© Copyright by Erinnerungswerkstatt Norderstedt 2004 - 2018
https://ewnor.de / http://www.erinnerungswerkstatt-norderstedt.de
Ausdruck nur als Leseprobe zum persönlichen Gebrauch, weitergehende Nutzung oder Weitergabe in jeglicher Form nur mit dem schriftlichem Einverständnis der Urheber!
Göttingen, 1873 bis 1874 — An Anschluss an Kommilitonen fehlte es nicht

Teil 5 - Göttingen, 1873 bis 1874
Kapitel 10
An Anschluss an Kommilitonen fehlte es nicht

So verschieden mein Göttinger Universitätsleben von dem in Leipzig sich gestaltete, so fehlte es doch auch hier nicht an mancherlei Anregung. Auch an Anschluss an Kommilitonen fehlte es nicht. Gab es in Göttingen keinen theologischen Verein, so schloss ich mich dafür mit den mit mir nach Göttingen übergesiedelten umso inniger zusammen. Dazu kamen neue, teils auch die alten Leipziger hinzu, teils durch Peips Weendeum und die Mitgliedschaft des praktischen Seminars. Besonders schnell bekannt wurde ich natürlich mit denen, deren Gesichter mir von Leipzig her erinnerlich waren. Brauer, Hoppe, Holscher habe ich schon genannt. Neben ihnen möchte ich noch den biederen Beermann erwähnen, Kaspar genannt, ein besonders inniger, treuer Mensch, der sich zum Studium der Theologie entschlossen ohne alle Einflüsse aus dem Elternhause, ja wohl gar gegen dieselben. Aus der LüneburgiaFrisia - Corps der Friesen und Lüneburger ist ein pflichtschlagendes und farbentragendes Corps an der Georg-August-Universität Göttingen. Die Studentenverbindung wurde 1811 als Zusammenschluss ostfriesischer Studenten in Göttingen gegründet.Siehe Wikipedia.org [36], der Helmolt in Göttingen angehörte, lernte ich Kuhlgatz näher kennen, praktisch und schöngeistig veranlagt, dem man es nicht anmerkte, dass er kurz vorher aus dem Irrenhause entlassen war. Leider kehrte seine Krankheit später wieder und veranlasste feine frühzeitige Emeritierung. Auch ein alter Mitschüler tauchte plötzlich auf, Felix Böhmer, der die letzten Semester auf das Examen ochsen wollte. Ich habe ihn aber nur ein und das andere Mal gesehen. Näheren Umgang bekam ich mit ihm nicht.

Erwähnen möchte ich endlich noch Bernstorf aus Sülze bei Hermannsburg. Auch er war einer, dessen Gesicht mir noch von Leipzig her erinnerlich war. Er war erheblich älter als wir alle, hatte seinerzeit die Schlacht von Langensalza als Artillerist mitgemacht und sich erst später zum Studium entschlossen. Seine Stirn war bereits ziemlich kahl, und er hatte sich die Reserve von hinten herauf gekämmt. In jener Studentenversammlung, die am Tage nach meiner Aufnahme in den theologischen Verein stattfand, hatte er sich dadurch bemerklich gemacht, dass er die Verhandlungen gegenüber den Störfrieden dadurch auf das einzig richtige Geleis zu schieben suchte, dass er denselben die einfache Frage entgegenwarf: Wer ist denn eingeladen? Leider war Jentsch darauf nicht eingegangen, und so war die Sache verpfuscht worden. Wir sahen ihn aber seitdem mit besonderem Respekt an. Jetzt stand er vor dem Examen, und ich repetierte mit ihm und war überhaupt viel mit ihm zusammen, erkannte dabei freilich, dass er kein besonderes Licht war. Aber ein gerader, aufrichtiger Mensch war er, wenn ihm auch die Kinderstube fehlte und er mit seiner Offenherzigkeit deshalb verschiedentlich anstieß, auch bei Professoren, u. a. bei Peip, der es gar nicht gern sah, dass ich mit ihm verkehrte und es übel vermerkte, dass ich an einem Sonntag, für den er einen Ausflug nach Bursfelde geplant hatte, stattdessen mit Bernstorf nach Kassel und Wilhelmshöhe fuhr. Bernstorf suchte auf diesem Ausflug festzustellen, ob die Leute in Kassel auch wüssten, dass sie von den ChattenDie Chatten (lat. Chatti) waren ein germanischer Volksstamm, der im Bereich der Täler von Eder, Fulda und des Oberlaufes der Lahn seinen Siedlungsschwerpunkt hatte, was zu großen Teilen dem heutigen Niederhessen und Oberhessen bzw. Nordhessen und zum Teil Mittelhessen entspricht.Siehe Wikipedia.org [37] abstammten. So richtete er, als wir auf einer Terrasse saßen und unsern Kaffee tranken, an ein paar kleine Mädchen an einem benachbarten Tisch eine bezügliche Frage. Dabei stellte sich's heraus, dass das gar keine Kasselerinnen waren, sondern echte Berlinerinnen. Als er sagte: Ich möchte doch nicht aus Berlin sein, wenn ich daher käme, schämte ich mir die Augen aus, antworteten diese schnippisch und schlagfertig: Da bin ich eben anderer Ansicht.

Auf der Rückfahrt trafen wir mit Rocholls SohnTheodor Rocholl (1854-1933) war ein Maler, Grafiker und Schriftsteller. Bekannt wurde er besonders durch seine Bildberichterstattung von der Front mehrerer Kriege und andere Schlachtengemälde sowie durch Landschaften, Porträts und Illustrationen.Siehe Wikipedia.org [38] zusammen, dem nachmals so bekannt gewordenen Maler, der damals bei PilotyCarl Theodor von Piloty (1826-1886) war ein deutscher Maler.Siehe Wikipedia.org [39] in München studierte und gerade in die Ferien reiste, übrigens seines Vaters verjüngtes Abbild. Ich hatte beabsichtigt, den Abend noch zu Rocholls zu gehen, unterließ es nun aber, um das erste Zusammensein des Sohnes mit den Eltern nicht zu stören. Einige Tage darauf fragte mich Frau Superintendent, warum ich nicht gekommen wäre, ihr Sohn hätte gefragt: Wo ist denn eigentlich Herr Dittrich, von dem ihr mir so viel erzählt habt? Er hatte bei der gegenseitigen Vorstellung im Bahnzuge, wie das meistens geht, meinen Namen nicht verstanden. Wie mit Rocholls, so wurde übrigens auch mit Ehrenfeuchters der Verkehr immer zwangloser. Ich habe manchmal auf der grünen Veranda am Hause gesessen, und Frau Abt nahm ein mütterliches Interesse an mir. Eines Tages, als ich hinkam, hörte ich, dass Oberkonsistorialrat DüsterdiekFriedrich Düsterdieck (1822-1906) war ein protestantischer Theologe und langjähriges Kirchenleitungsmitglied in Hannover.Siehe Wikipedia.org [40] gerade da war. Der Abt nahm auch die Gelegenheit wahr, mich demselben vorzustellen als zukünftigen hannoverschen Kandidaten. Und, fügte er hinzu, ich glaube, dass Sie da gar keine schlechte Akquisitation machen. Düsterdiek sagte: Wir nehmen Sie ja mit Freuden an.

Meinen Heimweg aus dem Semester nahm ich dies Mal über Leipzig, um die alten Freunde wiederzusehen. Ich kam gerade zu einem Bummel, den der Verein mit Kahnis machte, der mich mit alter Herzlichkeit begrüßte. Schnedermann, der gerade sein Examen mit der Eins bestanden, wurde gebührlich gefeiert. Ich nahm auch Gelegenheit, denselben mit Peip bekannt zu machen, der, wohl durch meine Erzählungen veranlasst, in den Tagen auch gerade nach Leipzig kam und u. a. Kahnis besuchte, von dem er auch ganz angetan war, besonders überrascht von dessen Bekanntschaft mit Göttinger Verhältnissen und seinem treffenden Urteil über die dortigen Persönlichkeiten. In Leipzig hörte ich in diesen Tagen auch die Disputation Kaftanssiehe Teil Leipzig, Kapitel 26 [41] an, der sich habilitieren wollte, aber ehe er anfing zu lesen, einem Ruf nach Basel an OrellisHans Konrad von Orelli (1846-1912) war ein reformierter Theologe und Professor der Theologie in Basel.Siehe Wikipedia.org [42] Stelle folgte. Von Leipzig fuhr ich dann noch für einige Tage mit Freund Wagner nach Ebersdorf und verlebte dort in seinem Vaterhause einige gemütliche Tage.

In Cöslin predigte ich in den Ferien wieder einmal in St. Marien. Außerdem waren unsere Gedanken in der Zeit stark in Anspruch genommen von der Hochzeit meiner Freundin und Lehrerin Helene von Tiedemann. Elly war als Brautjungfer geladen. Ich fabrizierte mit Mutters Hilfe ein Kranzgedicht.


[36] Frisia - Corps der Friesen und Lüneburger ist ein pflichtschlagendes und farbentragendes Corps an der Georg-August-Universität Göttingen. Die Studentenverbindung wurde 1811 als Zusammenschluss ostfriesischer Studenten in Göttingen gegründet.
[37] Die Chatten (lat. Chatti) waren ein germanischer Volksstamm, der im Bereich der Täler von Eder, Fulda und des Oberlaufes der Lahn seinen Siedlungsschwerpunkt hatte, was zu großen Teilen dem heutigen Niederhessen und Oberhessen bzw. Nordhessen und zum Teil Mittelhessen entspricht.
[38] Theodor Rocholl (1854-1933) war ein Maler, Grafiker und Schriftsteller. Bekannt wurde er besonders durch seine Bildberichterstattung von der Front mehrerer Kriege und andere Schlachtengemälde sowie durch Landschaften, Porträts und Illustrationen.
[39] Carl Theodor von Piloty (1826-1886) war ein deutscher Maler.
[40] Friedrich Düsterdieck (1822-1906) war ein protestantischer Theologe und langjähriges Kirchenleitungsmitglied in Hannover.
[41] siehe Teil Leipzig, Kapitel 26
[42] Hans Konrad von Orelli (1846-1912) war ein reformierter Theologe und Professor der Theologie in Basel.