ihm. Erst wenn er einem dann beim Abschied seine große Hand reichte, brach durch das Behüt Sie Gott ein wärmerer Ton hindurch. Er lud die ihm bekannten Studenten an den Sonntagen im Winter zu offenen Abenden, aber erst nach dem Abendessen, ein. Es wurde nur Tee und Zwieback gereicht. Dann taute er auf und ließ wohl ein fröhliches Studentenlied singen oder sonst musizieren.


[40] Chiliasmus (von gr. chilia tausend) bezeichnet ursprünglich den Glauben an die Wiederkunft Jesu Christi und das Aufrichten seines tausend Jahre währenden Reiches. Der Begriff wird auch allgemeiner als Bezeichnung für den Glauben an das nahe Ende der gegenwärtigen Welt, manchmal verbunden mit der Erschaffung eines irdischen Paradieses, oder für einen apokalyptischen Fatalismus im Zusammenhang mit einer Jahrtausendwende verwendet.