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Göttingen, 1873 bis 1874 — Schriftliche und praktische Prüfungen

Teil 5 - Göttingen, 1873 bis 1874
Kapitel 13
Schriftliche und praktische Prüfungen

Nach dem Fest ging's dann zurück nach Göttingen, wo Kisten gepackt, Abschiedsbesuche gemacht und die letzten Vorbereitungen auf das Examen getroffen wurden. Sonntag Quasimodogeniti1. Sonntag nach OsternSiehe Wikipedia.org [50], den 12. April, fuhren wir nach Hannover, wo wir Examinanden, soweit wir keine persönliche Beziehung hatten, in Stadt Braunschweig auf der Schmiedestraße unser Logis nahmen. Am Montagvormittag wurde in der Stadt herumgebummelt. Um zwei Uhr ging's auf die Wilhelmstraße zu Oberkonsistorialrat Uhlhorn.

Uhlhorn forderte uns auf, am andern Tag aufs Landeskonsistorium zur lateinischen Klausur zu kommen. Er teilte uns mit, dass wir am Tage nach dem mündlichen Examen eine Katechisations- und Predigtprobe in der Schlosskirche würden abhalten müssen. Den Entwurf zur Katechese hätten wir sub clausuraunter Klausur, also selbständig und unter Aufsicht [51] auszuarbeiten. Für die Predigtprobe sollten wir einen Teil der eingelieferten Predigt memorieren, nicht viel, aber gründlich und genau. Die vorschriftsmäßigen Besuche bei den Mitgliedern des Landeskonsistoriums und Konsistoriums dürften wir zur Ermöglichung rechtzeitiger Abreise schon in den Tagen des Examens machen.

Schließlich sprach er uns Mut ein. Ob er das bei mir für besonders nötig hielt, weiß ich nicht. Aber er sah mich dabei jedenfalls besonders an. Wir gingen guten Mutes von ihm.

Am andern Tag also ging's zur lateinischen Klausur unter Uhlhorns Aufsicht. Zum Thema erhielten wir die Stelle aus der Apologievermutlich ist die Apologie (Verteidigungsrede) der Confessio Augustana gemeint, die unter der Federführung Philipp Melanchthons entstand. Ihre Erstveröffentlichung erfolgte Ende April 1531. Sie wird sehr oft auch einfach als Apologie bezeichnet. 1537 wurde sie auf dem Schmalkaldischen Konvent offiziell zur Bekenntnisschrift der Protestanten erklärt.Siehe Wikipedia.org [52] (R.pag.70): Fides non ideo justificat aut salvat, quia ipse sit opus per sese dignum, sed tantum, quia accipit misericordiam promissam.Der Glaube rechtfertigt und erlöst nicht dadurch, dass er selbst (und) an sich ein würdiges Werk ist, sondern nur, weil er die versprochene Gnade annimmt.Siehe Wikipedia.org [53] Ein Exemplar der symbolischen Bücher lag auf jedem Platz. Uhlhorn sagte, bestimmungsgemäß sollte es eine lateinische Arbeit sein, und der Wunsch sei auch, dass wir viel und gutes Latein schrieben. Wenn wir aber merkten, dass es mit dem Latein nicht recht gehe, sollten wir nur getrost deutsch fortfahren. Denn es käme mehr darauf an, dass wir inhaltlich Gutes lieferten, als auf das Latein. Ich schrieb denn wacker auf Lateinisch los, da es mir an Übung nicht gefehlt hatte. Nachdem ich aber drei Seiten geschrieben, merkte ich doch das Überwuchern der Phrase, und um inhaltlich etwas zu liefern, ging ich dann auch wie die anderen zum Deutschen über. Vier Stunden Zeit hatten wir zur Arbeit.

Mittwoch folgte die deutsche Klausur unter Aufsicht von Konsistorialrat Kahlo. Thema war: Der Vorsehungsglaube, sein Schriftgrund und seine Bedeutung für das christliche Leben. Hierzu wurden uns nur drei Stunden gegeben. Nach einer Pause kehrten wir noch einmal zu einer anderthalbstündigen Klausur zurück, in der der Katechesenentwurf ausgearbeitet wurde. Thema waren die Gebote, mit Ausschluss jedoch des ersten und des sechsten. Da wir alphabetisch geordnet saßen, von meinen Mitexaminanden aber einer mit A, drei mit B und einer mit C anfing, war ich mit meinem D der sechste. Es war mir natürlich ganz lieb, dass ich auf diese Weise nicht das sechste Gebot bearbeiten musste, sondern das achte.

Die Nachmittage waren frei und wurden, soweit das Memorieren des Predigtteils uns nicht in Anspruch nahm, zu gemeinsamen Spaziergängen benutzt. So waren wir schon Sonntag im zoologischen Garten gewesen, da wir eine gewisse Wahlverwandtschaft mit den gefangenen Bestien fühlten. Wir bewunderten zwei prachtvolle Königstiger und amüsierten uns am Affenhause über einen Affen, der einer Frau, die ihm etwas zu nahe kam, die gemachte(!) Blumenranke vom Hut riss und sich mit seinem Raube schleunigst in den obersten Wipfel seines Baumes flüchtete, um ihn da zu verzehren. Wie ihm das Mahl bekommen ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Einen Abend, ich glaube Dienstag, waren wir auch im Theater und hörten den berühmten Karl SonntagKarl Sontag (1828-1900) war Schauspieler Dramatiker und Schriftsteller.Siehe Wikipedia.org [54].

Donnerstag kam dann das mündliche Examen. Es ging nicht besonders. Zwei von uns versagten fast gänzlich. Das legte einen gewissen lähmenden Druck auch auf uns andere, so dass es zu einer Frische, wie sie mir von meinem Abiturientenexamen erinnerlich war, nicht kommen mochte. Uhlhorn machte den Anfang mit dem Alten Testament. Er verlangte vieles nicht, was ich wusste und fragte nach manchem, was ich nicht wusste. Ich sollte erzählen, was ich vom Propheten Hesekiel wusste. Viel war es nicht, es genügte aber. Dann mussten wir Jeremias 31 übersetzen. Es ging ziemlich, besonders erkannte Uhlhorn mein gutes Lesen an. Das hatte ich mir durch fleißige Übung im Göttinger Jahr erworben. Dann examinierte Ritschl, der als Mitglied der Fakultät der Prüfungskommission angehörte, in Dogmatik. Er fing unten an, also mit mir, und wollte wissen, was man im wissenschaftlichen Sprachgebrauch unter einem System verstände. Ich sagte, was ich bei Kahnis gelernt, und er katechisierte dann über meine Antwort. Sein Examen war überhaupt mehr eine Katechese, sodass, wer aufpasste und sein Teil gelernt hatte, auch wenn er in Ritschls Dogmatik nicht eingefahren war, bestand. Er wollte dann das System der hergebrachten Dogmatik nicht gelten lassen und brachte die Rede auf Luthers Freiheit eines Christenmenschen, das ihm das eigentliche System war. Auch auf den Vorsehungsglauben kam er zu sprechen und zeigte, wie der erste Artikel nicht im Vorhof des christlichen Glaubens stände, sondern ein eigentliches Herzstück desselben wäre. Bartels, der in seine Terminologie eingeritten war, schnitt hier besonders gut ab. Mir half meine Bibelkenntnis. Dann kam Uhlhorn mit Kirchengeschichte. Auf die hatte ich besonders meine Hoffnung gesetzt. Hier ging es mir aber am wenigsten gut. Uhlhorn examinierte die Geschichte des Mönchs- und Klosterwesens und in der Zeit nach der Reformation die der christlichen Liebestätigkeit, und blieb dabei, obgleich wir alle nicht viel darin wussten. Jeder Gegenstand hatte etwa anderthalb Stunden beansprucht. Dann wurde eine Pause gemacht. Nach derselben examinierte Kahle im Neuen Testament. Vormittags hatten wir uns alle etwas über ihn geärgert, weil er bei dummen Antworten sein Lachen nicht zurückhalten konnte. Er prüfte aber angenehm, und es ging verhältnismäßig bei ihm am besten. Dann kam noch Ethik bei Ritschl, wobei das Examen mehr den Charakter einer Unterhaltung annahm. Bevor das Examen zu Ende ging, forderte uns Uhlhorn noch auf einmal, soweit es noch nicht geschehen, um Dispens vom KulturexamenDie preußischen Gesetze zur Trennung von kirchlichen und staatlichen Angelegenheiten beinhalteten u. a. ein Kulturexamen für Geistliche. Diese sollten beide alten Sprachen beherrschen und Kenntnisse über Staatskirchenrecht, Weltgeschichte, Geschichte der Philosophie und Literaturgeschichte nachweisen.Siehe Wikipedia.org [55] - das dies Jahr zum ersten Mal in Kraft trat, von dem aber auf Antrag noch dispensiert wurde, da die Prüfungskommissionen noch nicht gebildet waren - einzukommen, sodann das zweite Examen nicht zu sehr hinauszuschieben, das sei einmal eine Pflicht gegen die Kirche bei dem gegenwärtigen Kandidatenmangel, sodann eine Pflicht gegen uns selbst - eine Spitze gegen Ritschl, der in der Ethik von Pflichten gegen uns selbst nichts wissen wollte - da nach der Ableistung des zweiten Examens demnächst unser Dienstalter berechnet werden würde.

Freitag fand die Katechisations- und Predigtprobe statt. In der Sakristei der Schlosskirche hatten sich drei Chorknaben als Versuchskaninchen in ihren Chormänteln eingefunden und waren auf drei Stühlen platziert. Ihnen gegenüber saßen die drei Examinatoren. Das Viereck wurde vervollständigt durch die Examinanden, von denen auf jeder Seite zwischen Examinatoren und Kindern drei saßen. Nun fingen die Katechisationen an. Einer der Examinanden nach dem andern trat in das offene Viereck, den Rücken den Examinatoren, das Gesicht den Kindern zugewandt, und katechisierte so gut er wusste und konnte. Ritschl, dem ich zunächst saß, flüsterte mir, als der Erste seine Künste probierte, leise zu: Nicht wahr, es ist leichter, sich examinieren zu lassen als zu examinieren? Zehn Minuten oder etwas darüber quälte jeder sich selbst oder seine Objekte, bis Uhlhorn rief: Es ist genug. Dann also hinauf in die Kirche, die Examinanden auf den Chor, von denen einer nach dem andern die Kanzel bestieg, die Examinatoren das Schiff. Wieder nach Verlauf von zehn Minuten gab Uhlhorn das Zeichen zum Aufhören. Dann begaben sich die Examinatoren wieder in die Sakristei, und einer nach dem andern musste aus dem Chor hinab, um sein Urteil über seine Leistungen zu empfangen, und kam dann mit allen Zeichen des Entsetzens wieder herauf, um den andern zu berichten, wie ihm mitgespielt worden. Ich als der letzte musste alles vor mir ansehen und anhören und konnte die Bitterkeit des Examens bis an die Hefen auskosten. Endlich kam die Reihe an mich. Als ich auf dem Armsünderstühlchen Platz genommen, fing Uhlhorn an: Wir wollen mit dem Schwächeren beginnen, denn das werden Sie sich selbst sagen, dass das mit Ihrer Katechese noch nichts war. Nun wurde sie verhackstückt. Zuerst der Entwurf, das sei kein Katechesenentwurf. Ich hatte mich nach der mehr in zusammenhängender Rede ausführenden Weise gerichtet, die ich von Waldemar Schmidt gelernt, mochte aber meine Ausführurigen schlecht genug gemacht haben. Dann kam die Abhaltung der Katechese selbst, deren Mängel mir während des Haltens selbst schon klar geworden. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass Uhlhorn, wenn er mir alle Schwächen und alles Verfehlte der Katechese werde vorgehalten haben, fortfahren werde: Besser war Ihre Predigt. So kam es denn auch. Er erklärte allerdings, von meiner Einleitung wie mit kaltem Wasser übergossen zu sein - ich hatte wie gewöhnlich zu weit ausgeholt. Auch die Disposition wollte er nicht gelten lassen, erkannte aber dann die Ausführung in aller Weise an, sie sei klar und fasslich.


[50] 1. Sonntag nach Ostern
[51] unter Klausur, also selbständig und unter Aufsicht
[52] vermutlich ist die Apologie (Verteidigungsrede) der Confessio Augustana gemeint, die unter der Federführung Philipp Melanchthons entstand. Ihre Erstveröffentlichung erfolgte Ende April 1531. Sie wird sehr oft auch einfach als Apologie bezeichnet. 1537 wurde sie auf dem Schmalkaldischen Konvent offiziell zur Bekenntnisschrift der Protestanten erklärt.
[53] Der Glaube rechtfertigt und erlöst nicht dadurch, dass er selbst (und) an sich ein würdiges Werk ist, sondern nur, weil er die versprochene Gnade annimmt.
[54] Karl Sontag (1828-1900) war Schauspieler Dramatiker und Schriftsteller.
[55] Die preußischen Gesetze zur Trennung von kirchlichen und staatlichen Angelegenheiten beinhalteten u. a. ein Kulturexamen für Geistliche. Diese sollten beide alten Sprachen beherrschen und Kenntnisse über Staatskirchenrecht, Weltgeschichte, Geschichte der Philosophie und Literaturgeschichte nachweisen.